Artland Dragons

Alba Berlin im Duell mit Basketball-Zwerg Holston

David Holston ist mit 1,67 Metern der kleinste Spieler der Basketball-Bundesliga. Trotzdem ist der Spielmacher des nächsten Alba-Gegners Artland Dragons einer der Besten der Liga.

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Da stand er nun einsam und allein auf dem Parkplatz vor der Halle in Oldenburg und wunderte sich. „Die waren einfach weg…“, erzählt David Holston und lacht dabei. Im Rückblick ist die Geschichte „funny“, wie er sagt. „Kein Problem“ also, dass kürzlich die beiden kleinen Teambusse des Basketball-Bundesligisten Artland Dragons nach dem Sieg in Oldenburg ohne den Spielmacher der Mannschaft losgefahren sind.

Er habe sich „mit einem Bekannten ein bisschen verquatscht“, kam etwas verspätet; die einen dachten, er säße im anderen Bus und umgekehrt. Einer der Trainer nahm ihn schließlich in seinem Privatwagen mit. Nur ein Gerücht von Spöttern hingegen ist, dass Holston schlichtweg übersehen wurde.

Ein 65 Kilogramm wiegender Zwerg

Wieder so ein Scherz, wie er sie zur Genüge kennt, wie sie ihn seit Jahr und Tag begleiten. So geht es einem, der als Basketballprofi lediglich 1,70 Meter groß ist. Oder sind es sogar nur 1,67 Meter? „Das weiß ich selbst nicht so ganz genau“, behauptet er. Und grinst dabei.

Gesichert ist, dass der 25-jährige Amerikaner der kleinste Spieler in der Bundesliga (BBL) ist. Als 65 Kilogramm wiegender Zwerg unter Riesen, die in der Mehrzahl größer als zwei Meter sind und teils breitschultrig daherkommen wie der römische Legionär Haudraufundschluss aus einem Asterix-Comic. Der Längste in der BBL, der Braunschweiger Nick Schneiders, misst zwei Meter und 21 Zentimeter.

Kein Problem mit Fragen zur Körpergröße

Die an besonders Große gern gestellte Frage lautet: „Wie ist die Luft da oben?“ Die Antwort kommt zumeist prompt: „Es stinkt nach Zwergen.“

„Wahrscheinlich eine Million Mal“ ist Holston bisher auf seine bescheidene Größe angesprochen worden. „Das macht mir doch nichts.“ Er gibt Antworten auf dem Feld: Mit den Dragons, die am heutigen Dienstag Tabellenführer Alba Berlin zum Bundesliga-Spitzenspiel empfangen, liegt er auf dem vierten Tabellenplatz. „Er ist das Herz der Dragons“, sagt Dirk Bauermann, der Trainer des Ligakonkurrenten Bayern München, voller Respekt. Mit vier erfolgreichen Drei-Punkte-Würfen in der Verlängerung hat der Zauberzwerg die Bayern fast im Alleingang geschlagen. Spätestens seitdem wundert sich die Basketball-Gemeinde in Deutschland über den kleinen Mann. Mit im Schnitt 18,2 Punkten pro Spiel liegt er in der Liga auf Platz zwei, auch bei den zu Korberfolgen führenden Pässen (Assists) ist er mit durchschnittlich 5,9 Zweiter.

Erinnerungen an Bogues und Dukes

Dragons-Trainer Stefan Koch darf sich bestätigt fühlen. Er holte Holston zu Saisonbeginn aus Izmir, wo der US-Amerikaner zwei Jahre lang sehr erfolgreich bei Pinar Karsiyaka gespielt hatte. „Er hat eine große Gabe“, lobt Koch, „er kann unter hohem Druck Höchstleistung abrufen.“ Natürlich sei Basketball „von der Grundidee her für längere Menschen gemacht“, sagt der Trainer der Dragons. „Aber wenn es einer mit dieser Größe schon so weit geschafft hat, verfügt er mit Sicherheit über eine ganz besondere Qualität.“

Es hat immer mal wieder sehr kleine Ausnahmespieler gegeben. Der Bekannteste dürfte „Muggsy“ Bogues sein. Der 1,60 Meter große Spielmacher war der Kleinste, der jemals in der NBA, der besten Liga der Welt, unter Vertrag stand. Zwischen 1987 und 2001 absolvierte er für vier NBA-Klubs 908 Partien. Oder sein 1,68 Meter großer US-Landsmann „Bo“ Dukes, der zwischen 1988 und 1997 für Bayreuth, Ulm und Oberelchingen spielte und Kultstatus hatte.

Mut von der Mutter mitbekommen

„Es war nicht leicht für mich“, erinnert sich Holston. Viele haben an der Highschool und auch noch später am College (Chicago State University) behauptet, dass er wegen seiner Größe limitiert sei und dass es mit ihm keinen Wert habe. „Aber ich habe nie aufgegeben, jeden Tag hart gearbeitet. Und ich bin dafür belohnt worden.“ Vor allem seine Mutter habe ihm immer wieder Mut zugesprochen, ihm gesagt, er müsse weiter an sich glauben. Frei nach dem Motto: Yes, you can!

Sein College hatte keines der bekannten Basketballteams, David Holston hat sich eher im Schatten entwickelt. Aber er machte bereits als einer der besten Dreier-Schützen aller Colleges auf sich aufmerksam. Der Draft, das Auswahlverfahren für eine Verpflichtung in der NBA, fand ohne ihn statt. Natürlich träumte auch er den Traum eines jeden jungen Basketballspielers, den Sprung dorthin zu schaffen. Aber was soll er nachkarten? Holston ist Realist: „Ich bin glücklich mit dem, was ich erreicht habe. Jetzt bin ich bei den Dragons – und ich fühle mich sehr wohl.“

Schnelligkeit als Stärke

Er spielt hier seine Stärken aus, das was er – mit Blick auf seine Größe – „meinen Vorteil“ nennt: „Ich bin sehr schnell, habe in der Defensive schnelle Hände.“ Koch sieht zwar auch „den Nachteil, dass er nicht über gegnerische Spieler passen kann“, aber den mache Holston allemal wett. Als „sehr umgänglich“ charakterisiert ihn der Coach. „David versteht vor allem, dass Kritik dazu da ist, um etwas zu verbessern.“

Sicherlich war es eine große Umstellung, vom hektischen Izmir (knapp drei Millionen Einwohner) nach Quakenbrück, wo lediglich 13.000 Menschen leben. Dort, wo fast jeder jeden kennt, und wo jeder Basketballprofi eine öffentliche Person ist, die dementsprechend unter genauer Beobachtung steht.

Heimisch in Quakenbrück

„Ich finde es hier sehr schön“, sagt er jedoch. „Ich habe in Quakenbrück alles, was ich brauche. Es gibt Läden und Restaurants.“ Ansonsten habe er sich sowieso auf seinen Job, das Training, die Spiele zu konzentrieren. Wie er ins Artland gekommen ist? „Mein Agent kam mit dem Angebot. Er sagte, dort gäbe es ein gutes Programm.“

Bei seiner ersten Station in Europa, in der Türkei, sei er auch gut zurechtgekommen. „Aber jetzt in Deutschland gefällt es mir besser.“

Duell gegen seinen Freund Wood

Bei einem Kumpel aus der Jugendzeit, dem Berliner Spielmacher DaShaun Wood, hat er sich zuvor noch über das Leben in Deutschland informiert. Wood riet ihm zum Wechsel in die Bundesliga. Inzwischen ist Holston sicher: „Ich habe die richtige Entscheidung getroffen.“ Er freut sich auf das Duell mit Wood. „Das ist ein cooler Typ.“ Auf eben Holston und Wood, die beiden Regisseure, wird am Dienstag der Fokus besonders gerichtet sein.

Auf Ziele und weitere Karriereschritte will sich Holston nicht festlegen: „Es geht von Tag zu Tag, ich werde hier mein Bestes geben, dann sieht man weiter. Es bringt nichts, großartig was zu erzählen.“

Von „Muggsy“ Bogues gibt es die verbürgte Geschichte, dass er zu einem seiner ersten NBA-Spiele für die Washington Bullets vom Sicherheitspersonal erst einmal nicht in die Halle gelassen wurde. „Du und Basketballprofi…“, lachten die Security-Hünen. Zumindest so etwas ist David Holston bisher noch nicht passiert.