Zehnkampf

Freimuth nach Saisonende: "Bin mit mir im Reinen"

Der Zehnkämpfer will nun die Seele baumeln lassen und sich erholen.

Rico Freimuth legt eine Pause ein

Rico Freimuth legt eine Pause ein

Foto: pa

Australien vielleicht, oder die USA - auf jeden Fall nicht die EM in Berlin: Die nächsten Ziele von Zehnkämpfer Rico Freimuth haben sich verschoben. Wegen "mentaler Müdigkeit" hat der Vizeweltmeister seine Saison beendet und verzichtet damit auf den Höhepunkt, die Heim-EM in der deutschen Hauptstadt. Statt in der EM-Saison - wie in den aufreibenden Jahren zuvor auch - Normen und Medaillen hinterherzulaufen, nimmt sich Freimuth eine Auszeit.

"Ich überlege jetzt, was ich mache. Vielleicht nach Los Angeles reisen oder nach Australien. Mal etwas sehen, mal die Seele baumeln lassen und in den Tag hineinleben. Auch wenn es sich komisch anhört", sagte der 30-Jährige aus Halle/Saale am Mittwoch dem SID: "Es ist alles gut. Ich bin mit mir im Reinen."

Freimuths Entscheidung hatte sich angedeutet. Beim Traditionsmeeting der Mehrkämpfer im österreichischen Götzis war er am vergangenen Wochenende überraschend ausgestiegen. Auf Platz drei liegend trat der WM-Dritte von 2015 am zweiten Tag nicht mehr zum Stabhochsprung an.

"Ich fühle mich ausgebrannt. Zehnkampf bewegt sich im Grenzbereich, sowohl körperlich als auch mental", hatte Freimuth in der Mitteldeutschen Zeitung erklärt. Am Mittwoch betonte er: "Ich habe keine Depressionen, und ich will auch kein Mitleid. Das darf man nicht verwechseln." Vielmehr habe er einen "Schlussstrich" gezogen: "Es hat sich so angefühlt, als müsste ich das jetzt so machen."

Für seinen Traum, eine Olympiamedaille. Daran habe sich nichts geändert. "Ich bin noch nicht fertig, sonst hätte ich meine Karriere beendet", betonte er. Schon nach WM-Silber im vergangenen Jahr hatte er erklärt, für eine Medaille bei Olympischen Spielen "alles hinten anzustellen". Dies bedeutet in diesem Jahr den Verzicht auf Berlin, auch wenn ihm dies schwergefallen sei. "Wäre die EM woanders, hätte ich das vielleicht schon vorher gemacht", sagte er.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) bedauert die Absage. "Natürlich ist es außerordentlich schade, dass Rico die EM-Saison abbrechen muss. Er hat sich diese Entscheidung sicherlich nicht leicht gemacht", sagte Idriss Gonschinska, Leitender Direktor Sport. Er betonte aber, dass er optimistisch sei, "dass Rico auf absolutem Weltklasseniveau zurückkommen wird."

Die Zehnkämpfer leben in einer speziellen Situation. Im Gegensatz zu vielen anderen Disziplinen in der Leichtathletik haben sie nur zwei, vielleicht drei Chancen in der Saison, ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Fast nirgendwo sonst spitzt sich die Anspannung auf so wenige Wettkämpfe zu. Fast nirgendwo ist die Belastung so hoch. Zehn Disziplinen in zwei Tagen hinterlassen Spuren, körperlich und mental.

Freimuth kennt dies. Seit 2011 war er bei jedem Großereignis dabei. "Das ist schon eine lange Zeit", sagte Zehnkampf-Bundestrainer Rainer Pottel der Süddeutschen Zeitung. Freimuths Ausstieg sei für ihn "nachvollziehbar", er habe Freimuth gesagt: "Er soll es einfach auf sich zukommen lassen."

Das macht Freimuth nun. Auch finanzielle Gründe konnten ihn nicht zu einer Fortsetzung der Saison verleiten. "Ich will nicht mein Leben davon abhängig machen, wieviel ich verdiene oder nicht verdiene. Ich werde auch auf einer anderen Ebene glücklich", sagte er.

Jetzt wolle er erst einmal etwas machen, was ihm Spaß bringe. Reisen zum Beispiel. Nach Australien vielleicht. Oder in die USA.

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