Alba Berlin

„Wir brauchen jetzt mal was zum Anfassen“

Vor der Finalserie im Eurocup gegen Valencia gab Alba Berlins Kapitän Niels Giffey der Berliner Morgenpost ein Exklusiv-Interview.

Niels Giffey (r.) gegen Bayern Münchens Vladimir Lucic: Ein Duell, das es in dieser Saison noch öfter geben könnte.

Niels Giffey (r.) gegen Bayern Münchens Vladimir Lucic: Ein Duell, das es in dieser Saison noch öfter geben könnte.

Foto: Boris Streubel / Bongarts/Getty Images

Berlin. Am Dienstag tritt Alba Berlin im ersten Spiel der Finalserie um den Basketball-Eurocup bei Valencia Basket an (20.45 Uhr, Magentasport, Public Viewing in der Mercedes-Benz Arena). Die Spanier gelten als leicht favorisiert - sie haben diesen Wettbewerb schließlich schon dreimal gewonnen. Alba dagegen spielt seit 1990 jedes Jahr in Europa mit, konnte aber erst einmal, 1995, mit dem Korac-Cup eine internationale Trophäe in die Höhe stemmen. Niels Giffey (27) war damals drei Jahre alt, inzwischen ist er Nationalspieler mit 61 Einsätzen und Kapitän von Alba Berlin. Er gilt als sicherer Kandidat, mit Deutschland an der WM im September in China teilzunehmen. Ein Gespräch über seine Pläne, die sportlichen Chancen Albas, außergewöhnlichen Teamgeist und einen noch außergewöhnlicheren Trainer.

Berliner Morgenpost: Herr Giffey, haben Sie schon mal den Korac-Cup gesehen? Oder sogar in der Hand gehalten?

Niels Giffey: Überhaupt nicht. Doch, Moment, ich glaube, ich habe ihn mal gesehen bei einem Treffen mit unserem Alba-Präsidenten Dieter Hauert.

Sie waren fast noch ein Baby, als der Verein diesen Pokal gewonnen hat. Jetzt sind Sie Kapitän der Mannschaft, die eine zweite internationale Trophäe für den Klub gewinnen kann. Was bedeutet Ihnen das?

Für uns als Team wäre es eine schöne Bestätigung unseres Weges, unserer Arbeit. Wir sind jetzt in mehreren Finals gewesen, halten aber noch nichts in der Hand. Wir hatten im deutschen Pokal zweimal Pech, beide Endspiele hätten wir auch gewinnen können. In der Meisterschaftsserie war Bayern München im letzten Spiel wirklich dominant, das erkenne ich an. Aber jetzt brauchen wir mal ein bisschen Hardware, was zum Anfassen.

Sie kennen ja das Gefühl, sind Meister geworden mit der Alba-Jugend, zweimal mit den UConn Huskies an Ihrem College in Connecticut, haben einmal mit Berlin den Pokal gewonnen. Wie fühlt sich das denn an?

Wie eine Belohnung. Es ist einfach eine riesige Genugtuung.

Werden Sie sich gegen Valencia belohnen?

Die Chancen stehen ganz gut, glaube ich. Wir haben in letzter Zeit ein paar schwierige Spiele umgedreht. Natürlich, die haben einen viel höheren Etat als wir. Viele gute Spieler, viel Erfahrung. Wir müssen uns unsere Chance schon erarbeiten. Sie haben den Heimvorteil. Gut, dass wir nicht mehr so große Verletzungsprobleme haben zurzeit, dass wir bis auf Stefan Peno in unserer ganzen Bandbreite dastehen.

Selbst, wenn Valencia am Ende gewinnt, wäre es doch auch ein großer Erfolg, überhaupt so weit gekommen zu sein. Oder?

Es wäre auf jeden Fall ein wichtiger Schritt. Man sieht den Erfolg des Alba-Weges. Aber wir als Team wollen unbedingt gewinnen.

Werden die selbstbewussten Spanier langsam nervös? Alba hat im Viertelfinale Malaga ausgeschaltet, im Halbfinale Andorra, zwei Mannschaften aus der spanischen Liga ACB, die als beste Europas gilt.

Wir sind selbst so ein bisschen ein ACB-Ableger, spielen mit einem sehr spanischen Stil. Außerdem habe ich es noch nicht erlebt, dass ein Trainer eine so positive Stimmung schafft wie unser Coach Aito.

Sie werden immer als Team mit vielen Spaßvögeln betrachtet, leicht bis mittelschwer durchgeknallt. Wie passt das zusammen mit diesem ruhigen 72-jährigen Trainer?

Es ist eben eine Respektebene, die er aufbaut. Sehr angenehm ist, dass er sich nicht ins Privatleben einmischt. Es ist einfach eine angenehme Arbeitssituation. Es herrscht allgemein ein hoher Level an Respekt. Niemand wird angemacht. Dazu kommt, unser spanischer Sportdirektor Himar Ojeda hat wirklich gute Charaktere ausgesucht, das passt alles. Alle haben eine gewisse Vorstellung, wie sie Basketball spielen wollen, auf einigen Positionen sehr athletisch, auf anderen sehr verspielt. Das ist ein anderer Stil als bei den übrigen Bundesligisten. Die meisten haben eine Mischung aus der harten serbischen und der amerikanischen Schule.

In der Alba-Mannschaft stehen aktuell sechs Berliner. So viel Lokalkolorit gibt es an keinem anderen Bundesligastandort. Wie fühlt sich das für Sie als Berliner an?

Für den Verein ist es genau das Richtige. Vor ein paar Jahren wurde noch nicht so selbstverständlich auf die Jugend gesetzt. Viele Spieler kamen und gingen, Jugendspieler wurden nicht wirklich integriert, waren nur Rollenspieler. Jetzt haben sie größere Rollen. Bei mir war das auch noch anders: Sasa Obradovic (zu der Zeit Alba-Trainer, d.Red.) sagte mir genau, was und wie ich zu spielen habe. Das waren keine Empfehlungen, sondern klare Richtlinien. Da war wenig Platz, sich auszuprobieren. Und zu verbessern. Das hat sich geändert. Die Durchlässigkeit von der Jugend zu den Profis ist viel größer geworden.

Sie haben sich unter Trainer Reneses enorm gesteigert…

…das ist wirklich so. Ich war schon limitiert. Der Erfolg der Mannschaft war ja trotzdem da. Jetzt bei Aito sind es weniger Anweisungen, sondern mehr Ideen von ihm, was man machen sollte. Und die funktionieren auch zum größten Teil. Er ist sehr offen, du kannst deine Stärken ausspielen, aber auch mal über die schwächeren Seiten gehen. Damit sie zu neuen Stärken werden. Wenn du es nicht probierst, wie soll es dann besser werden?

Alba, der verrückte Haufen. Sind Sie wirklich so ein besonderes Team?

Fast alle sind noch relativ jung. Wir verbringen einfach mehr Zeit miteinander. Wenn jeder eine Familie hat und direkt nach Hause rennt, weil ein Kind wartet, ist es anders. Wir verbringen nach dem Training mehr Zeit in der Kabine, können gut miteinander quatschen. Es wird viel gelacht und ist einfach angenehm. Niemand will unbedingt die Halle verlassen, weil er genug davon hat.

Sie gehen lieber in Karaoke-Bars, wie man in den sozialen Netzwerken verfolgen kann. Auch, dass Martin Hermannsson ein verblüffend guter Sänger ist…

…ja, Luke Sikma war ein bisschen geschockt, er war doch immer unser Karaoke-Champ (lacht). Wir gehen manchmal nach dem Training noch gemeinsam essen, einige von den Jungs unternehmen auch wirklich viel zusammen, sind oft in der Stadt unterwegs. Zwei-, dreimal in der Saison gehen alle zusammen raus, essen, in den Club. Wir machen Halloween-Partys. Aber es geht nicht nur ums Feiern. Als Stefan Peno am Knie operiert wurde, war Dennis Clifford am nächsten Morgen bei ihm im Krankenhaus. Und ist sehr lange geblieben. Andere haben ihn auch gleich besucht. Es ist eine schöne Stimmung zusammen.

Gegen Valencia bestreiten Sie am Dienstag Ihr 258. Spiel für Alba. In der Klub-Statistik stehen Sie mit dieser Zahl bereits an neunter Stelle. Bedeutet Ihnen das etwas?

Das ist eine Sache, die bleibt. So sehr man an das Projekt glaubt, so viel Energie, wie man reingesteckt hat, kommt über die Jahre zurück. Es war schon schön, nach dem College hierher zurückzukommen. Obwohl es kein einfacher Einstand war, die Erwartungen waren groß.

Mit Henrik Rödl als Trainer sind Sie mit Alba deutscher Jugendmeister geworden, er ist jetzt auch als Bundestrainer eine wichtige Bezugsperson. Er kam nach dem College zu Alba und blieb elf Jahre, seine ganze Karriere. Können Sie sich so etwas auch vorstellen?

Ganz ehrlich, so denke ich nicht - die ganze Karriere, oder wie viele Jahre bleibt man hier. Ich könnte mir schon auch vorstellen, noch mal etwas anderes zu sehen. Mit jedem Vertrag, der ausläuft, hast du eine Entscheidung, die vor dir liegt, und vom Bauch her muss es die richtige sein. Ein Aito hat auch einen Vertrag, der jetzt ausläuft. Diese ganzen Puzzleteile müssen sich zusammenfügen. Dann muss man draufschauen und sagen können: Das fühlt sich einfach richtig an. Finanziell das Richtige, die eigene Rolle das Richtige. Dass ich mich hier zu Hause wohl fühle, ist keine Frage. Aber ich habe auch eine sehr schöne Zeit in den USA gehabt. Ich lege mich nicht darauf fest zu sagen: Ich muss jetzt Henrik sein. Die Fakten müssen stimmen, das Projekt, das Bauchgefühl.

Was macht es reizvoll, ins Ausland zu gehen? Was macht es reizvoll, in Berlin zu bleiben?

Die ACB wäre auch sehr interessant. Ich erlebe jetzt mit Aito, wie in Spanien gespielt wird, wie trainiert wird, wie die Spielkultur eine ganz andere ist. Und du hast dort mehr Chancen, gegen Topteams anzutreten.

Und Berlin?

Dass ich hier im Sportlichen noch mal eine ganz andere Rolle einnehmen kann. Was die Kultur im Team angeht, was mein Mitwirken angeht. Okay, ich bin der Käpt’n. Wie kann ich das umsetzen? Wie kann ich eine Kultur in unserem Team, in unserem Verein, mit beeinflussen? Das macht mir auf jeden Fall Spaß.

Sehen Sie in der Arena manchmal hoch zur Decke? Dort hängen die Trikots von Henrik Rödl und Wendell Alexis. Wie fänden Sie die Vorstellung, dass dort einmal auch Ihr Trikot hochgezogen würde?

Klar, das wäre cool und würde mir sicher sehr ans Herz gehen. Aber das ist sehr weit weg. Vorher müssen wir erst mal ein paar Pokale holen. Ich glaube, solche Sachen passieren oder eben nicht, darauf kann man nicht hinarbeiten.

Sie schwärmen von Ihrer Zeit am College. Was sagen Sie Ihren jungen Mitspielern Jonas Mattisseck oder Franz Wagner, die jetzt vor der Entscheidung stehen: USA oder nicht?

Das ist zurzeit wirklich superschwierig. Wenn du jemanden hast wie Aito, der dich spielen lässt, überall, der dich Fehler machen lässt, das ist schon die perfekte Situation für einen jungen Spieler. Aito bringt Leute weiter. Ich weiß nicht, ob ich ans College gegangen wäre, hätte ich jemanden wie ihn gehabt. Ich hatte damals einen Trainer (Luka Pavicevic, d.Red.), der sagte zu mir: Ich werde für drei Jahre unterschreiben, und in den ersten zwei Jahren wirst du kein Spieler sein. Vielleicht mal ein paar Minuten. Da fiel mir die Entscheidung leicht.

Haben Politik und Basketball etwas gemeinsam?

Nicht viel.

Ihre Tante Franziska Giffey war Bürgermeisterin in Neukölln und ist jetzt Bundesfamilienministerin. Verfolgt sie, was Sie machen? Sehen Sie sich häufig?

Nicht mehr so oft, sie ist schon sehr eingespannt. Aber sie weiß eigentlich immer Bescheid, was bei mir so los ist.

Kommt sie zuschauen am Freitag beim zweiten Finale zwischen Alba und Valencia?

Das glaube ich nicht. Das ist so ein Riesenaufwand mittlerweile mit Begleitschutz und allem. Das ist schon ein hohes Level an Selbstaufgabe.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft, Sie dürfen sich sogar etwas wünschen: Bei welchem Verein spielen Sie in einem Jahr, und wer ist an Ihrer Seite?

(überlegt lange) In einem Jahr will ich einen Titel in meiner Tasche und eine sehr gute WM gespielt haben. Das will ich erreichen, das sind die Sachen, die jetzt an meinem Horizont sind.