Tennis

Jankovic siegt in Stuttgart und ist die Nummer eins

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J. Winterfeldt und K. Schlütter

Foto: AP

Dass Jelena Jankovic nach dem Turnier in Stuttgart die Führung in der Tennisweltrangliste übernehmen würde, stand bereits am Mittwoch fest. Doch mit einem Erfolg kann die Serbin das sicher noch mehr genießen. Die Fluktuation an der Spitze sehen die Verantwortlichen der WTA aber mit gemischten Gefühlen.

Das Finale lag längst gewonnen hinter Jelena Jankovic, als die serbische Tennisspielerin vor ihre größte Herausforderung während der Turnierwoche in Stuttgart gestellt wurde. Sie bekam den Schlüssel für ihren roten Porsche Carrera als Erfolgsbelohnung und musste den 4480 Zuschauern gleich mehrere technische Tücken offenbaren: Sie hat keine Übung in so einem Flitzer. Es folgten also einige Lehrminuten zu einem der umstrittensten Phänomene der Automobilgeschichte: Frauen am Steuer.

Jankovic kletterte in das 385-PS-Geschoss, um die Ehrenrunde im 111.000-Euro-Cabrio zu absolvieren, doch wunderte sich das Publikum, als der Motor Minuten lang nicht losdonnerte: Jankovic fahndete rechts vom Lenkrad vergeblich nach dem Zündschloss.


Als der Wagen doch noch irgendwann aufheulte und sich tatsächlich gar in Gang setzte, begleitete ihn hartnäckig ein seltsames Quietschen. Jankovic fuhr gänzlich anders, als sie in ihrem knallroten Kleidchen Tennis zu spielen pflegt: mit angezogener Handbremse.

Häufige Wechsel an der Spitze


Ihre sportliche Glanztat honoriert die Spielerinnenvereinigung WTA am Montag mit der neuen Weltrangliste. Die weist aus, dass Jankovic nach ihrem Endspielsieg (6:4, 6:3) erneut an die Spitze geklettert ist. „Ich arbeite hart und lache viel“, sagte Jankovic, „das zahlt sich aus.“

Symptomatisch für die Qualität des Frauentennis in diesen Tagen wirkt aber, dass Jankovics Thronbesteigung fest gestanden hatte, noch bevor sie am Mittwoch in dem vom schwäbischen Sportwagenhersteller gesponserten Turnier überhaupt einen einzigen Ball geschlagen hatte: Die Amerikanerin Serena Williams, nach ihrem Sieg bei den US Open an die Spitze der Hierarchie gerutscht, besiegelte ihre eigene Ablösung nach nur vier Wochen, indem sie überraschend gleich ihr Auftaktspiel bei dem mit 650.000 Dollar dotierten Turnier verlor.

Hofften die Bosse des Tennissports einst zu Zeiten von Steffi Graf, Monica Seles oder Martina Hingis noch auf häufigere Wechsel an der Weltranglistenspitze, um der Langeweile vorzubeugen, so müssen sie nach dem plötzlichen Karriereende der Stuttgarter Vorjahressiegerin Justine Henin am 14. Mai 2008 nach deren 117 Wochen als Weltranglistenerste die häufige Fluktuation mit Sorge beäugen.

Die vielen Wechsel nämlich wären nur wertvoll, spiegelten sie die große Ausgeglichenheit zahlreicher Weltklassespielerinnen wider. Stattdessen aber tragen sich die meisten Änderungen eher zufällig zu: durch Verletzungen, mangelhafte Konzentration oder weil mancher Star private Interessen oder jene von Sponsoren dem letzten Biss auf dem Platz voranstellt.

Flip-Flops sind angesagt

Die frühere Wimbledonsiegerin Maria Scharapowa etwa erklärte in der vorigen Woche bereits ihre persönliche Saison wegen der Folgen einer Schulterverletzung für beendet, während die Konkurrenz bis zum Mastersturnier in Doha vom 4. bis 9. November weiter rackern muss. „Ich mache Fortschritte, aber der Heilungsverlauf braucht mehr Zeit als ich gedacht hatte“, ließ sie auf ihrer Homepage notieren.

Die Russin Scharapowa, die 2008 gerade einmal neun Turniere gespielt hat, durfte nach Henins Abschied ganze drei Wochen als Branchenbeste auftreten, dann schaffte es Jankovic bei ihrem ersten Versuch in diesem Jahr bereits, gerade sieben Tage lang die Spitze zu halten. Ihre Landsfrau Ana Ivanovic brachte es auf zwölf Wochen bis zu den US Open. Da gelang ihr ein ähnliches Kunststück wie nun Williams in Stuttgart: Geplagt von einer Daumenverletzung schlampte die Schöne in der zweiten Runde in New York gegen die französische Qualifikantin Julie Coin und gab alsbald kleinlaut zu: „Wenn Sie mich fragen würden, ob ich derzeit wie eine Nummer eins spiele – ich würde mit Nein antworten.“

Nun zählt die Branche darauf, dass Stuttgart-Siegerin Jankovic ihre unlängst bei den Turnierauftritten an den Tag gelegte Konstanz auch an der Weltranglistenspitze bestätigt. Die 23-Jährige hatte bereits in der Vorwoche die Veranstaltung in Peking gewonnen, die sechs Stunden Zeitunterschied und zehn Stunden Flug offenbar problemlos weggesteckt, um in Stuttgart erneut zu triumphieren. Dabei hatte sie sich im Viertelfinale gegen die Russin Vera Zwonarewa den Fuß ramponiert, als ihr beim Sturz in die Bande ein Zehennagel abriss.

Seither musste sie sich vor ihren Spielen mit jeweils zwei Spritzen den Schmerz betäuben lassen. Im Halbfinale räumte sie trotzdem Serenas Schwester Venus Williams nach großem Kampf 6:7, 7:5, 6:2 aus dem Weg. Und der Turnierarzt empfahl ihr, auf dem Heimflug die Schuhmode nicht der Jahreszeit sondern der Verletzung anzupassen: „Ich soll Flip-Flops tragen.“