Leichtathletik

Harting: „Mein Knie ist eine tickende Zeitbombe“

Robert Harting kämpft sieben Wochen vor der EM mit seinem Körper. Auch Frau Julia ist nicht in Form.

Julia und Robert Harting arbeiten gemeinsam in einer Trainingsgruppe auf das Saisonziel EM hin. Beide müssen sich für die Titelkämpfe in Berlin aber noch einen Startplatz

Julia und Robert Harting arbeiten gemeinsam in einer Trainingsgruppe auf das Saisonziel EM hin. Beide müssen sich für die Titelkämpfe in Berlin aber noch einen Startplatz

Foto: Michael Kappeler / picture alliance / dpa

Berlin.  Dass einen so großen Menschen eine so kleine Sehne daran hindert, das zu tun, was er am liebsten tut und bis vor Kurzem auch besser als jeder andere Deutsche konnte, ist schwer nachzuvollziehen. Doch Robert Hartings Quadrizepssehne im rechten Knie tut genau das. Sie schränkt ihn ein, vor allem bei Drehbewegungen. Also genau bei den Bewegungen, die es braucht, um einen Diskus möglichst weit zu werfen.

Dass die Sehne angerissen ist und den Start bei den Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin (7. bis 12. August) gefährdet, ist bekannt. Doch nun hat sich der 33-Jährige einer weiteren Behandlung unterzogen – eine neue Methode, gegen den Rat der Ärzte. Und damit alles getan, was möglich ist, um die kleine Sehne bis zum Saisonhöhepunkt im August durchhalten zu lassen. Eben alles, was abseits einer OP möglich ist.

Harting ist fast schmerzfrei

Die neuartige Behandlung hat die Sehne des 2,01 Meter großen Diskuswerfers weicher gemacht. Er könne sich nun fast ohne Schmerzen bewegen, erklärte Harting am Rande einer Sportlerehrung des Landessportbundes Berlin. „Mein Knie ist eine tickende Zeitbombe, weil die Sehne an sich natürlich nicht mehr so weh tut, aber auch nicht die Stabilität hat“, sagte der Olympiasieger von 2012.

Eine tickende Zeitbombe, die noch sieben Wochen durchhalten muss. Mindestens. Denn der Berliner, der in diesem Jahr seine Karriere beendet, will mit dem Istaf im Olympiastadion (2. September) den Schlusspunkt setzen. „Ich möchte das nicht kniend erleben, deshalb gehe ich das Risiko der Behandlung ein, weil ich lieber stehend sterbe, statt nur ein halber Harting zu sein“, sagt er. Der Kampfgeist ist ungebrochen. Er spricht davon, dass er auf Angriff getrimmt sei, auf Leidenschaft zum Erfolg und zum Sieg. Angst vor der Niederlage sei eine schlechte Einstellung.

„Ich habe in meinem Kopf kein Szenario, das mich nicht bei der EM starten lässt“, sagt Harting. Das setzt jedoch eine erfolgreiche Qualifikation voraus. Der dreifache Weltmeister konnte die Norm von 64 Metern zwar bereits übertreffen, neben ihm ist das aber auch vier anderen Deutschen gelungen – Harting ist der Schwächste. Mit seiner Saisonbestweite von 65,13 Metern liegt er mehr als vier Meter hinter Europas Spitze. Dort thront der Litauer Andrius Gudzius (69,59), Topfavorit auf den EM-Titel.

Bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg (20. bis 22. Juli) geht der Kampf um die drei EM-Startplätze in die letzte Runde. „Wer bei der DM keine Leistungen zeigen kann, kann das auch zwei Wochen später nicht“, sagt Harting. So mutig und angriffslustig, wie der zweifache Europameister im Hinblick auf die bevorstehenden Events klingt, ist er nicht immer. „Ich zweifle manchmal viel“, sagt er, „Julia baut mich dann auf.“

Auch Frau Julia im Leistungstief

Und das obwohl Robert nicht der einzige im Hause Harting ist, der mit seinem Körper und seiner Form zu kämpfen hat. Seine Frau Julia steckt kurz vor dem Highlight der Saison ebenfalls in einem Leistungstief. „Leider ist das seit Langem mein schlechtestes Jahr. Ich werfe zurzeit wirklich gar nicht gut“, sagt die 27-Jährige. Die Norm für die EM hat sie schon erfüllt. Mit 60 Metern ist der Richtwert für Deutschlands Spitzenwerferinnen allerdings auch keine besonders hohe Hürde. Für Julia Harting in dieser Saison trotzdem keine leichte Aufgabe. „Ich hätte nicht gedacht, dass es irgendwann mal ein Problem für mich ist, das zu werfen“, sagte die Berlinerin, die sich genau wie Robert noch in einem Feld von sechs Werferinnen für drei EM-Startplätze behaupten muss. Doch vor der Saison hatte auch sie mit einer Verletzung am Oberschenkel zu kämpfen, seitdem technische Probleme bei der Ausführung ihrer Würfe.

Erst Anfang Juni schaffte sie es, 42 Zentimeter über Norm. Nicht das, was sich Julia Harting vorgenommen hatte. „Ich will bei der EM nicht nur dabei sein, ich will um eine Medaille kämpfen“, sagt sie. Dafür müsse sie aber noch drei, vier Meter drauflegen. „Ich bin schon so oft Sechste, Achte, Fünfte oder sonst was geworden, das ist auch immer toll. Aber deswegen bin ich nicht Leistungssportlerin geworden. Ich will Medaillen gewinnen!“ Trotz nagender Zweifel an der fehlenden Form sei sie kein Mensch, der schnell aufgibt. „Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.“