Interview

Warum Vettels Autos immer Frauennamen haben

Wieder einmal war niemand schneller als Sebastian Vettel: Im vierten Rennen dieser Formel-1-Saison steht der Red-Bull-Pilot am Sonntag in Shanghai zum dritten Mal auf der Pole Position. Morgenpost Online sprach mit dem 22-Jährigen über sein Leben mit dem Erfolg, deutsche Rivalen und die "Leckere Liz".

Morgenpost Online: Warum haben Sie Ihrem Rennwagen den Namen „Luscious Liz“ (Leckere Liz) gegeben?

Sebastian Vettel: Mir macht es Spaß, meinen Rennautos Namen zu geben. Es sind aber immer Frauennamen. Die klingen meistens schöner als Männernamen, außerdem passen Frauen und Motorsport für mich irgendwie gut zusammen.

Morgenpost Online: Schimpfen Sie mit Liz, wenn Sie wie in Bahrain und Melbourne mit einem technischen Defekt ausfallen?

Vettel: Natürlich mag ich es nicht, wenn meine Kiste zickt, aber leider kann Liz nicht sprechen.

Morgenpost Online: Also?

Vettel: Ich versuche, im Ernstfall schon die Anzeichen eines Defekts zu deuten, und setze mich mit den Ingenieuren zusammen und wir analysieren zusammen das Auto.

Morgenpost Online: Und was passiert mit Liz, wenn Sie mit ihr gewinnen?

Vettel: Dann kaufe ich ihr einen Strauß Blumen.

Morgenpost Online: Was für ein Gentleman.

Vettel: Scherz beiseite. Dann freue ich mich natürlich. Siege sind das Ziel. Dafür sind wir hier und gehen sonntags an den Start. Die Emotionen, die man nach einem Sieg erleben darf, sind jedes Mal etwas ganz Besonderes.

Morgenpost Online: Fahren Sie mit Liz das beste Auto in der Formel 1?

Vettel: Eines der besten. Es kommt immer auf die Strecke an, mal passt das Paket besser, mal nicht so gut. Aber wir haben ein sehr gutes Auto und sind als Team solide unterwegs. Die ersten Rennen waren nicht ganz nach unserem Geschmack. Wir waren zwar schnell, aber es gab die eine oder andere Kinderkrankheit. In Malaysia hat dann alles gestimmt.

Morgenpost Online: Ohne die technischen Probleme in Bahrain und Melbourne hätten Sie womöglich beide Rennen gewonnen und damit eine komfortable Führung in der WM. Ärgert Sie das?

Vettel: Natürlich habe ich mich nach den beiden Rennen geärgert. Aber ich habe keinen Frust ?geschoben. Ich konzentriere mich lieber auf die Zukunft, als mich über Vergangenes zu ärgern. In der letzten Saison sind die ersten Rennen für mich auch nicht so glücklich verlaufen, und ich habe am Ende trotzdem um die Weltmeisterschaft ganz vorne mitkämpfen können.

Morgenpost Online: Wie groß ist in Bezug auf die Zuverlässigkeit Ihres Autos im Moment das Vertrauen in Ihren Rennwagen?

Vettel: Die Antwort haben wir in Malaysia gegeben. Die Defekte von Bahrain und Melbourne haben uns überrascht, aber jetzt haben wir die Probleme verstanden. Diese Probleme werden nicht mehr auftauchen. Deshalb gibt es für mich überhaupt keinen Grund, in Panik, Misstrauen oder Verunsicherung zu verfallen.

Morgenpost Online: Was wird in dieser WM ausschlaggebend für den Titelgewinn sein?

Vettel: Wie immer das Gesamtpaket. Natürlich ist die Leistung des Fahrers wichtig, aber er braucht ein gutes Auto und ein kompetentes Team, das hinter ihm steht. Die Konstanz entscheidet am Ende.

Morgenpost Online: Welches Team und welchen Fahrer fürchten Sie im Titelrennen am meisten?

Vettel: McLaren, Ferrari und Mercedes sind ganz oben auf der Liste und somit die sechs dazugehörenden Fahrer. Mein Teamkollege Mark Webber ist auch nicht zu vergessen.

Morgenpost Online: Er steht beim Start in Shanghai neben Ihnen an Position zwei. Wie sehen Sie das teaminterne Duell? Verfügt Mark Webber denn über Eigenschaften, die Ihnen Mühe bereiten?

Vettel: Mark und ich haben ein sehr gutes Verhältnis. Das ist notwendig, weil wir beide erst die Voraussetzungen für ein tolles Auto schaffen wollen. Erst in zweiter Linie suchen wir den Konkurrenzkampf.

Morgenpost Online: Halten Sie Michael Schumacher dieses Jahr noch für einen Anwärter auf den WM-Titel?

Vettel: Die Saison ist noch lang, eine Menge Rennen sind zu fahren, Michael ist unumstritten einer der Besten und sitzt in einem sehr guten Auto. Es bleibt abzuwarten, um wie viel Mercedes sich noch steigern kann, aber auf der Rechnung sollte man Michael auch in diesem Jahr noch unbedingt haben.

Morgenpost Online: Hat Sie die Leistung von Schumachers Teamkollegen Nico Rosberg überrascht?

Vettel: Ganz und gar nicht. Nico war immer schon ein guter Fahrer, und ich denke, dass er und Michael sich sehr gut im Team ergänzen.

Morgenpost Online: Welchen deutschen Fahrer halten Sie aktuell für Ihren größten Konkurrenten?

Vettel: Grundsätzlich den, der aktuell die meisten WM Punkte hat. Im Moment ist das Nico Rosberg.

Morgenpost Online: Hat sich nach dem zweiten WM-Platz im Vorjahr und Ihrer öffentlichen Aufwertung als Sportler Ihr Leben gravierend verändert?

Vettel: Gravierend nicht. Ich stehe immer noch morgens auf, dusche, frühstücke. Das ist alles so wie früher. Allerdings wird man jetzt schon mal öfter auf dem Flughafen oder in einem Restaurant nach einem Foto oder Autogramm gefragt.

Morgenpost Online: Haben Sie da eine Art Schutzschild aufgebaut?

Vettel: Es gibt zwei Seiten: die Auftritte in der Öffentlichkeit, die zu meinem Job gehören und die ich gerne mache und akzeptiere. Auf der anderen Seite gibt es mein Privatleben. Ich bin kein großer Fan von Homestorys und trage mein Privatleben nicht in die Öffentlichkeit. Ich kann das Interesse daran zwar nachvollziehen, aber ich möchte es nicht bedienen, weil alles, was privat ist, auch privat bleiben sollte. Dazu gehört, dass ich dieses Leben lieber mit meinen Freunden und meiner Familie verbringen will. Ich denke, das muss man akzeptieren und außerdem gibt es ja genügend andere, die so was gerne machen.

Morgenpost Online: Wenn Sie dieses Jahr bereits den WM-Titel gewinnen sollten: Welche sportlichen Ziele bleiben Ihnen im Alter von 22 Jahren dann noch?

Vettel: Ich hatte nicht vor, nach meinem ersten WM-Titel sofort in Rente zu gehen, sondern um weitere Titel zu kämpfen. Aber grundsätzlich liegt die Motivation darin, so lange Formel-1-Rennen zu fahren, solange es mir einfach Spaß macht. Und zwar völlig unabhängig von Titeln.