Basketball

„Legenden wie Dirk Nowitzki leben ewig“

Thomas Pletzinger hat Nowitzki sieben Jahre lang begleitet und ein Buch über den Superstar veröffentlicht. Ein Interview mit dem Autor.

Emotionaler Abschluss einer großartigen Karriere: Dirk Nowitzki nach seinem letzten Heimspiel in Dallas.

Emotionaler Abschluss einer großartigen Karriere: Dirk Nowitzki nach seinem letzten Heimspiel in Dallas.

Foto: Nathaniel S. Butler / NBAE/Getty Images

Berlin. Es sind 512 Seiten geworden, und der Titel „The Great Nowitzki“ führt kurz in die Irre, denn das Buch erschien am Donnerstag auf Deutsch. Der Autor Thomas Pletzinger hat ihn dennoch mit Bedacht gewählt. Weil – egal, wo – jeder weiß: Hier geht es um einen Weltstar. Einer, der auch keinen Untertitel braucht: Ein Bild, Titel und Autor in blauer Schrift auf schwarzem Grund – das reicht. Dass Dirk Nowitzki einer der besten Basketballspieler aller Zeiten ist, wurde ja längst erzählt. Seine 1522 Spiele in 21 Jahren, seine 31.560 Punkte, die über 250 Millionen Dollar, mit denen ihn allein die Dallas Mavericks entlohnt haben, die Titel, die Ehrungen und wie bodenständig er geblieben ist – all das hat man mit ein paar Klicks im Internet beisammen. Aber wie Deutschlands Jahrhundertsportler tickt, was Talent war und was Arbeit, steht dort nicht. Pletzinger, Jahrgang 1975, hat Nowitzki, Jahrgang 1978, sieben Jahre lang überall auf der Welt getroffen und ein Loch in die Wand des Faktischen gebohrt. Da lässt er uns jetzt durchschauen. Nach „Gentlemen, wir stehen am Abgrund“, dem Steno- und Psychogramm der Alba-Saison 2010/2011, hat Pletzinger wieder ein Denkmal gebaut – für Nowitzki, für Demut, Fleiß, Frust und Glück, unterm Strich: für den Sport.

Berliner Morgenpost: Sie waren nach Erscheinen der „Gentlemen“ froh, sich nach dem Basketball einem neuen Roman und anderen Themen zuwenden zu können. Das war im Dezember 2011. Warum wurde daraus nichts, Herr Pletzinger?

Thomas Pletzinger: Das war ein schleichender Prozess. Ich hatte wirklich Pläne für einen neuen Roman, hatte aber auch mal mehr im Jux gesagt, dass mich ein Buch über Nowitzki reizen würde. Dann hat ein Redakteur des „ZeitMagazins“ mein Buch über Alba Berlin gelesen und mich für eine Reportage über Nowitzki nach Dallas geschickt. Ich habe dort gemerkt, dass das noch mal eine viel größere Nummer ist. Die Anforderungen an ihn als Sportler, die Intensität, die Tragweite, die Internationalität – das alles war noch mal ein paar Level höher als in der deutschen Bundesliga. Das hat mich sehr interessiert.

Und dann hörte Nowitzki ja auch einfach nicht auf zu spielen.

Genau, ein Projekt von zwei, drei Jahren, dachte ich am Anfang. Jetzt waren es vom ersten Text bis zum fertigen Buch fast sieben Jahre.

Wer Nowitzki trifft, begegnet auch Holger Geschwindner. Sie schildern mit dem Mann, den alle seinen Entdecker und Mentor nennen, ziemlich zu Beginn des Buches ein Gespräch über den Philosophen Thomas Nagel, der sagt, dass man viel über Fledermäuse wissen könne, aber nie, wie es ist, eine zu sein. Konnten Sie manchmal ahnen, wie es ist, Nowitzki zu sein?

Ich habe versucht, dem Kern des Ganzen so nahe wie möglich zu kommen, indem ich ihn umkreist habe. Und wenn man nicht mit der Tür ins Haus fällt, aber jemanden lange und aufmerksam beobachten kann, dann kann man ihm schon sehr nahe kommen. Aber, um auf das Fledermaus-Beispiel zurückzukommen: wie es in ihm aussieht, weiß ich natürlich nicht. Mein Buch kann vielleicht eine gute Anleitung sein, sich vorzustellen, wie es ist, Dirk Nowitzki zu sein.

Sie beschreiben eine Situation in Oakland als ein „Durcheinander aus Geschichte und Vorfreude“. Könnte man so auch Ihre Arbeit an dem Buch beschreiben?

Ein wenig schon. Jeder, der sich für Basketball interessiert, kennt ja unendlich viele Geschichten über Nowitzki. Wann wir ihn das erste Mal spielen gesehen haben, die Meisterschaft 2011, die großen Enttäuschungen, die Schlagzeilen, die Nationalmannschaft und, und, und ... Und diese vielen Geschichten und Stationen seiner unglaublich langen Karriere hat man im Hinterkopf, wenn man ihm begegnet.

Stand manchmal der Fan in Ihnen dem Beobachter im Weg?

Nein, weil ich kein Fan war, der Autogramme sammelt, sondern teilnehmender Beobachter. Ab und an ist es mir passiert, dass ich sehr subjektiv wurde und diese Momente, in denen dann aus „Nowitzki“ ein emotionales und subjektives „Dirk“ wurde, thematisiere ich auch. Genau das habe ich auch schon während des Alba-Projekts erlebt. Wenn man sich dessen bewusst ist und nicht vorgibt, Dinge objektiv zu beurteilen, sondern diese subjektiven Momente zulässt, sind sie, glaube ich, eher nützlich als hinderlich.

Sie vergleichen Nowitzki mit einem Extrem-Bergsteiger, der ganz allein auf einem 8000er war und dem dann die Worte fehlen, um sein Erlebnis zu beschreiben.

Leuten, die etwas Besonderes leisten, fehlen oft die Worte, um ihre Erfahrung zu bezeichnen – der Bergsteiger ist ein Bild dafür, aber das kann genauso gut für Maler oder Musiker gelten. Oder eben für Basketballer. Und denen, die die Worte haben, fehlt die Erfahrung – zum Beispiel mir. Dieser Diskrepanz bin ich bei der Arbeit am Buch begegnet. Nowitzki hat mich allerdings oft überrascht. Als er zum Beispiel 2011 im zweiten Finalspiel gegen Miami nach großem Rückstand noch das Spiel dreht und mit diesem scheinbar abwesenden Blick des Alpinisten zum Interview kommt, analysiert er plötzlich die entscheidende Phase Szene für Szene, Detail für Detail. Er war zwar gerade noch auf dem 8000er, hat aber in jeder Sekunde wahrgenommen, was dort passiert ist.

Sie schreiben auch, dass der, der sich preisgibt, sich selbst verliert.

Ja, so ähnlich geht ein Nietzsche-Zitat, das Holger Geschwindner oft verwendet. Das Verhältnis von Tun und dem Reden darüber ist auch eines der Geheimnisse Nowitzkis. Er hat sich einen Ort bewahrt, den er nicht preisgibt. Er hatte trotz aller Anforderungen und Erwartungen immer sein Spiel, auf das er sich zurückziehen und verlassen konnte. Dass er sich diesen Raum erhalten hat, ist sicherlich einer der Gründe, warum er so lange so gut sein konnte. Neben der Akribie und Arbeit natürlich.

Sie nennen Geschwindner auch „Nowitzkis Allwetterjacke“, die ihn gegen Regen, Sonne, Kritik und Bewunderung schützt. Und als einen, der Fehler immer als möglichen Ausgangspunkt für etwas Neues gesehen hat.

Fehler und Niederlagen als Teil eines Prozesses zu sehen, sie zu integrieren und mit den Erfahrungen weiterzuarbeiten, ist eine sehr plausible Herangehensweise, finde ich. Nicht nur im Sport, sondern im Leben ganz allgemein. Das ist doch schön, das kann man sich merken.

Nowitzkis Ruhm hat seinen Preis. Wo immer er hinkommt, kann er sich vor lauter Selfie- und Autogramm-Wünschen kaum retten. Leidet er darunter?

Bei dem Gedanken, Nowitzki sei im Grunde unfrei, kommt mir immer der Verdacht, dass man die eigenen Lebensumstände auf ihn projiziert. Dass Disziplin und Ritual zum Beispiel große Freiheiten eröffnen und gar keinen Verzicht bedeuten müssen. Oder zum Beispiel das scheinbar immer gleiche Training: Vielleicht ist es ja eine ganz besondere Art der Freiheit, sich fast meditativ in einem Ritual zu bewegen. Sich mit Feinheiten zu beschäftigen. Gerade, wenn der Druck von außen enorm ist und alle etwas von einem wollen.

Steve Nash, Nowitzkis Freund, mit dem er die ersten Jahre in Dallas gespielt hat, sagt, dass Athleten dieses Kalibers zweimal sterben, das erste Mal am Ende ihrer Karriere. Wie schlägt sich Nowitzki?

Ich glaube, sehr gut. Weil er vorbereitet ist. Alle Sportler haben ja einen unausweichlichen Bruch in ihrem Leben. Sie müssen früher als andere anerkennen, dass der Körper vergänglich und Schluss mit dem ist, worauf sie ihr Leben lange Zeit ausgerichtet haben. Nowitzki hat viele Karrieren enden sehen und mit vielen Athleten darüber gesprochen. Er ist vorbereitet – und vor allem hat er in seiner Karriere nahezu alles erreicht, was man erreichen kann. Und bekanntlich leben Legenden ewig.