Leichtathletik

Ein Olympiasieger ist reif für die Insel

Speerwurf-Olympiasieger Thomas Röhler will Europameister werden - und den finnischen Rekord brechen.

Olympiasieger Thomas Röhler glaubt, dass die 100 Meter mit dem Speer zu überwinden sind

Olympiasieger Thomas Röhler glaubt, dass die 100 Meter mit dem Speer zu überwinden sind

Foto: Reto Klar

Berlin.  Olympiasieger Thomas Röhler ist schon durch mit seinem leichten Training und führt entspannt Gespräche. Plötzlich unterbricht er, es hallen Rufe vom Weltmeister Johannes Vetter durchs Berliner Olympiastadion, alle starren entgeistert auf den Rasen. „Ey, was ist das denn jetzt hier?“, ärgert sich Vetter, der bloß zur Übung noch ein Weilchen Speere Richtung Achtzig-Meter-Marke schleudern wollte, „mach aus, das Ding!“ Doch die gerade angesprungene Sprinkleranlage lässt sich nun mal nicht eben so auf die Schnelle stoppen. Erst nach einer kurzen Weile kann er weitermachen.

Die Konkurrenz in Grund und Boden geworfen

Röhler muss lachen. Ganz ist er nicht gelungen, ihr erster Test des Jahres am Ort der Europameisterschaften vom 7. bis 12. August. Der Tartan auf der Anlaufbahn ist auch nicht perfekt, muss überarbeitet werden. Zu weich, „ein bisschen schwammartig, ein unangenehmes, nicht stabiles Gefühl im Fuß“, hat Röhler festgestellt. Die Veränderung soll allen Speerwerfern zugutekommen, die hier am 9. August um die Medaillen kämpfen. Geht es nach ihm, werden Gold, Silber und Bronze allerdings in Deutschland bleiben: „Das ist das Ziel, und es ist auch ein Traum.“

Vor nicht mal einer Woche hat es diese Konstellation schon gegeben. Beim Diamond-League-Sportfest in Doha/Katar warfen Röhler (91,78 Meter), Vetter (91,56) und Andreas Hoffmann (90,08) die Konkurrenz in Grund und Boden. Drei Athleten über 90 Meter, das stand nie zuvor in den Siegerlisten. Man darf es sicher nicht überbewerten, die Saison ist jung. Aber es bleibt dabei, dass die Deutschen momentan in keiner anderen leichtathletischen Disziplin so überlegen sind wie mit dem Speer. Das würden sie in Berlin gern erst auf den Rasen und dann aufs Siegerpodest bringen.

Sportlicher Zweikampf trübt das Verhältnis nicht

Die größten Konkurrenten um Gold sind der 25 Jahre alte Offenburger Vetter und der eineinhalb Jahre ältere Jenaer Röhler. Erstaunlich, wie wenig diese Konkurrenz ihr Verhältnis zu trüben scheint. „Warum denn auch?“, fragt Röhler gedehnt. Vielleicht, weil der Jüngere ihm den deutschen Meistertitel weggeschnappt hat, den WM-Titel, den deutschen Rekord mit 94,44 Metern? Außerdem wirken sie vom Naturell so unterschiedlich, der eher besonnene, über die Technik kommende Röhler auf der einen Seite, der forsche, kraftstrotzende Vetter auf der anderen.

Der Olympiasieger sieht in all dem und ihrer Verschiedenheit kein Konfliktpotenzial: „Die Territorien sind abgesteckt, wir haben beide unsere Vorstellungen, was wir besser können“, sagt er. Im Wettkampf wolle jeder gewinnen, „aber dann können wir uns respektvoll in die Augen schauen und sagen: Herzlichen Glückwunsch, heute hast du gewonnen.“ Nach seinem WM-Triumph in London 2017 hatte Vetter gesagt, er würde sich wünschen, „dass Thomas auch auf dem Podest stehen würde“. Röhler wurde Vierter.

Fünf Monate lang keinen Speer in die Hand genommen

Vielleicht schaffen sie es in Berlin gemeinsam. Röhler hat eine gute Vorbereitung hinter sich. Wie in jedem Jahr hat er fast fünf Monate nur mit Bällen trainiert. „Man kann in der Halle keine Speere werfen“, lautet eine Begründung. Die andere: „Der Hunger auf den Speer soll immer wieder da sein.“ Auf welchen genau, das weiß er noch nicht. Sicher ist, dass Röhler auf der Suche nach dem perfekten Wurfgerät für ihn ist. Auch in Berlin hat er zwei ausprobiert, die neben der Tagesform, der Vorbereitung, der Witterung und der Anlaufbahn ein Teil des großen Puzzles werden könnten. Das setzt sich aber eigentlich nicht zusammen aus Teilen. Sondern aus 100 Metern.

„Ich halte die 100 ganz klar für möglich“, sagt der 26-Jährige, „wir starten jetzt das limitlose Denken.“ Der Potsdamer Uwe Hohn warf den Speer bereits 1984 auf 104,80 Meter, danach wurde das Gerät verändert. Den Weltrekord mit dem aktuellen Speer hält seit 1996 Jan Zelezny mit 98,48 Metern. Dem Tschechen fehlte also bereits nicht viel, Meter für Meter hatte er sich an die magische Zahl herangeworfen. Nichts anderes haben nun auch seine deutschen Nachfolger vor.

Finnen denken sich einen besonderen Bonus aus

Zunächst gibt es aber noch ein anderes, vermutlich etwas leichter erreichbares Ziel. Der Sieger der Paavo-Nurmi-Spiele am 5. Juni in Turku kann eine Insel vor Finnlands Küste gewinnen, wenn er den Landesrekord übertreffen sollte, der bei 93,09 Metern liegt. „Das ist eine extreme Wertschätzung“, findet Röhler, „dass ein Land sagt, weil du den Speer weit wirfst, bekommst du ein Stück Land von uns.“ Finnland galt lange als das Land der besten Speerwerfer. Mit dem aktuellen Olympiasieger und dem Weltmeister ist das jetzt aber Deutschland. Vielleicht kommt in Berlin sogar noch der Europameister dazu.

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