Leichtathletik

Kévin Mayer: Der nackte Wahnsinn

Kévin Mayer erlebte bei den Europameisterschaften in Berlin einen Tiefpunkt. Doch nun hat er den Weltrekord im Zehnkampf verbessert.

Ein Hingucker: Kévin Mayer ist nach seinem Weltrekord völlig aus dem Häuschen. Und nicht nur er |

Ein Hingucker: Kévin Mayer ist nach seinem Weltrekord völlig aus dem Häuschen. Und nicht nur er |

Foto: Petit Claude / picture alliance/dpa

Berlin/Talence.  Der Strahlemann aus Frankreich kann auch sehr traurig aussehen. So war es bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin vor gut einem Monat. Da hockte der beste Zehnkämpfer der Welt am 7. August im Olympiastadion und kämpfte mit den Tränen. „Ein schwarzer Tag für mich“, klagte er bitterlich. In der ersten Disziplin hatte er seine Bestzeit über 100 Meter noch auf 10,64 Sekunden gesteigert, nun stand der 26-Jährige nach drei Fehlversuchen im Weitsprung mit leeren Händen da. Zum Glück gibt es auch die anderen, die schönen Tage im Leben von Kévin Mayer. „Ich bekomme gleich einen Sonnenbrand, so hoch bin ich auf Wolke sieben“, jubelte er am Sonntag. Da posierte Mayer in Talence in Südwestfrankreich vor einer Anzeigetafel, auf der die Zahl 9126 prangte. Weltrekord in der Königsdisziplin der Leichtathleten. Und was für einer.

Vier Deutsche standen schon mal an erster Stelle

Am Tag danach überschlugen sich die Kommentatoren förmlich vor Begeisterung. „Verrückt“, schrieb „L’Équipe“, die täglich erscheinende Sportzeitung in Mayers Heimat. „Ein unglaublicher Athlet“, twitterte der inzwischen zurückgetretene US-Amerikaner Ashton Eaton, der seit 2015 die Bestmarke mit 9045 Punkten gehalten hatte, über seinen Nachfolger. „Wahnsinn“, sagte Jürgen Hingsen (60). Der Duisburger ist einer von vier Deutschen, die Zehnkampf-Weltrekorde aufstellten, neben Hans-Heinrich Sievert (1934), Kurt Bendlin (1967) und Guido Kratschmer (1980). Hingsen verbesserte die Marke dreimal, zuletzt 1984 auf 8832 Punkte, die bis heute deutscher Rekord sind. „Kévin ist drahtig, schnellkräftig und unglaublich bewegungsorientiert“, beschrieb er den Franzosen, „das ist die neue Generation im Zehnkampf.“ Eaton schrieb: „Ich freue mich für Kévin und noch mehr für die Zukunft des Zehnkampfes.“

Der gefeierte Mann selbst formulierte das Ergebnis beinahe schon sachlich: „Ich habe lange Zeit auf diesen Moment gewartet.“ Auf zwei perfekte Tage. „Für solche Momente leben wir.“ Um dann doch noch leicht euphorisch zu werden: „Einfach unglaublich.“ Mayer hat zwar nicht wie der Tscheche Roman Sebrle, der 2001 als erster Athlet vor Eaton mit 9026 Punkten die magische Marke übertraf, eine Schallmauer durchbrochen. Aber die 81 Zähler, die er besser war als sein Vorgänger, sind für die erstaunte Expertenschar kaum weniger zauberhaft.

Auch der Franzose ist nicht frei von Schwächen

Das ging so: Der Franzose stellte in Talence vier persönliche Bestleistungen auf (100 Meter in 10,55 Sekunden, Weitsprung in 7,80 Metern, Stabhochsprung in 5,45 Metern und Speerwurf in 71,90 Metern), dazu zwei Saisonhöchstmarken (Hochsprung in 2,05 Metern und 1500-Meter-Lauf in 4:36,11 Minuten); die anderen vier Disziplinen (Kugelstoß mit 16 Metern, 400 Meter in 48,42 Sekunden, 110 Meter Hürden in 13,75 Sekunden und Diskuswurf mit 50,54 Metern) waren auch nicht übel, so dass er bereits nach neun Disziplinen 8421 Punkte hatte, also vor dem 1500-Meter-Lauf. Diese Zahl hätte bei der Europameisterschaft in Berlin übrigens schon für Silber gereicht. Arthur Abele aus Ulm gewann mit 8431 Punkten Gold.

Aber ist Mayer nun für lange Zeit unschlagbar, wie manche meinen? Schließlich ist er mit 26 Jahren noch jung. Frank Busemann, Olympia-Zweiter von Atlanta, hatte das schon vor der EM behauptet: „An ihm kommt keiner vorbei.“ Doch selbst Kévin Mayer hat Schwächen, wie sich an seinem nervösen Weitsprung-Auftritt in Berlin erwies. Auch bei der WM im Jahr zuvor in London, wo er die Goldmedaille gewann, schien er zu wackeln, weil er zweimal an der Einstiegshöhe im Stabhochsprung gescheitert war. Erst im dritten überquerte er die für ihn eher läppischen 5,10 Meter.

Ein neuer Weltstar nach Bolt und Harting

Es gibt eben selbst für ihn die eher normalen Tage und nicht nur perfekte wie jetzt in Talence. Und es gibt im Übrigen ja noch einiges zu gewinnen für den jungen Mann, dessen deutscher Klang im Nachnamen daher kommt, dass sein deutschstämmiger Vater in der Lorraine nahe der Grenze nach Rheinland-Pfalz geboren wurde. „Jetzt muss ich mir andere Ziele setzen“, sagte er deshalb nach dem Aufstellen des Weltrekordes, der eine lange Halbwertzeit verspricht. „Ich habe Lust, Olympiasieger zu werden.“ Ist er nämlich noch nicht: Bei seinem Olympiastart 2016 in Rio de Janeiro gewann er 59 Punkte hinter Ashton Eaton die Silbermedaille.

Europameister ist Kévin Mayer, der König der Athleten, auch noch nicht. Das ist Abele, der in Talence Zweiter wurde – mit 816 Punkten Rückstand. „Diese Leistung von Kévin, die war unglaublich, einfach brutal“, sagte der 32-Jährige, „er war in jeder Disziplin stark, von A bis Z. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass er diese Punktzahl noch einmal übertreffen kann.“ Wie jedoch Berlin und Talence zeigten, ist nichts unmöglich bei dem Franzosen. Und die Leichtathletik kann sich in jedem Fall freuen, denn der emotionale Mayer ist nicht nur ein extrem guter Sportler, er liebt auch die Show und kann Menschen für sich begeistern. Nach den Abgängen von Usain Bolt oder Robert Harting kann die Sportart solche Typen wie ihn gerade sehr gut gebrauchen.