Basketball-WM

Henrik Rödl: „Deutschland so gut aufgestellt wie noch nie“

Vor der WM in China spricht Bundestrainer Henrik Rödl über unpassende Vergleiche und die Aussichten des deutschen Teams.

Bundestrainer Henrik Rödl (2.v.r.) traut dem deutschen Team bei der WM in China einen starken Auftritt zu.

Bundestrainer Henrik Rödl (2.v.r.) traut dem deutschen Team bei der WM in China einen starken Auftritt zu.

Foto: kolbert-press/Matthias Stickelvia www.imago-images.de / imago images / kolbert-press

Berlin. Am Sonntag bestreitet die deutsche Basketball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in China ihr erstes Spiel gegen Frankreich. Die Erwartungen an das Team von Henrik Rödl sind enorm, die WM-Qualifikation gelang auf souveräne Weise, einen Kader mit so vielen Spielern aus den Top-Ligen der Welt gab es noch nie. Der in Berlin lebende Rödl (50) bestritt selbst 178 Länderspiele und ist seit dem 18. September 2017 Chef-Bundestrainer. Im Interview mit der Funke-Mediengruppe spricht er über seine WM-Erwartungen und erfolgreiche Mannschaften der Vergangenheit und kritisiert Vergleiche von Dennis Schröder mit Dirk Nowitzki.

Berliner Morgenpost: Herr Rödl, Sie waren als Spieler beteiligt am Gewinn von EM-Gold 1993 und WM-Bronze 2002, also an den beiden größten Erfolgen des deutschen Basketballs. Jetzt gehen Sie in Ihr erstes großes Turnier als Bundestrainer. Was unterscheidet Ihre heutige Mannschaft von jenen von 1993 und 2002?

Henrik Rödl: Das ist sehr vielschichtig. Das Personal ist anders, es ist eine andere Zeit, eine andere Generation, andere Bedingungen bei den Turnieren. Wenn man auf die Mannschaften schaut, mit denen ich als Spieler etwas gewonnen habe: Gerade, wenn es eng wurde, waren sie ganz besonders stark. Sie waren immer besonders nah zusammen und haben in den Turnieren auf ihrem Höhepunkt gespielt. Eine solche Atmosphäre will man schaffen, um auch bei einer WM gut auszusehen.

Einige Beobachter, auch manche Ihrer Spieler, glauben, dass für das deutsche Team eine Medaille drin ist. Halten Sie das für realistisch?

Ich finde, dass wir von der Tiefe des Kaders so gut aufgestellt sind wie noch nie. Alles andere werden wir nach der WM wissen. Dort müssen wir uns erst mal beweisen. Was herauskommt, hängt davon ab, ob wir gut vorbereitet sind, gesund bleiben und in den Spielen fokussiert arbeiten.

Wie hat sich der Basketball verändert seit Ihren Erfolgen als Spieler?

Wir spielen jetzt die beste WM aller Zeiten. Vielleicht wird die US-Mannschaft nicht so dominant sein wie gewohnt. Aber bei den anderen Teams ist eine Breite da wie noch nie. Wir reden davon, dass die meisten unserer Spieler in den großen Ligen NBA und Euroleague unterwegs sind. Nur ist das bei den anderen Nationen genauso. Das liegt daran, dass seit dem Auftritt des Dream Teams der USA bei den Olympischen Spielen 1992 die Globalisierung des Basketballs immer weitere Schritte nach vorn macht. Um die 40 Prozent der Spieler in der NBA sind ja inzwischen gar keine Amerikaner mehr. 1992 waren dort fünf oder sechs Spieler Nicht-Amerikaner. Jetzt sind es sehr viele, die auf alle Nationen verteilt sind. Dazu sind bei der WM 32 Nationen am Start. Da herrscht ein Riesengedränge von Mannschaften mit riesiger Qualität.

Sie erwarten einen sehr engen Ausgang?

Ja, ich denke, es wird ähnlich wie 1993, das war ja wirklich extrem damals. Eine besondere EM, wo man, um etwas Besonderes zu erreichen, in mehreren Spielen hintereinander knapp gewinnen musste. Wer das in China schafft, wer die Favoriten sind, das ist im Moment sehr schwer zu sagen.

Der WM-Modus ist knüppelhart. In der ersten Gruppenphase kommen von vier Teams nur zwei weiter, in der zweiten ist das wieder so. Deutschland trifft zunächst auf Frankreich, die Dominikanische Republik und Jordanien, danach vermutlich auf Kanada, Australien und Litauen. Nur zwei erreichen das Viertelfinale. Kann einem da nicht angst und bange werden?

Da wird nicht viel Freiraum sein für schlechte Spiele. Auf der anderen Seite ist nicht anzunehmen, dass eine Mannschaft ein ganzes Turnier lang nur gut spielt. Unser Plan ist es, gegen Frankreich zu gewinnen. Wer am konstantesten in den wichtigen Momenten ist, hat große Chancen, bei der WM was zu holen. Es sind viele Mannschaften, die das können. Wer in China die Goldmedaille gewinnt, muss sehr viele schwere Hürden überwunden haben.

Was sagt es über die Entwicklung des deutschen Basketballs, dass ein NBA-Spieler wie Moritz Wagner den Sprung ins WM-Team nicht geschafft hat?

Das ist sicherlich ein Unterschied zu damals. Wobei ich sagen würde, der Kader 1993 war auch tief mit sehr guten und international erfahrenen Spielern. 2002 auch. Aber über den Kader hinaus war die Leistungsdichte nicht so hoch wie jetzt. Spieler wie Karsten Tadda oder Bastian Doreth, die einen großen Anteil an unserer Qualifikation für diese WM hatten, gehörten ja schon nicht mehr zu den 16, die ich zu Beginn der China-Vorbereitung versammelt hatte. Das zeigt, dass wir von der Tiefe her einen ganz ungewöhnlichen Kader zur Auswahl hatten. Natürlich fragen die Leute jetzt immer, was wohl bei der WM zu erreichen ist. Aber es ist müßig darüber zu reden. Ihre Qualität muss eine Mannschaft immer erst beim Turnier beweisen.

Gern werden auch Vergleiche gezogen zwischen Dirk Nowitzki und Dennis Schröder. Geht das überhaupt?

Nein. Klar werden solche Vergleiche gern angestellt, weil die beiden die herausragenden Spieler ihrer Kader waren oder sind. Aber das ist wie Mannschaften zu vergleichen. Oder Erfolge. Jede Mannschaft, jeder Erfolg steht für sich selbst. Man verringert den Wert, wenn man immer irgendwelche Vergleiche heranzieht. Warum kann man nicht den Sportler in sich selbst wertschätzen? Dennis ist ein ganz anderer Spieler, weil er auf einer ganz anderen Position spielt. Er hat den Ball in der Hand, er regelt das Geschehen ganz anders, als Dirk das jemals konnte. Dirk brauchte jemanden, der ihm den Ball gibt, das braucht Dennis nicht. Er kann alles selbst entscheiden. Er leitet das Spiel, ist dementsprechend in der Lage, dominant zu sein, seine Kollegen in Szene zu setzen, was er zuletzt in den Testspielen super gemacht hat. Er ist jemand, der sich ähnlich wie Dirk immer weiterentwickelt, immer was Neues findet, worin er besser wird. Er ist konstanter in der Verteidigung geworden, auch in seinem ganzen Auftreten wieder einen Schritt reifer geworden. Wie Sportler eben werden, wenn sie so intensiv arbeiten, wie er das tut. Dennis hat unglaubliche Qualitäten. Er ist einer der besten Point Guards der Welt.

Inwiefern hilft es Ihnen und auch Dennis Schröder, dass weitere NBA-Spieler in Ihrem Kader stehen?

Wir haben mittlerweile einige Spieler, die auf allerhöchstem Niveau dabei sind, ob das Euroleague, Eurocup oder NBA ist. NBA ist ein Gütezeichen, aber ich glaube, dass zum Beispiel ein Johannes Voigtmann ohne Probleme auch dort spielen könnte. Er hat es nur vorgezogen, zum Euroleague-Sieger ZSKA Moskau zu wechseln. Daran sieht man: Unsere Spieler sind interessant auf der höchsten Ebene. Sie haben dort schon gespielt und werden immer besser. Mehr als je zuvor – das ist ein Zeichen dafür, dass der deutsche Basketball wächst und auch die Generation gut ist.

Viele erwarten von Dennis Schröder einen großen WM-Auftritt. Mit wem rechnen Sie noch besonders in China? Daniel Theis? Maxi Kleber?

Das Schöne an dieser Mannschaft ist, dass wir so viele Spieler haben, die große Verantwortung in ihren Vereinen übernommen haben und zu jedem Zeitpunkt auch abliefern können. Beim Supercup in Hamburg hatten wir gegen Polen irgendwann fünf Leute auf dem Feld, die das Spiel gedreht haben. Das können beim nächsten Mal von unseren zwölf Leuten auch fünf andere sein. Das ist die große Qualität dieser Mannschaft.