Play-off

Alba Berlin: Für ein Spiel muss die Kraft noch reichen

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Dietmar Wenck
 Heiß auf den Titel: Die Albatrosse beim vierten Finale in Berlin gegen Bayern München

Heiß auf den Titel: Die Albatrosse beim vierten Finale in Berlin gegen Bayern München

Foto: Tilo Wiedensohler / camera4

Nach einer für ihn komplizierten Saison führt Niels Giffey im entscheidenden Moment die Mannschaft von Alba ins fünfte Finale.

Berlin.  Dem Kapitän von Alba Berlin müssen die Ohren geklungen haben. „Mit dem Rücken zur Wand hat er sein vielleicht bestes Spiel diese Saison gemacht. Niels ist ein Gewinner-Typ“, sagte Basketball-Bundestrainer Henrik Rödl nach dem 72:68-Sieg über Bayern München im vierten Finalspiel um die deutsche Meisterschaft. Trainer Aito Reneses ergänzte: „Niels ist eine große Persönlichkeit.“ Und Alba Berlins Geschäftsführer Marco Baldi erklärte sogar: „Dass wir stehen, wo wir stehen, hat viel mit Niels Giffey zu tun.“

Reichlich Lob für den 27-Jährigen, dessen Leistung das finale Spiel fünf um den Titel am Sonnabend (20.30 Uhr/Telekomsport) in München erst ermöglichte. Aber ein guter Kapitän nimmt solche Anerkennung nicht nur gern an, er gibt sie auch gern weiter: „Die Qualität unseres Teams ist, dass jeden Abend ein anderer aufstehen und sagen kann: Das wird mein Abend.“ Mal ist es Marius Grigonis, mal Spencer Butterfield, mal sein Kumpel Joshiko Saibou. Diesmal war es Giffey, der auf 20 Punkte kam, alle sechs Feldwürfe verwandelte, fünf von sechs Freiwürfen und dazu eine engagierte Verteidigungsleistung bot. Warum an einem solchen Tag alle Bälle in den Korb fallen – schwer zu sagen. „Das kam so aus dem Spiel heraus“, sagte Giffey, „ich habe mich heiß gefühlt, so dass ich auch schwere Würfe nehmen kann. Einfach abdrücken, ohne groß nachzudenken – es ist, als ob dich der Korb anzieht. Dann willst du immer wieder den Ball haben, willst weiter attackieren.“

Der Kapitän kam schwer in Fahrt

Es ist wie eine Belohnung für den gebürtigen Berliner am Ende einer Saison, die oft alles andere als optimal für den exakt zwei Meter großen Mann verlief. Erst eine Entzündung im Knie, danach ein Daumenbruch: Der Kapitän kam schwer in Fahrt. Aber er machte immer weiter, genau wie in Spiel vier gegen München das gesamte Team. „Es ist schön, dass sich das auszahlt“, sagte er. Dass er gerade in diesem entscheidenden Moment vor dem eigenen Publikum einen solchen Tag erwischt hat.

Giffey fühlt sich wohl in seiner Stadt, in seiner Rolle, in seinem Klub, mit seinem Trainer. Im Moment passt einfach alles, der Plan ist aufgegangen: Der junge Mann, der Alba 2010 Richtung Connecticut verließ, zweimal College-Champion wurde und 2014 nach Berlin zurückkehrte, ist zum Vorbild für andere geworden. Auch das meinte Baldi mit seinem Lob. Giffey widerstand allen Verlockungen, für mehr Geld anderswo anzudocken, entschied sich für den Verein, in dem alles begann. Heute stehen so viele Berliner Jungs im Team wie lange nicht mehr, wollen schaffen, was ihr Anführer vorlebt.

Sein Agent Okulaja spielte unter Aito beim FC Barcelona

Wer weiß, vielleicht wird Niels Giffey sogar ähnlich wie einer seiner Vorgänger als Kapitän, Henrik Rödl, seine ganze Karriere in Berlin verbringen. „Henrik“, sagt er, „ist auf jeden Fall eines meiner krassesten Vorbilder. Einfach von seiner Person her. Wie er mit Leuten umgeht. Und wie er als Sportler gearbeitet hat.“ Wie es sich auszahlt, in der Heimatstadt geblieben zu sein, stellt er immer intensiver fest: „Die Familie ist da, die Freunde kommen in die Halle. Ich habe so viele Leute wiedergetroffen, mit denen ich im Abi ganz dicke war. Es ist eine riesige Gruppe, ein riesiger Clan.“ Die alle an seiner Seite zu haben, das findet er „schon sehr geil“.

Einer, der ihm gut zugeredet hat, seinen Vertrag im vergangenen Jahr bis 2019 zu verlängern, war sein Agent Ademola Okulaja, einst selbst aus der Alba-Nachwuchsarbeit hervorgegangen, aber in anderen Vereinen zu einem europäischen Topspieler gereift. Eine große Rolle spielte dabei, dass die Berliner den Spanier Reneses (71) verpflichtet hatten. „Ich habe selbst unter Aito beim FC Barcelona trainiert“, sagt der 43-Jährige. 2001 war das, Okulaja wurde zum Spieler des Jahres bei den Katalanen gewählt. Doch als Svetislav Pesic Aito ablöste, musste auch Okulaja gehen. „Ich habe Niels gleich gesagt: Coach Aito passt zu dir wie die Faust aufs Auge.“

Zum Glück war das nicht wörtlich gemeint, es hat sich längst herumgesprochen, dass der spanische Coach ein Vertreter der sehr ruhigen Art ist und Spielern viele Freiheiten gibt. „Jetzt hat Niels sich genau das richtige Spiel ausgesucht, um zu zeigen, was er das ganze Jahr von Aito gelernt hat“, freute sich Okulaja. Vielleicht irrt er ja in diesem Punkt, vielleicht kommt das Beste erst ganz am Schluss. Giffey sagte auf die Frage, wie lange die Energie noch reiche: „Wir haben noch Kraft. Für genau ein Spiel.“ Die Bayern dürfen das ruhig als Warnung verstehen.