Kommentar

Alba Berlins Motto: Trust the process

Die Pleite gegen Istanbul zeigte, wie viel Arbeit Alba noch hat. Kein Grund, die Geduld zu verlieren, meint Dietmar Wenck.

Foto: dpa/Montage BM

Nein, es ist natürlich nicht die gleiche Geschichte wie beim NBA-Team Philadelphia 76ers, wo vor sieben Jahren ein gewisser Sam Hinkie als General Manager anheuerte und durch eine ungewöhnliche Personalpolitik die chronisch verlierenden 76ers zurück in die Erfolgsspur führen wollte. Was zunächst in weitere Misserfolge mündete, weil er alle Routiniers abgab und die Mannschaft drastisch verjüngte. Verletzungen kamen hinzu. Das führte zu immer neuen Niederlagen, weshalb Hinkie nach drei Jahren seinen Job los war. Doch sein Mantra ist geblieben im Basketball-Land USA: Trust the process, vertraue dem Prozess. Der Erfolg wird kommen, wenn wir unseren Weg unbeirrt weiterverfolgen. Sam Hinkie ist zwar weg, aber inzwischen erreicht Philadelphia regelmäßig das Play-off der besten Liga der Welt.

Zu einer anderen Geschichte: Alba Berlin ist deutscher Meister und Pokalsieger. Es war ein langer Weg dorthin. Drei Jahre brauchte Trainer Aito Reneses, bis er aus guten Spielern eine Mannschaft geformt hatte, die Titel gewinnt. Alle in der Organisation waren in einer seltenen Einmütigkeit von der eingeschlagenen Richtung überzeugt. Trust the process. Am Ziel angekommen, bogen drei der besten Profis ab Richtung Spanien und Serbien. Die Berliner waren darauf vorbereitet und verpflichteten neue, sehr talentierte Spieler. Der Prozess, eine Gruppe zu bilden, die in Europas Königsklasse mithalten kann, begann von Neuem. Nicht bei null, aber die einstige Geschlossenheit ist dahin.

Alba braucht leichtere Gegner für das Selbstvertrauen

Es wird eine gewisse Zeit dauern, bis sie zurückkommt. Schritt für Schritt, wenn überhaupt. Verletzungen wird es geben, weitere personelle Veränderungen – im Sport ist nichts vorhersehbar. Und die allesamt klaren Niederlagen gegen Maccabi Tel Aviv, Bayern München sowie zuletzt Anadolu Istanbul deckten schonungslos auf, wie alle mit sich selbst beschäftigt sind. Die Neuen suchen noch ihre Rolle, die Alten suchen Wege, wie sie ihnen dabei helfen können. In der Folge ist der Fluss dahin, die Selbstverständlichkeit im Zusammenspiel. In der Europaliga erkennen das die Kontrahenten sofort und nutzen es. Für die Berliner ist jede Niederlage wie ein Tritt auf den Keim der Hoffnung, man sei schon ein Stückchen weiter.

Vielleicht ist das die Crux für Alba in dieser merkwürdigen Corona-Saison. Das Team bräuchte momentan Gegner, die nicht ganz so stark sind wie Bayern München, Maccabi, Anadolu sowie am Freitag im nächsten Spiel ZSKA Moskau. Die Bundesliga beginnt aber erst in einem Monat; vorher geht es im Pokal schon um die erste Titelverteidigung. Das erhöht eher Druck und Erwartungen als die Freude daran, zu einer Einheit zusammenzuwachsen. Andererseits musste es klar sein, dass es bei den personellen Wechseln Geburtsschmerzen geben würde. Sie müssen ja nicht so lange dauern wie beim ersten Mal. Trust the process. Und Trainer Aito.

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