Basketball

Pau Gasol erlebt gerade, was Dirk Nowitzki sich erträumte

Fast wären sie in der Vorrunde an Deutschland gescheitert, nun stehen die Spanier dicht vor dem EM-Triumph. Das liegt vor allem an Pau Gasol.

Nicht aufzuhalten: Im EM-Halbfinale gegen Frankreich gelangen Pau Gasol (l.) 40 Punkte

Nicht aufzuhalten: Im EM-Halbfinale gegen Frankreich gelangen Pau Gasol (l.) 40 Punkte

Foto: Juan Carlos Hidalgo / Pool / dpa

Berlin.  Dirk Nowitzki steht mit ernster Miene in einem Wald von Kameras und Diktiergeräten. Der Star des deutschen Basketballs soll nach dem 76:77 gegen Spanien in der Mercedes-Benz Arena erklären, warum seine Mannschaft schon in der Vorrunde der Europameisterschaft gescheitert ist. Von der Seite kommt lächelnd einer der Sieger herangeschlendert, der den 2,13 Meter großen deutschen Hünen noch einmal um zwei Zentimeter überragt. Aber als er die gedrückte Stimmung erkennt, verschwindet das Lächeln, er macht sich etwas kleiner und schleicht gebückt an der Menschentraube vorbei. Später wird Pau Gasol sagen, es tue ihm leid für Nowitzki, dass der nicht mehr im Turnier sei, denn „Dirk ist ein ganz einzigartiger Spieler, er ist ein Vorbild für jeden Basketballer und jeden Menschen auf der ganzen Welt“.

Der NBA-Star führt Spanien ins EM-Finale heute gegen Litauen

Gut eine Woche ist das her. Die Deutschen sind zu Hause geblieben, die Spanier, die so nah vor dem Scheitern gestanden hatten, kämpfen an diesem Sonntag (19 Uhr) in Lille überraschend gegen Litauen um den EM-Titel.

Was Pau Gasol über seinen langjährigen Weggefährten und Konkurrenten sagt, verrät eine Menge – über beide. Zweimal hat Nowitzki die Spanier geärgert, bei der WM 2002 und bei der EM 2005, als er hauptverantwortlich war für das Scheitern der stolzen Basketball-Macht Nummer eins in Europa. Er hat sich außerdem in der NBA als Anführer der Dallas Mavericks seit 2001 unzählige Kämpfe mit Gasol geliefert, der zunächst sieben Jahre für die Memphis Grizzlies auflief, danach sechs Jahre für die Los Angeles Lakers und vergangene Saison für die Chicago Bulls. Der Spanier, 35, ist zwei Jahre jünger als der Deutsche. Weil beide auf den Positionen Power Forward und Center zu Hause sind, wurden sie oft verglichen – selten mit positivem Ergebnis für Gasol.

So weit weg vom Rest wie Nowitzki in seinen besten Zeiten

Zu weich, nicht konstant genug, hieß es oft. Ein guter Mitläufer – aber kein Leader. Beim Blick auf die aktuelle EM darf man feststellen: Entweder war die Einschätzung falsch, oder Pau Gasol ist im fortgeschrittenen Alter ein anderer geworden. Er dominiert das Turnier, ist mit 25,6 Punkten pro Spiel so weit weg vom Rest Europas wie Nowitzki in seinen besten Zeiten. Er erzielte die meisten Punkte aus dem Feld und von der Freiwurflinie. Aber er zeigt auch kämpferische Qualitäten mit 8,4 Rebounds im Schnitt. Und er ist mit 2,3 geblockten Würfen pro Spiel der beste Korbverhinderer. „Es ist vorbildlich, wie er vom ersten Tag der Vorbereitung an gearbeitet hat“, lobt ihn Trainer Sergio Scariolo, „und wie er gerade jetzt in den wichtigsten Spielen in Topform ist.“

Gasol spricht nicht gern über sich. Obwohl er in jeder der bisher acht Partien Spaniens Topscorer war. Nach dem sensationellen 80:75 im Halbfinale über Gastgeber Frankreich vor fast 30.000 Franzosen im umfunktionierten Fußballstadion von Lille sagte er: „Ich bin sehr glücklich und stolz auf unsere Mannschaft.“ Während die spanische Sportzeitung „Marca“ den „königlichen Gasol“ lobte, denn der hatte schließlich in der Verlängerung nach einem 72:75-Rückstand mit zwei Freiwürfen und drei krachenden Dunkings mitten in das französische Herz den 80:75-Endstand gesichert. Insgesamt gelang ihm ausgerechnet in diesem Top-Spiel mit 40 Punkten, also der Hälfte aller spanischen Zähler, sein Karrierebestwert.

Plötzlich sechs von sieben Dreiern getroffen

Im Viertelfinale gegen Griechenland erzielte der 35-Jährige den letzten Punkt zum 73:71, und es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass der zweite Freiwurf den Korb verfehlte, weil so die Griechen in den letzten zwei Sekunden keinen geordneten Spielzug mehr starten konnten. Und auch im Achtelfinale gegen Polen gelang Gasol etwas Außergewöhnliches. Beim Aufwärmen hatte er sich eine schmerzhafte Entzündung zugezogen und konnte nicht wie gewohnt unter den Körben arbeiten. „Es war ein Unfall, aber ein guter Unfall“, analysierte er nach dem 80:66-Erfolg. Gasol war gezwungen, mehr von außen zu werfen, verwandelte elf von 14 Würfen, sechs von sieben aus der Drei-Punkte-Distanz. Damit verblüffte er sogar sich selbst: „Ich habe noch nie in meinem Leben sechs Dreier getroffen.“

Vielleicht bekommt Pau Gasol nun auch endlich außerhalb seines Heimatlandes die Anerkennung, die er verdient. Es kann ja kein Zufall sein, dass er zweimal (mit den Lakers) NBA-Champion wurde, Weltmeister 2006, Olympia-Zweiter 2008 und 2012, Europameister 2009 und 2011. Auch individuelle Ehrungen wie wertvollster Spieler bei der WM 2006 oder der EM 2009 fallen niemandem in den Schoß. Die Kritik, dass ihm die Titel in LA (wegen Kobe Bryant) und mit der Basketball-Großmacht Spanien leicht gefallen seien, wird nun in Frankreich in Frage gestellt. Im spanischen Team fehlen mit seinem Bruder Marc Gasol, Jose Calderon und Juan Carlos Navarro drei Führungspersönlichkeiten sowie mit Ricky Rubio und Serge Ibaka zwei weitere NBA-Spieler.

Coach Scariolo: „Nie einen besseren Spieler trainiert“

Jetzt führt nur noch einer: Pau Gasol. „Ich habe großes Vertrauen in ihn als Persönlichkeit, nicht nur in sein Spiel“, sagt Coach Scariolo vor dem Finale. „Ich habe noch nie einen besseren Basketballspieler trainiert als Pau.“