Leichtathletik

Kugelstoßerin Schwanitz greift wieder an

Nach der Geburt ihrer Zwillinge zieht sich Schwanitz nicht zurück. Sie hofft auf EM-Gold in Berlin.

 Bei den Werfertagen in Halle/ Saale gewann Christina Schwanitz am Sonnabend die Konkurrenz mit 19,19 Metern

Bei den Werfertagen in Halle/ Saale gewann Christina Schwanitz am Sonnabend die Konkurrenz mit 19,19 Metern

Foto: dpa Picture-Alliance / Michael Kappeler / picture alliance / dpa

Schönebeck.  Die große, starke Frau hat eine Engelsgeduld. Immer neue Fans kommen, um sich mit ihr fotografieren zu lassen. Oder halten ihr Trikots, Bücher, Eintrittskarten hin, damit sie unterschreibt. Christina Schwanitz erfüllt alle Wünsche lächelnd, sogar in Schönschrift. „Das können sie später wenigstens lesen, wenn sie es mal wiederfinden.“ Seit ein paar Jahren malt sie immer noch ein Lachgesicht über das i ihres Nachnamens. Ihr Markenzeichen. Was passt besser zu dieser Frohnatur, die so viel lacht und mit jedem ein Schwätzchen hält? Deshalb mögen die Menschen sie ja auch so gern.

Natürlich, die Kugelstoß-Weltmeisterin von 2015 und zweimalige Europameisterin hat gerade sehr gute Laune. Ihr Saisoneinstand beim Solecup in Schönebeck ist ihr mit 19,17 Metern gut gelungen. Zwei Tage später erhöht sie beim Erzgebirgssportfest in Gelenau sogar auf 19,50 Meter und ist schon wieder die beste Kugelstoßerin Europas in diesem Jahr. Gestern gewann sie in Halle/Saale mit 19,19 Metern. Das war der Plan, bei den kontinentalen Titelkämpfen vom 7. bis 12. August in Berlin will sie mindestens eine Medaille gewinnen, „am liebsten Gold“. Was soll sie jetzt anderes sein als zufrieden mit ihrem Comeback? Trotzdem sagt sie: „Ehrlich, das ganze Drumherum hat mir gar nicht gefehlt.“

Jetzt noch die Dopingkontrolle und ein paar Interviews, dann wird es höchste Zeit, nach Hause zu kommen. Die 32-Jährige will noch in der Nacht zu ihren Babys, die bei Freunden übernachten. Will wissen, wie sie eingeschlafen sind, wieder für sie da sein. An Abenden wie diesen ist sie nie so ganz hundertprozentig in ihrem früheren Leben als reine Kugelstoßerin. Seit Juli vergangenen Jahres ist Schwanitz Mutter von Zwillingen. Die Schwangerschaft und die ersten Monate mit den Kindern waren so schön, dass sie zugibt: „Ein Karriereende war da denkbar. Absolut.“

Seit fast 20 Jahren treibt Schwanitz Leistungssport. Sie hat es genossen, mal nur eine schwangere Frau zu sein und anschließend Mutter, „ein normaler Mensch“. Nicht für die Anti-Doping-Agentur Nada erreichbar sein, sich nicht beim Trainer abmelden müssen. In Urlaub fahren, wenn man Lust dazu hat, „und niemand schreibt mir was vor“. Herrliche Wochen, Monate. Kurz vor der Geburt hat sie ihr Fachabitur bestanden, anschließend war sie bei der Rückbildungsgymnastik mit anderen Frauen. Ihr Sportgerät hat sie fast ein Jahr nicht angefasst, eine lange Zeit ist das für eine Kugelstoßerin, so als wenn ein Handballer keinen Ball werfen darf. Wenn sie Sport getrieben hat, dann nur aus Spaß an der Bewegung. Hat so Sachen gemacht, „die nicht gemessen werden konnten“. Lustig. Fremd. Schön. Und ihr Körper hatte Zeit, sich von den vielen Zipperleins aus all den Jahren Knochenmühle zu erholen. „Mir tut nichts weh“, sagt sie.

Trainer Lang bringt ihr jetzt mehr Respekt entgegen

Doch als die Zwillinge schon mit sechs Monaten in die Krippe kamen, hatte sie wieder Zeit für sich. Und bald kam die Sehnsucht nach dem Sport. Ruhige Kugel geht einfach nicht bei ihr. „Das war der Moment, wo ich gemerkt habe, ich bin noch nicht fertig mit dem Sport. Ich brauche das Mama plus.“ Aber dann richtig. Anders als etwa Olympiasiegerin Valerie Adams. Die zweimalige Olympiasiegerin und viermalige Weltmeisterin wurde drei Monate nach Schwanitz Mutter und kehrte mit 17,50 Metern zurück auf die Sportbühne. „So etwas wollte ich nicht“, sagt die Sächsin, „dass es heißt, geht nicht mehr so, ach ja, die hat doch Zwillinge bekommen. Als hätte ich einen Schnupfen. Ich bin doch nicht krank, weil ich Mutter bin. Ich wollte, dass die Welt sieht: Christina Schwanitz ist zurück.“

Also gut: Christina Schwanitz ist zurück. Immer noch fröhlich, immer noch ehrgeizig, „Kugelstoßen regt mich immer noch auf“, sagt sie. Aber gewisse Veränderungen sind da. Zum Beispiel im Training mit ihrem langjährigen Trainer Sven Lang. „Ich werde jetzt viel mehr respektiert als Mama“, hat sie halb erstaunt, halb stolz festgestellt, „vielleicht bin ich in seinen Augen erst jetzt richtig erwachsen geworden.“ Sie schafft das doppelte Pensum, bringt die Kinder zur Kita, schmeißt den Haushalt und trainiert. Um 5.30 Uhr steht sie auf. „Wenn ich gut bin, halte ich abends bis 23 Uhr durch.“ Nach anstrengenden Tagen liegt sie auch schon mal um 20 Uhr im Bett: „Da falle ich bloß noch um.“ Ihr Mann ist manchmal geschäftlich unterwegs, die Organisation ist komplizierter geworden, aber sie kriegt es hin. „Zum Glück haben wir einen sehr guten Freundeskreis, der uns da sehr unterstützt.“ Mal auf die Kinder aufpasst wie an diesem Abend, an dem Christina Schwanitz beim Wettkampf ist.

Noch schwerer sind längere Trennungen. Ins Trainingslager in Südtirol sind die Kids mitgereist. Aber nach Zypern nicht, Schwanitz wollte nicht, dass sie schon fliegen, „Ohrendruck und so, ich möchte nicht, dass meine Krümel das mitmachen müssen“. So nennt sie ihre Kinder. Ihr Mann hat ihr also Filmchen geschickt von den Kleinen. Das war schön und hart zugleich. Ein richtiger Stoß. „Sie müssen einiges aushalten“, sagt sie, und sie hätte auch „wir“ sagen können, „aber es sind schließlich Schwanitzens.“

Und schon kann Christina Schwanitz wieder herzhaft loslachen.

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