NBA-Spieler

Moritz Wagner: „Franz muss auf sein Bauchgefühl hören“

Moritz Wagner hat es von Alba Berlin in die NBA geschafft. Was er seinem Bruder Franz empfiehlt und wie er mit dem Luxus umgeht.

Seine Leidenschaft ist der Basketball: Moritz Wagner hat damit schon jetzt eine finanzielle Unabhängigkeit erreicht, mit 22 Jahren.

Seine Leidenschaft ist der Basketball: Moritz Wagner hat damit schon jetzt eine finanzielle Unabhängigkeit erreicht, mit 22 Jahren.

Foto: Carlos Osorio / picture alliance/AP Images

Berlin. Er ist ein Star, das belegen allein schon die vielen Selfie- und Autogrammwünsche, die er in Berlin erfüllte. Nicht nur das: Für Moritz Wagner hat sich der amerikanische Traum in einem noch viel größeren Maße erfüllt, als es dem sprichwörtlichen Tellerwäscher je möglich gewesen wäre. Er hat sich nicht nur in den USA, sondern auch noch in der ureigenen amerikanischen Sportart Basketball durchgesetzt. Und im Bild zu bleiben: Millionär ist der 22-Jährige auch, der sich aus Alba Berlins Jugendprogramm bis in die NBA gespielt hat. Nach drei Jahren an der University of Michigan und seiner ersten Profisaison für die Los Angeles Lakers gönnte sich der 2,11 Meter große Berliner den ersten längeren Heimaturlaub. Die Berliner Morgenpost traf ihn am Tag vor seinem Rückflug nach Kalifornien.

Fällt Ihnen der Abschied schwer, Herr Wagner?

Moritz Wagner Einerseits ja, aber ich freue mich auch auf Los Angeles. Ich war das erste Mal seit dem vergangenen August wieder in Berlin und habe die Stadt auch ein Stück weit neu entdeckt. Ich stand nicht mehr so unter Druck wie die Male davor, hatte den Ball für drei Wochen wirklich weggelegt und viel Zeit mit meiner Familie, meinem Bruder und meinen Freunden verbracht. Das habe ich sehr genossen.

Sie waren auch bei fast jedem Alba-Spiel …

Na klar, die Bindung ist noch immer stark. Dass ich hier mit viel Zuneigung empfangen werde, freut mich sehr. Ich bin ein großer Alba-Fan und schaue mir auch in den USA die Spiele an. Natürlich ist es etwas ganz Besonderes für mich, dass mein Bruder jetzt für Alba spielt.

Da Sie Ihren Bruder Franz gerade erwähnen, der Sie mit 16 Jahren als jüngsten Alba-Spieler aller Zeiten abgelöst hat: An der Uni in Michigan, in der Sie zum Star geworden sind, trommeln die Fans schon, dass Franz dort die Wagner-Tradition fortsetzen soll. Daniel Theis in Boston und Maxi Kleber in Dallas sind aber gute Beispiele, dass man es in die NBA schaffen kann, wenn man in Europa bleibt. Was raten Sie Ihrem Bruder?

Also, wir reden ständig darüber, aber den ultimativen Rat kann ich ihm nicht geben. Es ist wichtig, dass er diese Entscheidung allein trifft, genauso wichtig, wie es für mich war. Ich kann mich jetzt nach vier Jahren umdrehen, sagen, so habe ich es gemacht und voll dahinter stehen. Ich habe all meine Kraft investiert und mit dem Plan Erfolg gehabt, für den ich mich entschieden habe. Das Gute ist doch, dass er nicht viel falsch machen kann. So talentiert, fleißig und zielstrebig, wie er ist, und so schlau, muss man sich um Franz keine Sorgen machen. Es wird auch auf das Bauchgefühl ankommen. Das kann nur er haben.

Haben Sie in Berlin trainiert?

Nein, aber ich werde den ganzen Sommer über hart an mir arbeiten. Die drei Wochen habe ich jetzt einfach mal nur losgelassen, um auch mental zu regenerieren. Das ging aber auch nur, weil wir das Play-off verpasst haben und die Saison zu früh zu Ende war.

Wie blicken Sie auf Ihre erste Saison zurück? Sie waren anfangs lange verletzt. Dann verbreitete Ihr Team, die Lakers, ein Video von ihren allerersten NBA-Punkten, die die ganze Mannschaft mit Freudentänzen feierte. Im März standen Sie gegen die Boston Celtics erstmals in der Ersten Fünf und machten in 34 Minuten 22 Punkte.

Das war eine richtige Moritz-Saison. Bei allem, was ich bislang in meinem Leben gemacht habe, habe ich mich anfangs schwer getan. Deshalb war ich auch nicht überrascht. Ich muss mir alles hart erarbeiten. Ich weiß es sehr zu schätzen, wie alles gelaufen ist. Das Video von meinen ersten Punkten habe ich natürlich auch gesehen (lacht), das war echt stark. Das Spiel gegen die Celtics sehe ich als den Moment an, an dem es Klick gemacht hat. Da habe ich in der NBA zum ersten Mal nur an mein Spiel gedacht und nicht an Fehler, die ich hätte machen können. Ich hatte Spaß am Spielen, Selbstvertrauen und hab mich wohl gefühlt, empfunden, dass mich keiner an dem, was ich tun möchte, hindern kann.

War die Eingewöhnung leichter, weil die Lakers mit Isaac Bonga noch einen zweiten jungen Deutschen verpflichtet haben?

Na, es macht einfach mehr Spaß, mit jemandem quatschen zu können, der aus dem gleichen Land kommt, mit dem man einen gemeinsamen Background hat. Manchmal ist es auch ganz lustig, dass die anderen uns dann nicht verstehen.

Mit welchen Erwartungen werden Sie in Ihre zweite Saison gehen?

Ich habe nie Erwartungen, sondern setze mich eher unter Druck. Ich bin gesund und werde im Sommer hart trainieren. Dann sehen wir, was herauskommt.

Wie lebt es sich in Los Angeles, der Stadt am Pazifik, in der Träume wahr werden?

Es ist schön, zu Fuß zum Strand zu gehen. Ich kann das genießen. Aber ich hätte auch in jeder anderen Stadt gespielt, Basketball hat bei mir oberste Priorität.

Ihr Gehalt belief sich in der ersten Saison auf etwas mehr als 1,7 Millionen Dollar, in der kommenden Saison wird eine Zwei vorn stehen. Darf es jetzt auch ein wenig Luxus wie teure Uhren und dicke Autos sein?

Mein Luxus ist, dass ich ein Leben ohne finanzielle Sorgen führen darf. Schmuck ist nicht mein Ding. So etwas, wie später mal eine Familie versorgen zu können, empfinde ich als Belohnung. Ich habe mir ein Auto gekauft, weil es in Los Angeles nicht ohne geht. Da ich ein wenig mehr Platz brauche, ist es ein Range Rover geworden. So etwas Teures hatte ich vorher noch nie gekauft, das war für mich schon ein dickes Ding.

Ihre erste NBA-Saison war die 21. und letzte von Dirk Nowitzki. Sind Sie ihm begegnet?

Ja, mehrmals, und natürlich habe ich ihn um ein Trikot gebeten, als ich in Dallas war. Wir haben sporadisch Kontakt, ich kann mich jederzeit melden, und er schreibt dann schnell zurück.

Nowitzki hat erzählt, dass es in seinen ersten Profijahren noch jede Menge Ungesundes zu essen gab. Heute weiß man viel mehr über die Zusammenhänge von Leistung und Ernährung. Fällt es Ihnen schwer, sich von Fast Food fern zu halten?

Nein, überhaupt nicht, meine Eltern haben schon immer auf gesunde Ernährung geachtet. Mein Bruder und ich sind nichts anderes gewohnt. Es gibt aber auch schon Schummeltage, meistens, wenn ich Besuch habe.

Kochen Sie auch manchmal?

Ja, ab und zu. Ich habe mein Repertoire ausgeweitet. Nach Hühnchen, Süßkartoffeln und Gemüse ist jetzt auch Lachs dazugekommen, aber bitte nicht falsch verstehen: Das ist alles nicht sonderlich raffiniert. Ein Chefkoch bin ich nicht.

Nowitzki ist einer der besten Spieler aller Zeiten, LeBron James ganz sicher auch. Mit dem spielen Sie bei den Lakers. Wie ist es, ihm täglich zu begegnen?

Natürlich begegne ich ihm mit Respekt, nicht nur weil er LeBron ist, sondern einer der Veteranen, einer der Leader im Team. Aber so komisch, wie es sich vielleicht anhört: Man realisiert bald, dass er auch nur ein Mensch ist. Und dann staunt man, wie gut er wirklich ist. Ihn im Fernsehen zu sehen, ist das eine, mit ihm zu spielen, noch mal um vieles krasser. Man sieht, dass er nicht nur vom Talent und seiner Physis lebt, sondern auch, wie viel Arbeit er reinsteckt.

Er ist auch einer, der andere an seinem Glück teilhaben lassen, unterstützt soziale Projekte und will zu einer besseren Welt beitragen. Er legt sich auch mit Präsident Trump an, will mehr als ein Athlet sein. Beeindruckt Sie das, oder ist es sogar etwas, woran Sie sich ein Beispiel nehmen könnten?

Beides, auf jeden Fall. Ich glaube, er hat realisiert, was für eine Plattform er als Superstar hat und wie viele Menschen er erreichen kann. Darüber, wie er die über den Sport hinaus nutzt, redet er des Öfteren, und man spürt auch, dass es ihn sehr stolz macht.

Nicht nur James mischt sich ein. In der Football-Liga, der NFL, knien Spieler während der Nationalhymne nieder, um gegen Rassismus zu protestieren. Mit Kyle Korver hat sich auch einer der Superstar der NBA zu diesem Thema eindrucksvoll zu Wort gemeldet. Als Sie vor vier Jahren zur Uni in Michigan wechselten, hieß der Präsident noch Barack Obama. Seit zweieinhalb Jahren residiert Donald Trump im Weißen Haus. Hat sich die Stimmung in den USA verändert?

Ja schon, aber ich muss da vorweg schicken, dass meiner Erfahrung nach wesentlich weniger Leute in den USA politisch interessiert sind als in Europa. Ich kann jetzt zwar keine Zahlen nennen, aber ich bin mir sicher, dass das beispielsweise auch die Beteiligung bei den verschiedenen Wahlen belegt. Etwas, was sich aus meiner Wahrnehmung heraus verändert hat, ist, dass sich Menschen verstärkt in Gruppen zusammenfinden, um ihrer Meinung mehr Nachdruck zu verleihen. Oft auch die, die in Kauf nehmen müssen, dass die eigene Reputation leidet, wie in den Beispielen, die Sie genannt haben. Es gibt, glaube ich, mehr Leute, die jetzt ahnen, dass es auch an ihnen liegt, für ein besseres Amerika zu sorgen, als es nur der Politik zu überlassen.

Sie saßen bei einem Alba-Spiel neben Henrik Rödl und haben sich mit ihm unterhalten. Darf der Bundestrainer bei der WM in China Ende August mit Ihnen planen?

Das hoffe ich sehr. Ich habe immer gesagt, dass ich für die Nationalmannschaft spielen will, aber das hängt nicht allein von mir ab.