Lange Profikarrieren

Eishockey - der perfekte Sport für alte Männer

Beim Eishockey geht es hart zu. Doch ausgerechnet beim schnellsten Mannschaftssport der Welt bleiben die Spieler deutlich länger in Topform als etwa beim Basketball oder Handball. Nicht wenige Profis steuern auf die 40 zu. Auch bei den Eisbären sorgt ein Oldie für Siege.

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Zum Geburtstag wäre ein Kuchen angebracht, am besten mit der den Lebensjahren entsprechenden Anzahl von Kerzen. Will sich die Mannschaft der Detroit Red Wings in gut einem Monat bei Jubilar Chris Chelios daran halten, muss jeder Kollege allerdings zwei Lichter spendieren. Zwar verfügen gerade die Klubs in der NHL, der besten Eishockey-Liga der Welt, über sehr große Profikader. Jener der Red Wings ist mit 23 Spielern aber trotzdem gerade mal halb so groß wie Chelios alt. Am 25. Januar wird der US-Amerikaner 47.

Chelios ist ein Extrem, nur selten dauert eine Profikarriere so lang wie die des Verteidigers. Gleichzeitig stellt der Amerikaner jedoch mehr als eine Ausnahme dar. Vielmehr dient er als bestes Beispiel dafür, dass im Eishockey der Profistatus besonders lange beibehalten werden kann. Oft länger als in anderen Teamsportarten üblich - und auf sehr hohem Niveau. Diesen Beweis führten die Red Wings in der vergangenen Saison eindrucksvoll. Gleich fünf Akteure, die 37 oder älter waren, spielten da fortwährend für Detroit. So viel Erfahrung brachte keine andere Mannschaft zusammen. Am Ende gewannen die Red Wings zum elften Mal den Stanley Cup, die Meisterschaft in der NHL.

Derzeit gibt es in der NHL 33 Profis, die in dieser Saison 37 werden oder das Alter schon überschritten haben. In der Basketballliga NBA sind es gerade vier, Die American-Football-Liga NFL kommt auf 23, die vergleichsweise bewegungsarme Baseballliga MLB auf gerade mal 25.

In Deutschland sind die Verhältnisse ähnlich. Gibt es in der Handball-Bundesliga noch 21 Profis, die in dieser Saison 36 werden oder bereits älter sind, so sind es bei den Basketballern lediglich fünf Spieler. In der Fußball-Bundesliga erreichen acht Profis dieses Alter, vier davon sind Torhüter. Weit vorn liegt die Eishockey-Liga DEL mit 36 Profis.

Oldie Beaufait schießt die Tore für die Eisbären

Ist das so überaus intensive Eishockey also der perfekte Sport für alte Männer? Und wenn ja, warum ist das so? "Ich finde diese Statistik interessant, aber ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht", sagt Mark Beaufait. Mit 38 Jahren mimt der US-Amerikaner den Alterspräsidenten des EHC Eisbären, der mit Steve Walker und Brandon Smith zwei weitere Profis besitzt, die demnächst 36 werden. Oft mussten sich die Berliner zuletzt gerade dafür kritisieren lassen, Beaufait weiter zu beschäftigen. Zu alt gleich zu schlecht, so die einfache Rechnung, die dem EHC vorgehalten wurde. Am Tag vor Weihnachten erzielte Beaufait beim 4:3 über die Krefeld Pinguine drei Tore und gewann das Spiel für die Eisbären. Es war Beaufaits erster Hattrick in der DEL nach über sechs Jahren in Deutschland. Erfahrung kann sich eben auch auszahlen.

Den einen Grund, warum man ausgerechnet den schnellsten Mannschaftssport der Welt offenbar länger auf Topniveau betreiben kann, den gibt es wohl nicht. Vielmehr kommen mehrere Umstände zusammen, die eine lange Karriere ermöglichen.

Da wäre etwa die medizinische Seite. "Die Verletzungshäufigkeit ist zwar grundsätzlich nicht geringer als anderswo. Aber meist ist alles weitgehend wieder herstellbar", sagt Eisbären-Mannschaftsarzt Jens Ziesche. Während bei anderen Sportarten Knie- und Sprunggelenke großem Verschleiß ausgesetzt sind, haben die Spieler auf Kufen damit kaum Probleme. EHC-Kapitän Steve Walker kann seiner Arbeit beispielsweise mit gerissenem Kreuzband nachgehen. Ohne Schlittschuhe humpelt er, auf dem Eis ist davon nichts zu merken. Auch weil sich die Knie mit Orthesen gut stützen lassen.

Vielseitiges Training hält jung

Für EHC-Manager Peter John Lee, der seine aktive Karriere selbst erst mit 41 Jahren beendet hat, liegt ein weiterer Grund im geschmeidigeren Bewegungsablauf auf dem Eis. "Wenn man in Schwung ist, gleitet man viel. Das geht nicht so auf die Knochen wie ständige abrupte Richtungswechsel auf einem stumpfen Untergrund", sagt Lee. Jeff Tomlinson, Co-Trainer der Eisbären, sieht einen anderen Aspekt im komplexen Training: "Eishockey verlangt Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit. Deshalb muss man vielseitig trainieren. Wer das gut macht, ist ziemlich fit."

Eine nicht unerhebliche Rolle dürfte zudem eine infrastrukturelle Komponente spielen. Um Eishockey spielen zu können, bedarf es einiger Voraussetzungen, die nicht gerade wenig Geld kosten. Einfach nur ein Ball reicht eben nicht. Das schränkt die Zahl der Spieler ein. "Insgesamt gibt es vor allem in Europa weniger Nachwuchs, die interne Konkurrenz ist nicht ganz so groß", sagt Jeff Tomlinson.

Locker in den Karriereherbst rutschen kann trotzdem niemand. "Man muss schon einiges mehr tun im Alter", weiß Beaufait. Sechsmal die Woche trainiert er im Sommer. "Ich würde mich sonst auch faul fühlen." Diese Selbstdisziplin hält Lee für eine ganz bedeutende Eigenschaft: "Wer nicht versteht, dass man immer an sich arbeiten muss, der wird auch im Eishockey keine lange Karriere haben." Da Beaufait dies verstanden hat, würde es nicht wundern, wenn sein zum Saisonende auslaufender Vertrag noch einmal verlängert wird.