Kommentar

Warum die WM für Alba ein Mutmacher sein kann

Alba Berlin wird in dieser Saison in der Euroleague noch nicht um die Play-off-Plätze mitspielen können, meint Dietmar Wenck.

Alba-Trainer Aito Reneses (r.) steht mit seiner Mannschaft vor einer strapaziösen, aber auch aufregenden Saison.

Alba-Trainer Aito Reneses (r.) steht mit seiner Mannschaft vor einer strapaziösen, aber auch aufregenden Saison.

Foto: Andreas Gora / dpa

Berlin. An diesem Freitag endet für Alba Berlin eine Durststrecke. Fünf Jahre lang spielte der Klub aus der Hauptstadt nicht in der Basketball-Euroleague mit, obwohl beim letzten Auftritt Rang neun heraussprang – immer noch die beste Platzierung eines deutschen Klubs in diesem Wettbewerb. Nun gehört Alba wieder zur Elite des Kontinents. Zunächst mal für eine Saison. Die Vorfreude ist riesig.

Die WM in China als Richtschnur

Ein ähnliches Resultat wie 2014/15 zu erreichen, wird allerdings ungleich schwerer. Die europäische Topliga ist geradezu sprunghaft gewachsen, organisatorisch, finanziell, auch spielerisch. Viele der Stars verdienen Millionen-Nettogehälter. Die Spieler-Budgets der Topvereine ZSKA Moskau, FC Barcelona, Real Madrid, Fenerbahce Istanbul oder Maccabi Tel Aviv sind um ein Mehrfaches höher als jenes der Berliner. Alba gehört nach diesem Maßstab zum unteren Viertel der 18 Teilnehmer. Ist nur ein Außenseiter.

Aber was bedeutet das? Bei der WM in China war vor wenigen Wochen zu beobachten, dass ein Team mit NBA-Spielern nicht erfolgreich ist, wenn es nicht auch wie ein Team auftritt. US-Amerikaner, Deutsche, Griechen, Italiener machten diese Erfahrung. WM-Zweiter wurde mit Argentinien ein Land ohne aktuellen NBA-Star. Tschechen und Polen verblüfften mit dem Viertelfinaleinzug. Sie waren nur Außenseiter. Am Ende lagen jene Nationen vorn, die eingespielte Mannschaften hatten. Mannschaften, in denen niemand sich mehr Rechte herausnahm als sein Mitspieler.

Im Eurocup das Unmögliche möglich gemacht

Und was heißt das für Alba? Der Kader von Trainer Aito Reneses hat sich im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert, das ist sein größtes Plus. Er ist mit 17 Spielern so groß wie nie zuvor. Es gibt keine Superstars, seine Stärken sind der Zusammenhalt, die Ausgeglichenheit, ein außergewöhnliches Trainerteam, eine hohe Identifikation mit der Organisation Alba und die im vergangenen Jahr im Eurocup gemachte Erfahrung, dass jeder Gegner schlagbar ist. Niemand hätte erwartet, dass die Berliner in Krasnodar oder Malaga gewinnen, ins Finale einziehen und dort auch noch einmal Valencia besiegen. Es ist passiert.

Schon angesichts der aktuellen Verletzungsprobleme müssen sich aber alle darüber im Klaren sein: In der Euroleague wird es Rückschläge geben, so viele Niederlagen wie lange nicht mehr. Es wird schwer, die Intensität in Euroleague, Bundesliga und Pokal über Monate so hoch zu halten, wie es gerade für Alba nötig ist, um den vom Talent her besser besetzten Kontrahenten Paroli zu bieten. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich die Fans verhalten – ob sie sich im Misserfolg abwenden oder versuchen, trotzdem weiter gemeinsam das scheinbar Unmögliche möglich zu machen: einmal Real Madrid schlagen. Oder Panathinaikos Athen. Oder Efes Istanbul.

Zalgiris Kaunas hat es mit Geduld geschafft

Zu erwarten, die Berliner könnten auf Anhieb um eine vordere Platzierung mitspielen, ist vermessen. Ihr Ziel kann nur sein, sich Schritt für Schritt zu etablieren in der Königsklasse, sich einen dauerhaften Platz zu verdienen. Keine Durststrecken mehr: Vielleicht ist dann, mit viel Geduld und nach mehreren Anläufen, auch einmal das zu schaffen, was Zalgiris Kaunas gelungen ist. Die Litauer standen zuletzt zweimal im Viertelfinale, einmal sogar im Final Four der Euroleague. Ohne zum Geld-Adel zu gehören. Im Sport ist alles möglich. Und nichts voraussagbar.