Basketball

Berlins Albatrosse jagen die größte Ente der Welt

Die Alba-Profis bereiten sich gerade in China auf die nächste Bundesliga-Saison vor. Wenn die Berliner am Donnerstag gegen die Peking Ducks antreten, treffen die Spieler auch auf den mit 2,39 Meter wohl größten Basketballspieler der Welt.

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Torin Francis blickte einigermaßen verblüfft, als er erfuhr, dass er es bald mit dem größten Basketballprofi der Welt zu tun bekommen würde. „Wirklich? Ich kenne ihn gar nicht. Aber erst mal abwarten, wie er so spielt“, sagte der neue amerikanische Center von Alba Berlin, der sich momentan mit seiner Mannschaft in China auf die nächste Saison vorbereitet. Im Rahmen dieses Trainingslagers nehmen die Berliner in den kommenden Tagen an den „Continental Basketball Club Championships“ teil, treffen morgen auf Dongbu Promy aus Südkorea und am Donnerstag auf die Peking Ducks. In dessen Reihen steht Sun Mingming. Der Riese unter den Basketballern.

Bei seinen Maßen sind sich die Experten zwar nicht ganz einig. Von 168 Kilogramm Körpergewicht ist einheitlich die Rede; bei der Länge gibt es Variationen zwischen 2,35 und 2,39 Meter. Doch selbst für die Verhältnisse in dieser Sportart sind dies gigantische Dimensionen. Die größten Profis in der amerikanischen Profiliga NBA waren der Sudanese Manute Bol und der Rumäne Gheorge Muresan (je 2,31 Meter). Aufgrund ihrer Länge hatten beide, ähnlich wie der inzwischen zurückgetretene chinesische Superstar Yao Ming (2,29 Meter), häufig Verletzungsprobleme.

Testtraining bei den Lakers

Mingming brach 2005 aus seiner Heimatprovinz Heilongjiang im Nordosten Chinas in die USA auf, um sein Glück zu machen. Sein Lieblingsspieler sei Tim Duncan von den San Antonio Spurs, ließ er wissen. Und in der NBA herrschte nach der Entdeckung von Yao Ming die Hoffnung, den nächsten Wunderspieler aus dem Riesenreich der Mitte gefunden zu haben. Sein Name erschien auf der sogenannten Draftliste der talentiertesten Spieler, aus denen sich die Klubs ihre zukünftigen Stars aussuchen. Mingming durfte unter anderem bei Los Angeles Lakers ein kurzes Testtraining absolvieren.

Doch bald stellte sich heraus, dass er neben seiner Größe, gutem Ballgefühl und einem ordentlichen Wurf nicht viel mitbrachte. In den Trainingscamps wirkte er oft schon nach kurzer Zeit schlapp und vor allem überfordert. Ein Scout der Utah Jazz stellte trocken fest, der Chinese verstehe ja das Spiel ganz gut, habe aber große Probleme, immer auf der richtigen Seite des Feldes zu sein.

Woher die Müdigkeit kam, stellte sich kurz nach dem Draft heraus, bei dem Mingming nicht ausgewählt wurde. Er hatte einen gutartigen Tumor im Kopf. Der drückte auf eine Drüse im Hirn, die ständig Wachstumshormone ausschüttete. Für die fällige Operation musste sein Manager Spenden sammeln, denn Mingming hatte keine Krankenversicherung und war außer Stande, die rund 100?000 Dollar Kosten zu tragen. Der Manager trieb das nötige Geld auf, die Operation verlief erfolgreich.

Filmrolle an der Seite Jackie Chans

Aber aus der sportlichen Karriere auf höchstem Niveau, die er erhofft hatte, wurde nichts. Die Koordination des riesigen Körpers gelang nicht, Mingming war zu langsam, um bei dem schnellen Spiel mitzuhalten. Zunächst spielte der Chinese noch zwei Jahre in kleineren amerikanischen Profiligen, oft wenig eingesetzt, aber gut genug, um wie eine Zirkusattraktion Publikum anzulocken. Seinen Mannschaften weiterhelfen konnte er kaum. Dafür war er Star einer TV-Dokumentation über die „Anatomie eines Riesen“. Und sogar im Kino gab es Mingming zu sehen: In „Rush Hour 3“ spielte er 2006 an der Seite von Jackie Chan eine Nebenrolle als Ganove, einen Kung-Fu-Fighter der eher unsympathischen Sorte.

Nach einem weiteren sportlich freudlosen Jahr in Mexikos Basketball-Liga kehrte Mingming schließlich 2008 zurück nach Asien, verdiente in Japans erster Liga, der BJ League, sein Geld und kam dort auf ordentliche Statistiken (in 49 Spielen durchschnittlich 7,7 Punkte und 5,7 Rebounds). Wieder versuchte er, sich für die NBA ins Gespräch zu bringen. „Es kann am Ende immer noch passieren. Ich arbeite, so hart ich kann“, sagte er. Heute wird Mingming 28 Jahre alt – seinem Traum ist er aber nicht ein Stückchen näher gekommen. Nun spielt er seine dritte Saison für die Peking Ducks. Wie es heißt, soll er sich jüngst einen heftigen Streit mit Kapitän Chen Lei geliefert haben, was seinen Status sicher nicht verbessert hat.

Nur noch ein paar Minuten pro Partie kommt er zum Einsatz, wenn überhaupt; in der vergangenen Saison sammelte Mingming in zehn Spielen durchschnittlich 1,5 Punkte und 1,2 Rebounds – viel zu wenig für einen Mann, der den Ball fast aus dem Stand in den 3,05 Meter hoch hängenden Korb stopfen könnte. Wenn er ihn denn dort auch bekäme. Aber an seiner Position wird bei den Ducks meistens Randolph Morris eingesetzt, ein ehemaliger Profi der New York Knicks und der Atlanta Hawks. Fast 30 Punkte pro Spiel stehen für ihn zu Buche, auch wenn er deutlich kleiner ist als der Chinese. Aber das sind ja irgendwie alle.

„Einer, der so groß ist wie Mingming und nicht in der NBA spielt, der kann nicht so gut sein“, glaubt Yassin Idbihi, Albas zweiter Centerspieler (2,08 Meter), der seine im Training am Sonntag erlittene Rückenblockade wieder los ist und fast beschwerdefrei dabei ist. Er freut sich schon auf den Vergleich: „Mal abwarten, aber wahrscheinlich kann man an der Seite leicht an ihm vorbeikommen.“

Er und sein zwei Zentimeter größerer Kollege Torin Francis müssen sich zumindest vor Mingming kaum Sorgen machen.

Unser Reporter Dietmar Wenck begleitet Alba auf Einladung des chinesischen Verbandes in Peking.