Aus für German Open

Das deutsche Tennis ist an einem neuen Tiefpunkt

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Jörg Winterfeldt

Foto: dpa

Katars Verband verkauft die German Open der Frauen in Berlin – ein neuer Tiefpunkt für das deutsche Tennis. "Wir können froh sein, dass die Katarer so lange da waren, sonst hätten wir schon lange die Vorhänge zumachen müssen", sagt DTB-Präsident Georg von Waldenfels. Für ihn droht die Lage außer Kontrolle zu geraten.

Den offiziellen Terminkalender hat Larry Scott bisher nicht bereinigt. Dort führt seine Frauentennisorganisation WTA noch immer für die Woche ab dem 18. Mai die mit 600.000 Dollar dotierten Qatar Telecom German Open.

Doch geht niemand mehr von der Durchführung der prestigeträchtigen Veranstaltung in Berlin aus. Wie der „Tagesspiegel“ am Mittwoch berichtete, bestätigte WTA-Chef Scott per E-Mail Josef Minderjahn, dem Vorsitzenden des LTTC Rot-Weiß als Turnierausrichter, „dass Katars Tennisverband das Turnier an die WTA zurückverkauft hat“. Nun gilt Warschau als Interessent, aber die kurzfristige Verlegung noch in diesem Jahr als unwahrscheinlich.

Die Nachricht trifft Berlin nicht unvorbereitet. Seit der Deutsche Tennis Bund (DTB) zu seiner Konsolidierung die Turnierlizenz im Herbst 2004 für 6,75 Millionen Euro an Katars Tennisverband verschachert hatte, kamen zwar viele Stars, doch pflegte schon der DTB jährlich eine Million Euro Miese zu machen.

Bei den Scheichs aus Katar liefen die Geschäfte bilanziell vergleichbar, obwohl sie sich sogar die Sponsoren, von der Telefon- bis zur Mineralölgesellschaft mitbrachten. Jetzt scheint es sogar billiger, statt der Einhaltung des im Sommer auslaufenden Vertrages lieber den fixierten Schadensersatz in Höhe des Preisgeldes zu zahlen. „Wir kämpfen darum, das Turnier in Berlin zu halten“, sagte der vom Aus überraschte DTB-Präsident Georg von Waldenfels: „Wir können froh sein, dass die Katarer so lange da waren, sonst hätten wir schon lange die Vorhänge zumachen müssen.“

Der WTA hat am Mittwoch einen Brief geschrieben mit eindringlichem Appell: „Deutschland ist einer der größten Märkte im Tennis“, sagt er, „den kann die WTA nicht vernachlässigen – da hat sie eine Pflicht.“


Später Abschied von den Saus-und-Braus-Jahren

Für von Waldenfels droht die Lage gerade erneut außer Kontrolle zu geraten. Schon in den vergangenen neun Jahren seiner Amtszeit war er oft als heimlicher Insolvenzverwalter einer Föderation unterwegs, die nur allzu ungern und verspätet von den Saus-und-Braus-Jahren der Steffi-Graf-und-Boris-Becker-Zeit Abschied nahm. Weil die Spielervereinigung ATP das Männerturnier des DTB am Hamburger Rothenbaum in eine minderwertige Kategorie degradierte, hatte der DTB die ATP verklagt und vorigen Sommer in erster Instanz verloren. Anfang der Woche floppte von Waldenfels bei seiner Mission, mit der ATP eine außergerichtliche Einigung zu erzielen, so dass nun im Frühjahr eine Berufungsverhandlung droht. Dabei belasten den Verband schon jetzt eigene Anwaltskosten in Höhe von 2,7 Millionen Euro und eine Klage der ATP, die nach ihrem erstinstanzlichen Sieg Anwaltskosten in Höhe von 12,8 Millionen Euro einfordert.

Am Rothenbaum, wo die Katarer ebenfalls mit 25,1 Prozent beteiligt sind, hat der Verband daher einen Rettungsplan für sein Männerturnier angeschoben: Er lässt sein Turnier von einer Gesellschaft Michael Stichs, 1993 bislang letzter deutscher Sieger des Turniers, ausrichten. Weil der DTB nach dem US-Gerichtsurteil im ATP-Streit nicht mehr in der Lage war, das finanzielle Risiko zu tragen, hat er das auch gleich an die Stich-Firma weitergereicht.

Kommunikation so üppig wie Wasser in der Wüste

Das Ende der arabischen Geduld in Berlin bahnte sich mit zwei aufeinanderfolgenden Wechseln in der Verbandsführung an. Von Waldenfels besiegelte seine Deals einst noch mit Scheich Mohamed Bin Faleh Al Thani, einem Spross der Herrscherdynastie, als der den Tennisverband anführte. Inzwischen leiten Nasser Ghanim Al-Khelaifi als Präsident und Mohammed Rashed Al-Mohannadi als Generalsekretär die Föderation. Sie haben ihr Desinteresse am Berliner Turnier zuletzt eindrücklich unter Beweis gestellt: Die Kommunikation mit den Berliner Turniereigentümern ist so üppig wie Wasser in der Wüste; zudem warten zahlreiche Geschäftspartner aus dem vorigen Jahr noch auf Zahlungen in Höhe von mehreren hunderttausend Euro. „Unter Scheich Mohammed wäre das alles sicher nicht passiert“, jammert von Waldenfels.

Rot-Weiß droht nun auf einem teuren Erbe sitzen zu bleiben: Der Ausbau des Centre-Courts, einst mit zehn Millionen Euro aus Lottomitteln gefördert, trägt zu immensen Unterhaltungskosten der Anlage bei. Der Ausweg ist auch teuer: Der Abriss der Tribüne verschlänge gar 2,5 Millionen Euro. „Wir haben mit der Durchführung 2009 noch gerechnet“, klagt Klubchef Minderjahn, „so wie die Katarer voriges Jahr noch hier aufgetreten sind.“