Bundestrainer Bauermann

Was sich im deutschen Basketball ändern muss

Dirk Bauermann trainiert die Basketball-Nationalmannschaft. Der 51-Jährige hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg und prangert die Missstände im deutschen Basketball offen an. Was sich in der Bundesliga ändern sollte und warum die neue O2 World der Sportart einen Schub gibt, sagt Bauermann auf Morgenpost Online.

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Morgenpost Online: Herr Bauermann, was fangen Sie an mit Ihrer vielen Freizeit, jetzt, wo Sie nicht mehr in Doppelfunktion tätig sind?

Dirk Bauermann: Es gibt ja genug Arbeit. Der Rhythmus ist zwar ein anderer, aber ich warte jetzt nicht darauf, endlich mal wieder den Rasen mähen zu dürfen.

Morgenpost Online: Nun taugt Rasenmähen nur bedingt zum Wettkampf. Aber genau den waren Sie doch jahrelang gewöhnt. Fehlt Ihnen nicht etwas?

Bauermann: Ich habe massive Entzugserscheinungen (lacht). Nein, anfangs war das schon ungewohnt. Am meisten fehlt mir aber die tägliche Arbeit mit den Spielern. Ein Dutzend unterschiedliche Typen zusammenzubringen und gemeinsam etwas zu erreichen. Andererseits habe ich zuletzt Bamberg und die Nationalmannschaft fünf Jahre ohne jede Pause betreut, da besteht auch die Gefahr, auszubrennen. Meine neue Aufgabe macht mir Spaß, sie ist sehr wichtig für den deutschen Basketball, ich kann viel bewegen.

Morgenpost Online: Kritiker behaupten, in der mit 18 Teams viel zu großen Bundesliga spielten mehr drittklassige Amerikaner als je zuvor. Was haben Sie denn Positives gesehen im vergangenen halben Jahr?

Bauermann: Ich würde mir auch eine kleinere Bundesliga wünschen, 16 Mannschaften wären ein erster Schritt. Aber positiv ist zum einen die O2 World in Berlin: Mit dieser Arena wurde eine neue Tür aufgestoßen, die andere Bundesligavereine daran erinnert, dass es immer weitergehen muss, dass alle Klubs weitere Anstrengungen unternehmen müssen, um an Alba dranzubleiben. Das hilft der Liga. Zum anderen habe ich viele Spieler der Generationen 1988, ’89, ’90 gesehen, mit denen ich die Perspektive sehe, in Europa Anschluss zu halten. Ich könnte jetzt 20 aufzählen im Alter zwischen 16 und 20 Jahren. Vor ein paar Jahren wären es nur fünf gewesen. Man muss sie allerdings auch in der Spitze mitspielen lassen.

Morgenpost Online: Etliche von denen spielen gar nicht in der Bundesliga?

Bauermann: Richtig. Ich sehe mir auch mehr Spiele in den zweiten Ligen, also Pro A und Pro B, an. Diese Ligen nehmen inzwischen ihren Auftrag ernst, Ausbildungsligen zu sein. In der Pro A muss immer ein deutscher Spieler auf dem Feld sein, in der Pro B zwei.

Morgenpost Online: Wünschen Sie sich solche Regelungen in der Bundesliga? Bekommen Deutsche zu wenig Chancen?

Bauermann: Das kann man so nicht sagen, die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Aber auch hier gilt: Es muss weitergehen. Das ist in ganz Europa ein Thema. In Russland, der Türkei oder Israel gibt es diese Quotenregelungen – und sie helfen. Ideal wäre, wenn von zwölf Spielern auf dem Spielberichtsbogen sechs Deutsche wären. Oder man reduziert die Zahl der ausländischen Spieler: höchstens sechs in der BBL, vier in der Pro A, zwei in der Pro B.

Morgenpost Online: Sie werden bald viele junge Nationalspieler brauchen. Etliche der Routiniers, die jahrelang für Erfolge bei internationalen Turnieren standen, hören auf. Und Dirk Nowitzki hat nach den Olympischen Spielen in Peking rigoros gesagt, die Europameisterschaft in Polen komme für ihn kaum in Frage...

Bauermann: Endgültig ist das nicht. Die EM ist spät, erst im September ( 7. bis 20. – d.R. ). Da ist in Amerika seit Monaten Pause, und Dirk ist es sicher langweilig. Für die Entwicklung der jungen Spieler wäre es wahnsinnig wichtig, wenn er in Polen dabei wäre. Ich bin optimistisch, dass wir das hinkriegen.

Morgenpost Online: Kommt auch Chris Kaman zurück, der zweite NBA-Profi?

Bauermann: Ich habe ihn in Kalifornien besucht, und er war begeistert von Olympia, der Stimmung im deutschen Team, dem Zusammenhalt. Das war ein guter Kontrast zur kalten NBA. Aber er ist schwer am Knöchel verletzt. Die Los Angeles Clippers, sein Arbeitgeber, haben schon vergangenes Jahr großen Ärger gemacht. Da bin ich skeptisch.

Morgenpost Online: Zurück zur Bundesliga: Was fehlt der BBL aus Ihrer Sicht?

Bauermann: Ein stärkeres deutsches Element würde ihr gut tun. Da muss noch mehr als bisher ein Umdenken stattfinden. Ich rede nicht nur über die Klubs. Natürlich müsste es mehr Typen geben, die für einen Verein stehen, wie Pascal Roller für Frankfurt, früher Steffen Hamann für Bamberg, noch früher Henrik Rödl für Berlin. Die fehlen gerade, die müssen wir entwickeln. Nehmen Sie ein Land wie Griechenland: Da werden einheimische Leistungsträger von Fans, Medien und Präsidenten gemeinsam gefordert. Ich denke aber auch an Trainer und Schiedsrichter.

Morgenpost Online: Was meinen Sie?

Bauermann: Die Bundesliga ist die einzige europäische Topliga, in der so wenig einheimische Trainer tätig sind. Warum? Deutsche Trainer mit hoher Qualität gibt es genug. Und warum stehen in Griechenland griechische Spieler quasi unter Artenschutz, wenn sie eingewechselt werden? Bei uns ist es genau andersherum, da wird ein junger Deutscher eingesetzt und bekommt als erstes von den Schiedsrichtern ein Foul angeschrieben. Das hat nichts mit chauvinistischem Denken zu tun, aber man muss doch sagen dürfen: Wir reden hier über die deutsche Profiliga. Wir müssen endlich von dem Denken wegkommen, dass jeder besser Basketball spielen kann als wir Deutsche. Das stimmt nicht. Lasst die Jungen spielen, und sie werden es mit Leistung danken.

Morgenpost Online: Bundestrainer können solche Forderungen leicht stellen!

Bauermann: Es geht mir nicht um Konfrontation mit den Klubs, ich kenne doch als ehemaliger Vereinstrainer beide Seiten und weiß, dass immer schnelle Erfolge gefordert werden. Trotzdem brauchen alle gemeinsam eine starke deutsche Nationalmannschaft. Das Beispiel Handball zeigt, wie das funktioniert. Wir müssen aufpassen, dass Basketball hierzulande nicht wirklich zur Randsportart verkümmert.