Leichtathletik

Lückenkemper: „Anfragen vom Playboy lehne ich ab“

Topsprinterin Gina Lückenkemper über Grenzen der Selbstvermarktung und ihre Ziele bei den Europameisterschaften in Berlin.

Gina Lückenkemper gilt als das neue Gesicht der deutschen Leichtathletik. Und vor allem kann die 21-Jährige sehr schnell laufen

Gina Lückenkemper gilt als das neue Gesicht der deutschen Leichtathletik. Und vor allem kann die 21-Jährige sehr schnell laufen

Foto: imago sport / imago/Beautiful Sports

Essen.  Es passiert nicht oft, aber manchmal vergisst Gina Lückenkemper die Zeit. Zwei Stunden soll das Gespräch gedauert haben? Die 21-Jährige glaubt es kaum. Eine andere Zeit, die Lückenkemper sicher nicht vergisst, ist die 10,95. So wenige Sekunden brauchte die Sprinterin des TSV Bayer Leverkusen im Juli vergangenen Jahres bei den Weltmeisterschaften in London für 100 Meter. Als erste Deutsche seit 26 Jahren lief sie unter elf Sekunden. Bei der EM vom 7. bis 12. August in Berlin gilt sie nun als Medaillenkandidatin.

Frau Lückenkemper, Sie gelten als das neue Gesicht der deutschen Leichtathletik. Wie lebt es sich als deutsche Hoffnung?

Gina Lückenkemper: Die Erwartungshaltung von anderen Leuten ist mir schon immer egal gewesen. Ich will zwei Medaillen aus Berlin nach Hause bringen, das ist ein realistisches Ziel.

Was hat sich für Sie verändert?

Seit London haben mich die anderen Athletinnen auf dem Zettel, beobachten mich. Sie wissen jetzt ganz genau, wer ich bin. Das merkt man. Auch im Startblock. Da beginnt der Psychokrieg. Da wird noch mal der Zopf gerichtet und noch ein bisschen gehüpft. Dann wischt man sich in Ruhe die Krümel von der Hand. Ich spiele da mittlerweile auch mit, weil ich merke, dass sie genau hinschauen.

Profitieren Sie auch in Sachen Vermarktung von dem Erfolg?

Selbstvermarktung ist mir schon immer leicht gefallen, weil ich Spaß daran habe und selbst gern rede. Durch London haben meine Social-Media-Kanäle einen großen Schritt gemacht, vor allem Instagram. Nach dem Unter-Elf-Lauf sind da 20.000 Follower hinzugekommen. Von denen ist auch keiner gegangen. Das ist richtig krass. Und mich erkennen seitdem auch immer mehr Leute – zum Beispiel im Supermarkt.

Erzählen Sie.

Neulich stand ich mit einer Freundin vorm Chips-Regal – ja, auch ich bin ein Mensch, auch ich esse ab und an Chips. Dann merke ich, wie ein Mann an uns vorbeikommt, guckt, weitergeht, noch einmal zurückkommt, noch einmal guckt und verschwindet. Kurz darauf kommt seine Frau um die Ecke und sagt: Ach, sie ist es tatsächlich! Ich wollte nur kurz Hallo sagen. Das war super lustig. Da merkt man, dass der Bekanntheitsgrad größer geworden ist.

Was für Kanäle zur Selbstvermarktung nutzen Sie?

Vor allem Instagram – Facebook nur für Ergebnisse oder kleinere Updates. Bei Instagram zeige ich mehr von meinem Alltag. Ich glaube, 90 Prozent sind Bilder von meinem Pferd. Ich will zeigen: Wer ist der Mensch Gina Lückenkemper?

Wo liegen Grenzen der Selbstvermarktung?

Playboy-Anfragen habe ich abgelehnt. Klar, solche Bilder können auch super ästhetisch sein, aber das ist was, wo ich sage: Das ist mein Körper, und das geht mir einen Schritt zu weit.

Wann beginnt für Sie ein normaler Arbeitstag?

Um 7.30 Uhr geht der Wecker. Dann bleibe ich liegen bis viertel vor acht. Ich kann nicht direkt aufstehen, wenn er klingelt. Deshalb bin ich auch jedes Mal nicht begeistert, wenn die Nada mich um 6 Uhr aus dem Bett klingelt.

Empfinden Sie es als ungerecht, dass Athleten in anderen Ländern nicht für Kon­trollen geweckt werden, weil es dort kein vergleichbares Anti-Doping-System gibt?

Natürlich ist es ungerecht, dass nicht alle gleich kontrollieren. Aber ich möchte sauberen Sport. Ich möchte den Leuten zeigen, was ich aus mir rausholen kann, was ich mir hart erarbeiten kann – ohne irgendwelche Mittelchen. Ich bin meinen Dopingkontrolleuren auch nicht böse. Wenn die um 6 Uhr bei mir klingeln, sind die selbst um 5 Uhr aufgestanden.

Und was denken Sie, wenn Sie dann die Sportler neben sich im Startblock sehen, von denen Sie wissen, dass in deren Ländern weniger streng kontrolliert wird?

Ich möchte nicht auf die Bahn gehen und Leute wegen ihrer Herkunft, wegen des Landes, aus dem sie kommen, verurteilen. Wenn man ganz krass denkt, wäre das sogar Rassismus.

Das ist auch ein Generalverdacht.

Genau. Und das finde ich nicht richtig. Nicht alle Athleten, die aus Ländern kommen, in denen weniger kontrolliert wird, sind zwangsläufig gedopt. Deshalb möchte ich mich von so einem Generalverdacht distanzieren. Ich möchte sauberen Sport. Aber ich möchte nicht auf die Bahn gehen und jemanden schief anschauen, weil er gute Leistung bringt. Leistungen, die früher nur mit Doping möglich waren, sind heute so möglich. Wenn natürlich nachgewiesen ist, dass jemand gedopt hat, dann ist das ein No Go, das geht gar nicht.

Blickt man als Leichtathletin neidisch auf die Fußballer? Das ist ja schon eine andere Dimension.

Neidisch bin ich nicht, weil ich finde, dass die Fußballer den Realitätsbezug verlieren.

Sollte es nicht bessere Verdienstmöglichkeiten für Leichtathleten geben?

Es könnte mehr sein. Aber ich beklage mich definitiv nicht, weil ich finanziell sehr gut aufgestellt bin. Wer in der Leichtathletik erfolgreich ist und sich selbst vermarkten kann, der kann davon leben, zumindest, solange er den Sport betreibt. Aber ich finde es schade, dass die Unterstützung erst dann einsetzt, wenn man oben angekommen ist. Man müsste viel mehr in der Jugendförderung tun. Wenn ich nach Rio gehört habe: Wir wollen mehr Medaillen, geben aber weniger Geld in den Sport. Da frage ich mich: Wie soll das gehen?

Sie sind bis jetzt einmal unter elf Sekunden gelaufen. Wie weit geht es noch? Ist das ein Ziel für die EM in Berlin?

Ich will wieder unter 11,0 laufen. Ich finde es auch realistisch, noch schneller als die 10,95 zu sein. Inwieweit das schon dieses Jahr sein wird, wird sich zeigen. Die zweite Unter-Elf-Zeit muss auch nicht erst in Berlin passieren. Vielleicht vorher. Ich will alles rausholen, was man noch rausholen kann.

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