Alba

Fernöstliche Lebensfreude und große Ziele

Es war die wohl längste Dienstreise des Vereins. Ein Report über das zweiwöchige Trainingslager der Alba-Profis in China, ihre Erlebnisse und die Saisonziele der Basketball-Riesen.

Foto: ALBA Berlin

Die langen Kerle sind bereit. Gleich beginnt für die Spieler von Alba das „Fanmeeting“, eine Basketballveranstaltung mit chinesischen Kindern, vor der Olympiahalle von Peking. Vielleicht hundert Leute haben sich hier versammelt. Die Gäste aus dem fernen Europa schauen zunächst einem Bühnenprogramm mit Jongleuren zu und dann Kindern, die mit großem Eifer versuchen, Bälle in Streetballkörbe zu werfen. Sie geben ihnen kleine Tipps. Albas Centerspieler Yassin Idbihi, vor wenigen Wochen zum zweiten Mal Vater geworden, macht das besonders gut, ihn haben die Kids sofort in ihr Herz geschlossen. Aus den Lautsprecherboxen dröhnt „YMCA“ von Village People, ein Hit aus den 70er-Jahren. China sucht noch seinen Weg in die Basketball-Zukunft. Macht nichts, „die geben sich viel Mühe hier, das hat Spaß gemacht“, sagt Idbihi.

Die Musik hat ihnen nicht unbedingt gefallen, aber Spaß hatten sie alle. Eine willkommene Abwechslung vom Tagesgeschäft. Zwei Wochen lang bereitet sich die Mannschaft in China auf die Saison vor, die in einem Monat beginnt. Zweimal am Tag Training, dazwischen Essen, Schlafen, Entspannen, Physiotherapie. Die Einheiten in der Halle und im Kraftraum sind anstrengend, physisch wie psychisch, die Spieler mit ihren Kräften am Ende. Am Abend fallen sie früh ins Bett. „Das Camp ist hart, aber es wird sich am Ende der Saison auszahlen“, glaubt Torin Francis, mit 2,10 Meter der Hüne im neuen Team.

Alba beginnt quasi wieder bei Null. Trainer Gordon Herbert ist neu, genau wie seine Assistenztrainer Mauricio Parra und Alan Ibrahimagic. Der Athletiktrainer Jussi Hirvonen, der einst den Sprinter Frankie Fredericks und die Fußballprofis Sami Hyypiä und Jari Litmanen flott machte, ist neu. Die Spieler Francis, DaShaun Wood, Kyle Weaver und Marko Simonovic ebenfalls. Alba hat sein Personal einmal mehr fleißig durchgetauscht. Von der Truppe, die vor zwei Jahren ins Trainingslager nach Slowenien reiste, sind nur noch zwei dabei: Geschäftsführer Marco Baldi und Teambetreuer Tommy Thorwarth.

Herbert, im Sommer von den Frankfurt Skyliners nach Berlin gewechselt, ruft seine Spieler zu sich: „Right here, ey!“ Er spricht klar und fordernd. Auf der ersten Etappe der China-Reise im nationalen Basketball-Zentrum von Qinhuangdao, 200 Kilometer nordöstlich von Peking, werden die ersten zwei Spielsysteme vermittelt, Grundlagen des Basketballspiels, die später wie Automatismen funktionieren sollen. Hier muss schon jetzt alles präzise sein, sonst ziehen sich die Fehler durch die ganze Saison. „Es ist mir lieber, wir machen Babyschritte, aber die in die richtige Richtung“, sagt der 52-Jährige. Er braucht Geduld, und er hat Geduld. „Defense, Männer, Defense. Ey!“

„Gordon ist ein spezieller Trainer, er bringt uns fundamentale Dinge bei“, sagt Francis. Nachdem der Berliner Publikumsliebling Julius Jenkins den Klub Richtung Bamberg verlassen hat, ist er der neue Hingucker im Team, nicht allein wegen seiner Größe, auch wegen seiner Haarpracht. Francis ist jamaikanischer Abstammung und ein immer zu Späßen aufgelegter Kerl. Herbert ist aus Sicht der Alba-Verantwortlichen aber noch in anderer Hinsicht speziell: „Gordy hat es immer geschafft, aus seinen Mannschaften alles herauszuholen“, sagt Manager Mithat Demirel. Das soll ihm hier auch gelingen, Herbert soll Alba den ersehnten neunten Meistertitel bescheren. In den vergangenen acht Jahren wurden die Berliner nur einmal Champion – viel zu wenig für diesen Klub. Die Trainingsbedingungen sind ideal in der großen Halle in Qinhuangdao, wo sich früher Nationalheld Yao Ming auf die NBA-Saison vorbereitet hat. An den Fensterscheiben klebt in chinesischen Schriftzeichen der Satz: „Mach dein Land stolz“. Herbert hat zwei komplette Spielfelder zur Verfügung. Anders als bei seinem Vorgänger Luka Pavicevic steht jetzt das Individualtraining mehr im Vordergrund. Alan Ibrahimagic korrigiert gerade die Wurfhaltung von Joey Ney, einem der vier jungen Spieler, die Alba mit nach China genommen hat. Deutsche Spieler sollen unter Herbert wieder eine größere Rolle spielen als unter Pavicevic, auch Sven Schultze, Heiko Schaffartzik und Lucca Staiger, die sich zurzeit mit der Nationalmannschaft auf die EM in Litauen vorbereiten. „Trotzdem“, sagt der Co-Trainer, „ist der neue Coach in seiner Arbeit näher an Luka dran, als viele meinen. Er schätzt die jugoslawische Schule“.

Die Zahl der einstudierten Systeme wird niedriger sein, es wird mehr individuelle Freiheiten bei der Umsetzung geben, zum Beispiel beim Schnellangriff. Aber wildes Spiel bleibt verpönt, kleine Ungenauigkeiten werden nicht geduldet. Andernfalls kann der sonst so freundlich wirkende Coach in der Kabine auch schon mal einen Stuhl oder einen Spind zerlegen, um höhere Konzentration einzufordern. Ist bei Alba noch nicht passiert, anderswo schon. Der Kanadier, der 1984 als Spieler im olympischen Halbfinale stand, hat die größte Zeit seiner Karriere in Finnland verbracht, einen finnischen Pass und ist mit einer Finnin verheiratet. Der Liebhaber grünen Tees mag manchmal etwas abwesend wirken. Spätestens dann, wenn der Ball ins Spiel kommt, ist er voller Energie.

In Qinhuangdao bleibt alles friedlich, einigen fast zu friedlich. „Es ist wichtig, dass im Trainingslager nicht immer alles glatt läuft“, erklärt Geschäftsführer Baldi (49), der zur Verwunderung einiger Spieler selbst im sportlichen Outfit in der Halle erscheint und nebenher ein schweißtreibendes Gymnastikprogramm absolviert. „Später in der Saison wird auch nicht alles funktionieren wie gewünscht.“ Vielleicht gibt es jetzt mal ein bisschen schlechte Stimmung. Gerade hat DaShaun Wood bei einer Übung zweimal in Folge Bryce Taylor vorgeführt: Einmal ist er an ihm vorbei zum Korbleger gezogen, einmal hat er über ihn hinweg einen Distanzwurf versenkt. Herbert schaut Taylor missbilligend an. Taylor ist sauer. Aber da ruft der Trainer: „Together, ey!“ Cotrainer Parra sagt: „Die streiten sich nicht. Zum Streiten sind die viel zu müde.“ Keine Unruhe. Wenigstens stinkt es danach im Kraftraum ein bisschen muffig, manche Geräte haben außerdem Rost angesetzt. Da müssen die Spieler durch – wenn’s für Yao Ming gereicht hat! Auch beim Essen im Athletenhotel ist nicht alles nach Geschmack. „More chicken, please“, lautet die Ansage jeden Mittag und jeden Abend. Ob Hühnerfleisch, Rinderzunge, Pasta – die Berge von Essen, die Francis auf den Teller lädt, lassen kaum Sorge aufkeimen: Dieser Mann wird sein Gewicht halten. Bei 120 Kilogramm.

In Peking ist dann alles besser. „Viel besser“, sagt Bryce Taylor mit zufriedenem Gesichtsausdruck. Als die Spieler zum ersten Mal das Buffet im Restaurant des Vier-Sterne-Hotels Park Plaza sehen, strahlen sie: Chicken satt. Und eine riesige Auswahl an anderen Speisen. Alba de luxe, alles auf Einladung der chinesischen Veranstalter der „Continental Club Championships“, an denen die Berliner teilnehmen. Herbert hat gerade andere Sorgen: Er wechselt die Zimmerbesetzungen. Francis und Idbihi werden getrennt, ebenso Taylor und Simonovic, die vier jungen Deutschen auch. Ohne aktuellen Grund; nur: Grüppchenbildung soll von Anfang an vermieden werden. Simonovic, einziger „Jugo“ im Team, der sich nur mit dem gebürtigen Bosnier Ibrahimagic in seiner Geburtssprache unterhalten kann, hat so etwas bisher auch nicht entdeckt: „Hier redet jeder mit jedem.“ Alexander Blessig, mit 17 Jahren Youngster im Trainingslager, gibt zu: „Ich war anfangs skeptisch. Aber es macht richtig Spaß, und zum Beispiel Kyle Weaver sagt mir andauernd, wo ich mich verbessern kann.“ Blessig spielte zuletzt für Bayerns Münchens zweite Mannschaft in der fünften Liga. Weaver hat für die Oklahoma City Thunder 69 NBA-Spiele bestritten.

Noch ein Unterschied zu Pavicevics Zeiten. Da genossen Immanuel McElroy und Julius Jenkins einen Sonderstatus, einen Starbonus, welcher der Mannschaft am Ende geschadet hat. Denn als sie auf dem Feld als Anführer gefordert waren, wurden sie dieser Rolle nicht gerecht. Die neuen Amerikaner sind anders, „sie tun was für die Teamchemie“, hat Joey Ney festgestellt. Eines ist geblieben: Amerikaner sitzen bei den Fahrten im Bus immer hinten, haben immer Kopfhörer auf. Aber das, sagt Parra, „ist bei allen Mannschaften so“. Im Restaurant geht es gemischter zu. Yassin Idbihi und Derrick Allen haben sich dauernd etwas Lustiges zu erzählen. Nur Wood und Weaver sitzen meist gemeinsam an einem Tisch. Damit hat Weaver den wichtigsten Mann des Teams an seiner Seite. Herbert hat sich seinen Star aus Frankfurt mitgebracht: DaShaun Wood, MVP (wertvollster Spieler) der vergangenen Spielzeit. „Die Mannschaft wird zum ersten Mal seit ewigen Zeiten einen richtigen Anführer haben“, freut sich Team Manager Demirel. Nach den ersten Eindrücken in China hat sie ihn schon.

Das erklärt die Unruhe, die beim letzten Training vor dem Finale der „Continental Club Championships“ herrscht. Alba spielt gegen die Cairns Taipans aus Australien. Der Anführer macht die ersten Übungen mit, humpelt dann zum Physiotherapeuten Philipp Wohllaib und lässt sich behandeln. Nur ein kleines Problem mit den Adduktoren. Der junge Alex Blessig hat gerade das bisschen Raum genutzt, das Wood ihm ließ, und einen Dreier geworfen. Bei den nächsten Angriffen bekommt er Lektionen erteilt. Einmal stiehlt ihm der Amerikaner den Ball. „Das ist eine wichtige Erfahrung für Alex“, beschwichtigt Wood, „welcher Junge in seinem Alter kann sagen: Hey, ich habe zwei Wochen im Training gegen den MVP gespielt? Bald wird er merken, wie sehr ihm diese Tage hier geholfen haben.“

Der 25-Jährige mit Schuhgröße 42, den kleinsten Füßen im Alba-Team, vermutlich der ganzen Bundesliga, muss immer vorneweg rennen. „Er ist nie zufrieden“, hat Baldi beobachtet, „er will immer weitermachen.“ Er sei einfach ein Wettkampftyp, beschreibt sich der Mann aus Detroit selbst, „ich will immer gewinnen, egal, ob es früher gegen meine kleinen Schwestern war oder jetzt mit meinen Mitspielern.“ Vor allem aber: Wood spricht nicht nur von seiner Rolle im Team, er lebt sie. „DaShaun ist der geborene Leader“, sagt Idbihi.

Es ist das Zusammenspiel des Basketball-Lehrers Gordon Herbert und seines Musterschülers Wood, das die Alba-Hoffnungen trägt. Ob er die große Sehnsucht in Berlin spüre, dass Alba endlich wieder Meister wird? „Ja“, antwortet DaShaun Wood, „sie ist groß. Aber sie ist genauso groß in mir. Ich will unbedingt gewinnen.“ Am Abend gegen Cairns ist er wieder dabei, trotz Schmerzen. Alba gewinnt das Turnier. Und ob er den starken Druck spüre, der in Berlin auf seinen Schultern laste? „Ja“, antwortet Herbert, „er ist größer als in Frankfurt. Aber das hat mich gerade gereizt an Alba, dass sie wieder dorthin kommen wollen, wo sie einmal waren: der dominierende Klub in Deutschland zu sein.“

Sie glauben, den Grundstein dafür jetzt in China gelegt zu haben, über 9000 Kilometer von Berlin entfernt. Wenn es läuft wie geplant, kommen sie nächstes Jahr wieder. Nicht nur als Titelverteidiger. Sondern auch als Deutscher Meister.

Morgenpost-Redakteur Dietmar Wenck begleitet die Basketballer von Alba während ihres Trainingslagers in China – auf Einladung des chinesischen Verbandes.