Leichtathletik

Robert Hartings Abschiedssaison wird zur Zitterpartie

Die EM-Teilnahme des Diskus-Riesen scheint nach Saisonauftakt in weite Ferne zu rücken.

Robert Harting hatte in Schönebeck nur zwei gültige Versuche

Robert Harting hatte in Schönebeck nur zwei gültige Versuche

Foto: Jan Woitas / dpa

Schönebeck.  An Zuspruch für Robert Harting mangelte es nicht. „Wir sind manchmal zu schnell in Wertungen“, sagte Idriss Gonschinska, Leitender Direktor Sport der deutschen Leichtathleten nach dem Saisoneinstieg des dreimaligen Weltmeisters beim Werfermeeting in Schönebeck, „ich vertraue auf Roberts Erfahrung, seine Energie und das Timing mit seinem Coach.“ Bundestrainer Jürgen Schult kündigte an: „Wir hören noch was von ihm, ich denke nicht, dass er schon aufgibt.“

Die Aufmunterung war nötig. Denn gar nicht optimistisch klang der Berliner selbst. „Ich mache hier gerade keinen Diskuswurf, das ist eine andere Disziplin“, ärgerte sich der 33-Jährige nach seinem Resultat von 63,67 Metern, „ich muss sagen: Ich bin ratlos.“ 64 Meter beträgt die Norm für die Europameisterschaft vom 7. bis 12. August im Berliner Olympiastadion. Andere übertrafen diese Weite um Längen, der jüngere Har­ting-Bruder Christoph (67,59) etwa, ebenso die Magdeburger Martin Wierig (66,98) und David Wrobel (65,98).

Robert Harting bekam in der Kleinstadt bei Magdeburg gnadenlos vor Augen geführt, dass ihm mehr fehlt als 33 Zentimeter, um wie erhofft am Ende seiner Karriere bei der EM noch einmal einen großen Auftritt zu haben. In Schönebeck verunsicherte den Routinier zwar auch der schnelle Ring; seine Frau Julia, immerhin 2016 EM-Zweite in Amsterdam, stürzte gar beim Einwerfen und brachte anschließend keinen gültigen Versuch zustande. Doch die Windbedingungen waren sehr günstig für die Diskuswerfer. „Die Norm hätte man unter den Bedingungen hier locker schaffen müssen. Es ist schon eine Aussage, wenn das nicht gelingt“, sagte Harting, den eine Verletzung im rechten Knie behindert. „Ich kann meine Stärken nicht ausspielen.“ Das sind seine Rumpfkraft und seine tiefen Kniewinkel. Doch bei jedem Versuch im Ring schwingt die Angst mit, dass es gleich sehr wehtut. Er nennt es so: „Die Schleuder wird nicht aktiviert.“

Das ist sie bei der Konkurrenz offenbar um so mehr. Allen voran bei Christoph Harting. Erst zum zweiten Mal überhaupt nach dem Finale der Diamond League in Brüssel Ende vergangenen Jahres ließ der bei einem direkten Duell seinen fünfeinhalb Jahre älteren Bruder hinter sich – diesmal mit riesigem Abstand. „Ich habe das abgerufen, was ich gerade kann“, sagte der Olympiasieger von Rio 2016 und hörte sich nicht einmal besonders glücklich an: „Es hätte noch besser laufen können. Mir fehlt Frische, mir fehlt Agilität, und mir fehlt Geschwindigkeit.“

Bruder Christoph holt aus zum großen Wurf bei der EM

Für ihn gebe es nun zwei Möglichkeiten. Entweder er arbeite daran, jetzt bald auch noch auf 68 oder 69 Meter zu kommen. Die Kraft dafür ist da, antrainiert in einem anstrengenden Winter, doch „das hält dann drei, vier, fünf Wochen“. Die EM sei aber erst in zweieinhalb Monaten. Deshalb folge er mit seinem Trainer Torsten Lönnfors lieber einem anderen Weg. „Ich ruiniere jetzt quasi meine gute Form, um eine noch bessere für später aufzubauen“, kündigte Christoph Har­ting fröhlich an, „der Plan ist, bei der Europameisterschaft topfit zu sein.“ Lönnfors ist zuversichtlich, „dass dann die 68 oder 69 Meter drin sind“.

Das wären Luxusprobleme für Robert Harting. Ob der zehnmalige deutsche Meister noch einmal die Kraft aufbringt, sich für die EM zu qualifizieren? „Er hätte es verdient zum Abschluss seiner Karriere“, sagte Jürgen Schult, „aber ums Verdienen geht es im Sport nicht. Da zählt die Leistung.“ Nur die drei besten Deutschen dürfen in Berlin starten. Nach Schönebeck gehört Robert Harting nicht dazu. Noch nicht.

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