Alba Berlin

Alba Berlins Wiedergeburt mitten in der Corona-Krise

Die Situation ist gerade sehr schwer im Basketball, auch für Alba Berlin. Umso bemerkenswerter ist der Sieg bei ZSKA Moskau.

Luke Sikma (r.) war in Moskau wieder fast der Alte. Sein Arbeitszeugnis für Alba Berlin am Freitag: elf Punkte, neun Rebounds, fünf Assists.

Luke Sikma (r.) war in Moskau wieder fast der Alte. Sein Arbeitszeugnis für Alba Berlin am Freitag: elf Punkte, neun Rebounds, fünf Assists.

Foto: Alexander Shcherbak / picture alliance/dpa

Berlin. Das Siegerlächeln von Ben Lammers wirkte etwas gequält zwischen all den Erschöpfung, aber auch riesige Freude und Erleichterung ausstrahlenden Gesichtern seiner Mitspieler von Alba Berlin. Unter dem rechten Auge des Centers hinterließ eine dunkle Schwellung einen Eindruck davon, mit welch harten Bandagen unter den Körben der Basketball-Euroleague gekämpft wird. Doch in diesem Augenblick war alles weit weg: der Schmerz, die Müdigkeit, das grassierende Coronavirus. Alba hatte 93:88 bei ZSKA Moskau gewonnen, bei einem der Schwergewichte der Königsklasse Europas, verdient und phasenweise mit einer Leichtigkeit, die an die glänzende vergangene Saison erinnerte. „Mit viel Herz, mutigen Pässen und guten Würfen“, fand Spielmacher Peyton Siva, „mit unserem Offensiv-Stil.“

Bei Alba Berlin hat sich das neue Team jetzt besser gefunden

Alba ist wieder da. Noch nicht da, wo die Berliner beim Gewinn der deutschen Meisterschaft waren, als ein harmonierendes Ganzes, das einen solch attraktiven Basketball bot, dass sogar unterlegene Gegner darüber ins Schwärmen gerieten. Aber immerhin da, wo man sein muss, um einen etwas müde und unkonzentriert wirkenden Kontrahenten zu überraschen. Moskaus Trainer Dimitris Itoudis gab zu: „Wir konnten mit Albas Energie und Leidenschaft nicht mithalten.“ Sein Gegenüber Aito Garcia Reneses war sehr zufrieden: „Es ist sehr schwer, in dieser Situation fokussiert zu bleiben. Aber das ist meiner Mannschaft heute sehr gut gelungen.“

Was der Spanier mit „dieser Situation“ meinte, liegt auf der Hand. Alba hatte die ersten drei Partien in der Euroleague klar verloren. Die Integration der fünf neuen Spieler ist der eine Grund dafür; der andere, dass auch die Stammkräfte unerwartet große Schwierigkeiten zeigten, ihr Leadership aufs Feld zu bringen. In Moskau war zu sehen, dass von den Neuen Maodo Lo (15 Punkte) und Simone Fontecchio (20) in diesem Punkt die größten Fortschritte gemacht haben. Aber auch Peyton Siva (12) und Luke Sikma (11), die wieder freche Alba-Pässe nach bekannter Art spielten, waren nach dem 72:93 gegen Anadolu Istanbul drei Tage zuvor nicht wiederzuerkennen.

Die Situation in der Basketball-Euroleague wird immer komplizierter

So viel zum Sportlichen. Doch Reneses meinte mit seiner Situationsbeschreibung noch andere Dinge. Wie beim Auftakt in Tel Aviv musste Alba ein Charterflugzeug nutzen. Linienflüge sind auch nach Moskau nicht mehr zu buchen. Corona hat die Euroleague im Griff. Zwei Spiele von Zenit St. Petersburg wurden bereits mit 0:20 gegen die Russen gewertet, weil sie es nicht schafften, acht gesunde Profis aufs Parkett zu bringen. Diese Zahl schreibt die Euroleague vor. Asvel Villeurbanne droht das gleiche Schicksal, auch zwei Partien der Franzosen wurden abgesagt. Über die Wertung muss das Council der Liga entscheiden.

Und letztlich hat Alba vielleicht sogar bei seinem Sieg in Moskau von der Pandemie profitiert. Denn bei ZSKA bestritt der Center Nikola Milutinov sein erstes Spiel nach einer Covid-19-Erkrankung. Semen Antonov, Janis Strelnieks und Andrei Lopatin sind noch nicht aus der Quarantäne zurück, Trainer Itoudis musste mit einer kleineren Rotation auskommen. Drastisch sind die Verhältnisse erst recht bei Khimki Moskau. Der ZSKA-Lokalrivale hat zwar alle seine vier Spiele bestritten, aber auch alle verloren, weil über die Hälfte des Teams an Corona erkrankt war oder ist. Im Spiel bei Zalgiris Kaunas waren nur sechs Profis einsatzbereit, hinzu kam Hilfe aus Khimkis zweiter Mannschaft. Außerdem stand ein verletzter Spieler auf dem Spielberichtsbogen. So wurde die Zahl acht erreicht. Zalgiris gewann natürlich 84:70.

Positive Covid-19-Tests an vielen Euroleague-Standorten

Ein fairer Wettbewerb ist das längst nicht mehr. Doch es wäre nicht gerecht, nur Klubs aus Russland, wo laxere Corona-Regeln gelten, als schlechte Beispiele heranzuziehen. Positive Covid-19-Tests wurden bekannt unter anderem aus Barcelona, Vitoria, Istanbul, Kaunas und Belgrad. Und natürlich Frankreich. Hier wurde sogar während eines Liga-Spiels in Cholet der Asvel-Profi Norris Cole vom Feld beordert und direkt in Isolation geschickt. Sein positiver Test war erst beim Einspielen kurz vor der Partie bekannt geworden. Eine Farce, ein Skandal.

Der Basketball, der nicht zuletzt durch das Bundesliga-Finalturnier in München und die NBA-Blase in Orlando bis dahin gezeigt hatte, dass mit Vernunft und strenger Einhaltung der Regeln die Krankheit im Zaum gehalten werden kann, hat in der Euroleague an einigen der 18 Standorte die Kontrolle offenbar verloren. Jede Reise in Risikogebiete ist mit großen Sorgen verbunden. In Deutschland immerhin ist das bisher nicht so. So kann sich Alba freuen, an diesem Sonntag (18 Uhr, Magentasport) in Bonn gegen Braunschweig zu einem Spiel der ersten Pokalrunde antreten zu können.

Alba startet als Cupverteidiger in den nächsten Wettbewerb

Der Wettbewerb wird in diesem Jahr vor dem Start der Bundesliga durchgezogen, noch so eine besondere Situation. In der Vorrunde in vier Vierergruppen an den Standorten Bonn, Weißenfels, Vechta und Ulm. Weitere Kontrahenten des Cupverteidigers Alba sind am nächsten Wochenende die Bonner und Oldenburg. Die vier Gruppenersten qualifizieren sich für das Top Four in München am 1. und 2. November. Die große Hoffnung ist, dass hier unter strengen Hygienevorschriften alles ohne Corona-Fälle über die Bühne geht. Bisher ist der deutsche Basketball noch mit einem blauen Auge davongekommen.

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