Basketball

BBL-Chef Holz: „Letztlich geht es ums Überleben“

BBL-Geschäftsführer Stefan Holz spricht im Morgenpost-Interview über die Risiken und positiven Nebenwirkungen der Liga-Fortführung.

Albas Luke Sikma (l.) kämpft mit seinem Klub ab Sonnabend um den Titel.

Albas Luke Sikma (l.) kämpft mit seinem Klub ab Sonnabend um den Titel.

Foto: Andreas Gora / dpa

Essen. Als die Bayerische Staatsregierung vor knapp zwei Wochen dem Hygienekonzept der Basketball-Bundesliga (BBL) zustimmte, atmete Stefan Holz erleichtert auf. Der BBL-Geschäftsführer (53) und sein Team mussten nun schnell alles vorbereiten für die Saisonfortsetzung, die vom 6. Juni an als dreiwöchiges Final-Turnier in München stattfinden wird. Ein einzigartiges, innovatives, aber auch kühnes Vorhaben.

Berliner Morgenpost: Herr Holz, in Ihrer früheren beruflichen Laufbahn waren Sie unter anderem für die Vermarktung der TV-Show „Wetten, dass…“ und Thomas Gottschalk verantwortlich. Nun sind Sie Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga. Der Plan, eine Profisportsaison als Geister-Turnier während der Corona-Krise fortzusetzen, wäre in der Sendung aber auch gut aufgehoben gewesen. „Wetten, dass…“ das Turnier mit zehn isolierten Teams in München wirklich funktionieren kann?

Stefan Holz: (lacht) Natürlich kann es klappen, sonst würden wir es ja nicht machen. Wir wissen schon, dass es Unsicherheiten und Risiken gibt, aber wir sind sehr zuversichtlich, dass wir Ende Juni einen deutschen Meister krönen werden. Wir haben ein mehr als solides Konzept erarbeitet und wurden von der Politik dafür entsprechend gelobt. Wir haben unseren Job gemacht.

Warum wird die Liga überhaupt fortgesetzt?

Es gibt mehrere Gründe. Es geht nicht allein darum, Verträge zu erfüllen oder Regressansprüche zu reduzieren. Das sind auch Gründe, aber nur davon zu sprechen, ist mir ein wenig zu … freudlos. Unsere Entscheidung soll auch ein Blick nach vorn sein. Wir haben in den vergangenen Jahren viel in die BBL investiert, die Liga hat sich enorm entwickelt, und uns werden von vielen Experten gute Zukunftsaussichten bescheinigt. Wir sehen einfach die Gefahr, dass vieles, was aufgebaut wurde, bei einem Abbruch über den Sommer hinaus nicht überleben würde. Wir wollen mit der Fortsetzung eine Brücke in die kommende Saison bauen und Erfahrungen sammeln, wenn künftig weiterhin ohne Zuschauer gespielt werden müsste. Hinter der Liga steckt so viel mehr als die Profiteams, was bei einem Abbruch gefährdet wäre. Beispielsweise Schulprogramme, der Nachwuchsbereich der Klubs, die Mitarbeiter in den Geschäftsstellen. Das alles wollen wir mit diesem Turnier sichern. Aber klar, es geht auch darum, die Krise als Chance zu nutzen.

Die höchsten Ligen im Handball, Volleyball und Eishockey haben ähnliche Voraussetzungen wie der Basketball, sind auch stark auf Zuschauereinnahmen angewiesen. Die haben jedoch ihre Saison abgebrochen.

Ich kenne die Kollegen gut, die Situation ist vergleichbar, aber zumindest sportlich nicht völlig identisch. Im Eishockey war die Hauptrunde gerade beendet, die Handballer waren relativ weit. Wir aber steckten noch mitten in der Saison, als Corona kam, für uns wäre ein Abbruch mit all den Fragen dahinter echt schwierig gewesen. Letztlich muss es jeder für sich entscheiden, ob und wie es weitergeht. Für uns haben wir so entschieden, die anderen haben ihre Entscheidung getroffen.

Damit wird der Basketball in der deutschen Sportlandschaft eine Sonderrolle einnehmen. Was versprechen Sie sich von der erhöhten Aufmerksamkeit?

Eben auch das: erhöhte Aufmerksamkeit. Dass die BBL mehr in den Fokus rückt, denn das Potenzial des Basketballs in Deutschland ist groß, und wir sind noch längst nicht da, wo wir hinwollen. Erfahrungen zeigen immer wieder, dass Menschen, die erstmals ein Basketballspiel sehen, dann begeistert sind. Wenn ein Sportinteressierter nun erstmals ein Spiel im TV sehen wird, ist die Chance gegeben, ihn an die Liga heranzuführen und zu halten, auch wenn vorher kein großer Bezug zu unserem Sport bestand. Wir werden nun von Menschen geschaut werden, die vorher nicht viel Kontakt mit dem Basketball hatten. Ihnen können wir trotz der Geisterspiele zeigen: Basketball in Deutschland ist eine coole Sache, die von coolen Typen gespielt wird – das Zuschauen lohnt sich einfach.

Das Turnier wird komplett auf Magentasport und ausgewählte Partien auf Sport1 übertragen. Besteht die Wahrscheinlichkeit, neben Ausschnitten auch komplette Spiele in ARD und ZDF zu sehen zu bekommen?

Wer weiß, schauen wir mal. Magentasport hat alle Rechte, da müssen sich ARD und ZDF mit Magentasport besprechen. Da sind wir als Liga ein Stück weit raus, würden aber jedes zusätzliche Bild im TV sicherlich begrüßen.

Der Neustart wird nicht billig, das Turnier soll eine Million Euro kosten.

Damit werden wir nicht auskommen, und das sind nur die Kosten des zentralen Turniers in München. Es gibt ja noch zusätzliche Kosten für die Klubs. Teilweise mussten sie Spieler nachverpflichten, Spieler aus dem Ausland zurückholen, Spieler und Geschäftsstellenmitarbeiter aus der Kurzarbeit holen – da fällt auch noch mal ein deutlicher sechsstelliger Betrag je Klub an. Mit diesem Turnier investieren wir also in den Weiterbestand der Liga.

Welchen Aufwand stellt die Einhaltung des Hygienekonzepts dar? Mit den regelmäßigen Tests und der Isolation der Teams während des Turniers ist es sogar strenger als das der Fußballer.

Es ist ein ganz schöner Aufwand. Unser Hygiene-Experte findet noch immer jeden Tag Dinge, die verbessert werden müssen, bevor es in München losgeht. Aber das ist gut so, wir gehen ernsthaft an die Sache ran. Der Sinn ist ja, die Teams zu isolieren, es soll so gut wie keine Kontakte zur Außenwelt geben, wo Infektionsrisiken lauern. Das muss lückenlos sein, und je tiefer man in die Materie eindringt, desto komplizierter wird es. Da steckt der Teufel wirklich im Detail. Beispielsweise im Hotel, wo der Plexiglasschutz vor der Rezeption noch viel breiter werden muss als geplant. Und was ist mit dem Personal im Hotel, was mit den Busfahrern? Alles Details, die bedacht werden müssen. Hinzu kommen die logistischen Herausforderungen: Die viele Wäsche ist ein Thema, es werden Eistonnen für die Muskelentspannung der Spieler benötigt, unglaublich viele Handtücher und viel Wasser zum Trinken. Drei Wochen Isolation von Teams, Schiedsrichtern und Organisatoren sind eine echte Herausforderung.

Drei Wochen Isolation. Droht da nicht ein Lagerkoller?

Das glaube ich nicht. Die Spieler spielen im hohen Rhythmus, trainieren zwischendurch und scheiden im Play-off ja auch nacheinander aus. Am Ende absolvieren nur zwei Teams die vollen drei Wochen. Dass dem einen oder anderen Spieler auch mal langweilig wird oder ihm seine Familie fehlt, kann ich nicht vollständig ausschließen. Aber das Hotel ist ein sehr gutes, es gibt eine große Players-Lounge, einen Grillabend für jedes Team – das wird schon irgendwie auszuhalten sein.

Was muss eigentlich passieren, damit das Turnier abgebrochen wird?

Sollte es Infektionsfälle geben innerhalb der Teams, vielleicht sogar gehäuft, dann liegt es nicht mehr in unserer Hand. Dann entscheiden die Behörden. Unser Konzept ist schon ausgefeilt, gleichwohl kann man Infektionsfälle natürlich nie ganz ausschließen.

Es gab ja bereits einen Corona-Fall…

Ja, ein ausländischer Spieler wurde sofort nach der Landung in Deutschland getestet. Da war er noch gar nicht mit der Mannschaft in Kontakt. Er ging sofort in Quarantäne. Unser System hat also gegriffen. Statistisch ist es nicht ausgeschlossen, dass wir positive Fälle haben. Die Frage ist nur, wie schnell wir sie entdecken und wie wir damit umgehen.

Hat die Basketball-Bundesliga mit diesem Turnier ohne Zuschauer auch eine Vorreiterrolle inne? Auch für den Handball, für Eishockey?

Unsere Überlegungen wären auf andere Sportarten übertragbar. Deshalb glaube ich schon, dass wir eine Art Vorreiter sind. Wir stehen in Kontakt mit anderen deutschen Profiligen, mit denen wir auch nicht zwingend Wettbewerber sind. Wir als Basketball-Bundesliga versuchen nicht, auf unserem Konzept zu sitzen und dadurch einen Vorteil zu erlangen. Nein, derzeit müssen wir alle sehen, dass der Hallen-Teamprofisport in dieser Krise überlebt. Da sitzen wir letztlich in einem Boot, deshalb teilen wir das Konzept und die Erfahrungen mit Spielen ohne Zuschauer gern. Auch ausländische Basketball-Ligen sind interessiert, die israelische Liga hat unser Konzept jüngst angefragt, die spanische hat ein ähnliches für einen möglichen Neustart.

Das Turnier ist ja auch ein Kompromiss: Die Bundesliga besteht aus 17 Teams. Zehn spielen mit, sieben haben verzichtet. Haben Sie Verständnis, dass einige nur zusehen wollen?

Vollkommen. Am Ende war die Idee der Freiwilligkeit mitentscheidend. Es gibt eben Klubs, für die es aus Kostengründen besser ist, die Saison zu beenden, zumal die Teilnehmer einiges in die Fortsetzung investieren. Letztlich geht es ums Überleben, dass wir die Klubs, die Liga, das gesamte Produkt BBL über den Sommer bringen. Da hätte es keinen Sinn gemacht, Klubs zum Mitmachen zu zwingen, für die eine Fortsetzung nicht zu stemmen wäre.

Aber ist das Verletzungsrisiko nicht groß, wenn die Spieler aus einer kurzen Vorbereitungsphase direkt im Zwei-Tages-Rhythmus spielen müssen?

Die Vorbereitung ist nicht so lang wie vor der Saison, das ist richtig, aber es ist kein kompletter Kaltstart. Die Spieler haben sich während der Corona-Pause fit gehalten, und nun ist es die Aufgabe von Klubs und Trainern, im Teamtraining die Belastung individuell auszusteuern.

Die Klubs selbst betreiben ja auch einen großen Aufwand, teilweise mussten Spieler nachverpflichtet werden, um personelle Lücken zu füllen. Einige Spieler sind aus Vertragsgründen nicht dabei, andere wollten aus Angst vor Corona nicht spielen. Hat der Liga-Geschäftsführer auch dafür Verständnis?

Ja, das habe ich schon. Am Ende müssen die Spieler das aber mit ihren Klubs klären, denn dort sind sie angestellt und nicht bei der Liga. Arbeitsrechtlich sind aber alle Spieler, die unter Vertrag stehen, grundsätzlich zum Spielen verpflichtet. Da kommt es dann auf die Klubs an, wie sie diese Fälle individuell und einvernehmlich regeln.

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