Leichtathletik

Vetter gegen Röhler: Das Duo träumt von der magischen 100

Auf dem Höhepunkt ihres Schaffens scheint der Mount Everest in der Nähe - vielleicht schon Freitag beim Diamond-League-Auftakt.

Röhler (l.) und Vetter peilen den 100-Meter-Wurf an

Röhler (l.) und Vetter peilen den 100-Meter-Wurf an

Foto: pa

Doha/Köln. 1-0-0: Drei Ziffern, die für Johannes Vetter und Thomas Röhler die Sportwelt bedeuten. Die beiden besten Speerwerfer des Planeten, Weltmeister der eine, Olympiasieger der andere, träumen von ihrer persönlichen Mondlandung, dem Wurf über die magischen einhundert Meter. Auf dem Höhepunkt ihres Schaffens scheint der Mount Everest der Leichtathletik in greifbarer Nähe - vielleicht schon am Freitag beim Diamond-League-Auftakt in Doha.

"Warum mentale Schranken aufbauen? 100 m sind physikalisch machbar. Die Frage ist nur, wann und wie", sagt Röhler. Vor einem Jahr hatte der 26-Jährige in Doha die sagenhafte Weitenjagd eröffnet, neun Monate nach seinem Olympiasieg von Rio den deutschen Rekord auf 93,90 m verbessert. Weiter hat mit dem aktuellen Speermodell nur Tschechiens Weltrekordler Jan Zelezny geworfen, 1996 in Röhlers Geburtsstadt Jena 98,48 m erzielt.

Zeleznys für die Ewigkeit bestimmte Marke haben Röhler und Vetter fest ins Visier genommen. Vor allem Vetter (25), der Röhler nach zwei Monaten den nationalen Rekord entriss, seit seinen 94,44 m von Luzern "ewige" Nummer zwei ist und später in London souverän Weltmeister wurde, ist der Wurf in die neue Dimension zuzutrauen.

"Bei meinem Rekord hatte ich überhaupt keinen Wind, Zelezny dafür 1996 umso besseren", sagt der Offenburger Schützling von Bundestrainer Boris Obergföll: "Wenn ich die gleichen Bedingungen wie Zelezny in Luzern gehabt hätte, dann hätte ich 97 Meter oder mehr werfen können." Und weil Taten mehr als Worte aussagen, schmiss Vetter sein Arbeitsgerät schon Anfang März beim Winterwurfcup in Leiria auf 92,70 m. So früh war noch nie jemand so gut.

Doha wird zum Gradmesser

Vetter wie Röhler sind also in der Lage, schon sehr zeitig in einer Saison Großtaten vollbringen zu können, Doha wird zum Gradmesser. Den ganz großen Druck - Weltrekord hin, 100 m her - machen sich beide aber nicht.

"Diese Marke belastet mich nicht. Sie ist ein Traum, sie motiviert, meine eigenen Grenzen zu sprengen", sagt Röhler: "Ich sehe mich immer noch als einer der jüngeren Werfer, dass genug Raum für Verbesserungen ist." Vetter meint: "Wenn einmal die perfekte Form auf den perfekten Wettkampf trifft, werden wir einfach sehen, was passiert."

Passieren könnte, dass sie damit ihre Disziplin revolutionieren: Sollten wirklich die 100 m fallen, wäre dies wohl sicherheitsbedingt das Aus für den derzeitigen Speer - so wie 1984 DDR-Werfer Uwe Hohn mit 104,80 m den Vorgänger in Rente schickte.

Das Wetteifern um Weltrekord und 100 m ist indes nur ein Teil des großen Saisonduells dieser gleichsam starken, aber so gegensätzlichen Athleten. Zwischen dem brachialen Muskelpaket Vetter, der bei Wind und Wetter wie ein Uhrwerk wirft, und dem feingliedrigen Ästheten Röhler, dem mitunter Kleinigkeiten das System zerschießen können, geht es vor allem um den EM-Titel in Berlin (6. bis 12. August). "Ich freue mich wahnsinnig darauf", sagt Vetter: "Das wird ein geiles Ding und riesiges Spektakel."

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