Helden über Helden

"Im Auto singe ich bei Reinhard Meys Liedern mit"

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Klaus Schlütter

Foto: dpa

Sporthelden wie Franz Beckenbauer oder Boris Becker wurden Idole für Millionen. Aber auch sie bewundern Menschen, Ikonen des Sports, Vorbilder des Lebens. In der Morgenpost Online-Serie sprechen prominente Sportler über ihre Helden. Turnweltmeister Eberhard Gienger (55) über Liedermacher Reinhard Mey (64).

Morgenpost Online : Was bewundert ein CDU-Politiker an einem linksliberalen Liedermacher?

Eberhard Gienger : Die Frage kann man so nicht stellen. Ich habe ihn schon bewundert, als ich noch kein Politiker war. Ich bin mit meiner Frau immer gern zu seinen Konzerten gefahren, meist nach Stuttgart. Meine Frau ist noch ein größerer Fan von ihm als ich.

Morgenpost Online : Was begeistert Sie an ihm?

Gienger : Die Vielzahl seiner Themen. Die Texte gefallen mir, weil sie so ausdrucksstark und treffend formuliert sind, wie zum Beispiel „Der Antrag auf Erstellung eines Antragsformulars“. Bewundernswert finde ich zudem, dass ein Mann nur mit seiner Stimme und einer Gitarre in der Hand seit 40 Jahren die Konzertsäle füllt.

Morgenpost Online : Wie beurteilen Sie Reinhard Mey als Mensch?

Gienger : Ich kenne ihn zu wenig, um mir ein Urteil erlauben zu können. Wir haben uns erst einmal gesprochen. Ich kann ihn nur danach bewerten, was er in seinen Liedern und in Interviews von sich gibt. Da finde ich seine Einstellung zum Leben und zur Politik oder was er über seine Frau, seine Kinder, seine Freunde und Mitarbeiter singt, sehr interessant. Dazu muss man nicht auf seiner Linie liegen, um ihn zu bewundern.

Morgenpost Online : Können Sie verstehen, dass ihn Kritiker wie beispielsweise Barry Graves schon als „nichtssagenden Schnurrenerzähler“, als „Heino fürs dritte Programm“ verunglimpft haben?

Gienger : Nicht jeder hat nur Freunde auf der Welt. Da er mit seinen Texten manchen auf die Füße tritt, kann ich mir gut vorstellen, dass er auch einige Kritiker hat.

Morgenpost Online : Seine Nachbarn auf Sylt hat er 2002 als „Gartennazis“ bezeichnet, weil er sich durch deren Rasenmäher gestört fühlte. Haben Sie es toleriert?

Gienger : Er kann auch grob werden. Aber Mey hat das Ereignis mit der Umdichtung seines Liedes „Irgendein Depp bohrt irgendwo immer“ in „Irgendein Depp mäht irgendwo immer“ verarbeitet. Das war der bessere Weg.

Morgenpost Online : Wie viele seiner Texte kennen Sie auswendig?

Gienger : „Ich hielt den Hörer noch in der Hand, und als ich noch starr vor Schrecken stand, wurde mir erst bewusst, ich hatte soeben mein Einverständnis für eine Homestory gegeben. Noch klangen unheilschwer die Worte in mir: ‚Wir kommen am Dienstag um viertel vor vier. Wir halten Sie auch gar nicht auf. Nach anderthalb Stunden ist alles im Kasten, wir sind wieder verschwunden. Wir machen ein paar Fotos von Ihnen, und dann erzähl’n Sie mir, wie das alles mit ihnen begann.’“ Das war die erste Strophe der „Homestory“. Ich kann aber noch mehr, etwa „Die Blaubeerstunde“ oder „Dr. Nahtlos, Dr. Sägebrecht und Dr. Hein“.

Morgenpost Online : Singen Sie mit, wenn ein Lied von Mey im Radio kommt?

Gienger : Im Auto singe ich mit, da kann mich sonst niemand hören. Da ist das noch sicherer als in der Badewanne.

Morgenpost Online : Angenommen, Sie hätten einen Wunsch frei. Womit könnte Sie Reinhard Mey glücklich machen?

Gienger : Es wäre toll, wenn er mal ein Lied über den Hochzeitstag schreiben würde, was er meines Wissens noch nicht getan hat. Dann wüsste ich, was ich meiner Frau nächstes Jahr zum 30-jährigen Jubiläum schenken kann.