Leichtathletik

Leichtathletik-EM: Siegerehrungen auf dem Breitscheidplatz?

Chef-Organisator Frank Kowalski spricht im Interview über moderne Leichtathletik und das gewagte Projekt am Breitscheidplatz.

Frank Kowalski mit den EM-Attraktionen Siebenkämpferin Carolin Schäfer, Maskottchen Berlino und Robert Harting

Frank Kowalski mit den EM-Attraktionen Siebenkämpferin Carolin Schäfer, Maskottchen Berlino und Robert Harting

Foto: pa

Berlin. Vom 7. bis 12. August, also in gut 100 Tagen, finden in Berlin die Leichtathletik-Europameisterschaften statt. Frank Kowalski (54) war selbst Leistungssportler, Bundestrainer, Leiter des Olympiastützpunktes Ludwigshafen. Nebenbei studierte er Betriebswirtschaft und Marketing an der European Business School. Beim Deutschen Leichtathletik-Verband war Kowalski über Jahre verantwortlich für Marketing, 2013 wurde er Organisationschef der EM 2018. Ein Gespräch über den guten Ticketverkauf, mögliche Stars der Titelkämpfe und die schwierige Entscheidung, auch nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz ausgerechnet dort Siegerehrungen zu veranstalten.

Vergangenes Wochenende lief die Meldung, eines Ihrer EM-Zugpferde, Robert Harting, habe eine schwere Knieverletzung und schreibe seine Medaillenhoffnungen ab. Für Sie als EM-Organisationschef ein Schock, Herr Kowalski?

Frank Kowalski:Jede Verletzung eines Topathleten in der Leichtathletik tut mir weh. Wir sind kein Mannschaftssport, in dem die Verletzung eines Protagonisten nicht so wirkt wie in der Leichtathletik, wo man sich mehr mit einer Leistung und einer Person identifiziert. Andererseits hat gerade Robert gezeigt, dass er aus den schwierigsten Situationen immer wieder gestärkt herauskam. Ich würde ihn auf keinen Fall abschreiben.

Aber machen Sie sich nicht Sorgen, dass weniger Zuschauer kommen?

Das wirft uns nicht zurück. Wir haben eine sehr breite Palette an sehr interessanten Sportpersönlichkeiten. Ich glaube nicht, dass das die Leute davon abhält, Tickets zu kaufen, ich glaube eher, dass sie ihm um so mehr die Daumen drücken, dass er dann doch im Stadion einlaufen kann.

Wie viele Tickets haben Sie verkauft? Wie viele müssen Sie verkaufen, um den Business-Plan zu erfüllen?

Wir sind im Plan, bewegen uns im Moment sehr stark auf 200.000 Tickets zu. Dreieinhalb Monate vorher ist das ein Riesenerfolg, das hat noch keine EM zu diesem Zeitpunkt geschafft. Unser Ziel 275.000 schaffen wir. Denn erst jetzt qualifizieren sich die Athleten, erst jetzt kommt der Schub durch den Beginn der Leichtathletik-Saison. Gewisse Kategorien sind ausverkauft, zudem ist am Sonnabend der Unterring komplett ausverkauft. Wir haben schon sehr hohe Auslastungsgrade.

Was muss man zahlen, wenn man jetzt noch ein Ticket kaufen will?

Wir haben kurzfristig eine neue Kategorie im Oberrang eingerichtet, das sogenannte Sportfestival-Ticket. Das kostet 25 Euro am Abend, 15 am Tag. Auf der anderen Seite werden auch Angebote im Bereich Business-Seats sehr gut abgenommen, die kosten mit Hospitality 295 Euro. Auch die gehen gut weg.

Woher kommen die Zuschauer? Sind es vor allem Berliner, Brandenburger?

Der Anteil der internationalen Käufer liegt bei über 30 Prozent. Zur WM mit 210 Nationen waren es um die acht Prozent. Das liegt jetzt sicher daran, dass wir sehr aktiv waren über Visit Berlin, die Deutsche Zentrale für Tourismus, gerade in Quellenmärkten Pakete anzubieten mit Übernachtungen. Wir bringen sehr viele Menschen nach Berlin. Aus dem Ausland ist der Zuspruch aus Großbritannien am größten. Das liegt sicher auch an der Euphorie nach der WM im vergangenen Jahr. Diese Zahlen heißen aber auch, dass gerade Berlin und Brandenburg noch ein bisschen hinterherhängen.

Die WM in London war ein Leichtathletik-Fest, immer ausverkauft, immer großartige Stimmung. Was kann Berlin davon lernen? Vielleicht sogar nachahmen?

Wir haben davon profitiert, dass in London diese positive Ausstrahlung für die Leichtathletik erzeugt wurde. Die Leute wurden überrascht, wie man Leichtathletik heute präsentieren kann, wie populär das ist. Wir haben in Berlin nicht einen solchen Schub von Olympischen Spielen, wie es den in London noch gab. Wir haben auch nicht einen solch starken Nationalstolz, wie ihn momentan die Briten haben. Und drittens sind wir eine EM, keine WM. Es war der letzte Auftritt von Usain Bolt! Mitnehmen können wir viel von der Präsentation und vom Hereintragen der Leichtathletik in die Innenstadt. Wir wollen hier mit unserer europäischen Meile am Breitscheidplatz noch bessere oder sagen wir andere Akzente setzen, als es in London der Fall war.

Kann die EM vom Istaf lernen, auch vom Hallen-Istaf? Beide Veranstaltungen sind bei Zuschauern und Athleten sehr beliebt.

Wir arbeiten mit dem Istaf von der ersten Minute an zusammen. Ich finde es überragend, was sich insbesondere beim Istaf Indoor entwickelt hat. Das ist eine Benchmark in der internationalen Leichtathletik geworden. Natürlich hat eine EM einen anderen Charakter, wir haben 48 Disziplinen, beim Hallen-Istaf sind es sieben. Nichtsdestotrotz werden wir Elemente vom Istaf übernehmen, auch in der Präsentation der Athleten. Es wird erstmals beim Weitsprung und Dreisprung eine für den Zuschauer sichtbare Laserlinie geben. Es wird einen sogenannten „Hot Seat“ geben wie beim Skisport. Wo etwa die über die Zeit qualifizierten Athleten beim Halbfinale über 100 Meter in dieser Box stehen, dann warten, was im zweiten Halbfinale passiert. Ist dort jemand schneller, fliegen sie raus. Wir wollen diese Emotionen aufnehmen. Da wird sehr viel passieren.

Wir sprachen schon kurz über Robert Harting. Wer sind aus Ihrer Sicht weitere Gesichter dieser EM?

Wir haben in unserem deutschen Team wieder Protagonisten, wie wir sie in manchen Disziplinen seit vielen Jahren nicht mehr hatten. Wie Mittel- und Langstrecklerin Konstanze Klosterhalfen. Wir haben unglaublich starke Sprinterinnen, Gina Lückenkemper ist erstmals unter elf Sekunden gelaufen. Wir haben unglaublich starke Hürdensprinterinnen. Nicht nur immer Wurf, da sind wir sowieso traditionell stark, sondern auch in den sehr attraktiven Disziplinen. Im internationalen Bereich ist Zehnkämpfer Kevin Mayer ein unglaublicher Typ, wenn der mit seiner Aura ins Stadion kommt, zieht er die Blicke der Zuschauer schon auf sich. Dazu gibt es Vorzeigeathleten wie den Stabhochspringer Renaud Lavillenie, die sich über Jahre hinweg einen hohen Bekanntheitsgrad erworben haben. Das Schöne an der Leichtathletik ist aber, dass man nichts vorhersagen kann. Es wird viele Überraschungen geben, auch aus deutscher Sicht. Natürlich freuen wir uns hier in Deutschland über jeden deutschen Erfolg, denn das ist bei einer Heim-Veranstaltung nun mal das Salz in der Suppe.

Sie erwähnten Gina Lückenkemper. Es gibt gerade einen sehr schönen Spot zur EM mit ihr – unterstützt von der Deutschen Fußball-Liga. Wie kam das?

Wir sind auf die DFL und die ebenfalls beteiligte Deutsche Sporthilfe zugegangen. Ob sie uns nicht aus gewissen Image-Gesichtspunkten unterstützen wollen. Der Fußball ist zwar übermächtig, aber er hat auch etwa in punkto Montagspiele oder Videobeweis ein paar Kratzer bekommen. Wir haben die DFL überzeugt, dass sie dort Imagewerbung machen kann für ihre eigene Sportart. Dass es so toll und emotional umgesetzt wurde, erfüllt uns mit Stolz. Dieser Spot wird jetzt im Fernsehen gezeigt, ARD, Sky, RTL Nitro, Eurosport – das hätten wir uns ohne die DFL gar nicht leisten können. Das erschließt uns neue Zielgruppen und wird uns im Ticketing helfen.

Wo haben Sie Baustellen? Oder kann die EM aus Ihrer Sicht morgen beginnen?

Die größte Bausteile ist momentan die europäische Meile am Breitscheidplatz. Dieses Projekt nimmt Ausmaße an, das ist eine Veranstaltung für sich. Dort werden die Straßenwettbewerbe stattfinden, die Qualifikation im Kugelstoßen und die Siegerehrungen. Und es soll dort eine Woche Europa erlebbar gemacht werden. Es soll ein Europafest werden, das man in der ganzen Stadt spürt. Dort sind noch die größten Baustellen zu schließen.

Warum gerade auf dem Breitscheidplatz? Olympiasieger Christoph Harting sprach von Bauchschmerzen, die er habe bei dem Gedanken von Siegerehrungen an dem Platz, wo der größte Terroranschlag der jüngeren Vergangenheit in Deutschland stattfand. Ist es richtig, dort hinzugehen? Warum nicht Brandenburger Tor?

Unsere Überlegung kam aus dem Jahr 2013, mit diesem Projekt haben wir uns beworben. Wir haben in der Umgebung Athleten, Funktionäre und Medien untergebracht, es soll eine EM der kurzen Wege geben. Deswegen war die City-West für uns gesetzt. Natürlich waren wir durch den Anschlag geschockt, für uns war dieses Konzept in dem Moment aus Pietätsgründen erledigt. Wir sind durch Politik und Behörden bestärkt worden, es dennoch zu tun.

Jetzt erst recht?

Es war ja ein Anschlag auf unsere Gesellschaft, und irgendwie ist das auch ein solches Signal „Jetzt erst recht“. Es gibt eigentlich keinen besseren Platz, als sich gerade hier als Europa zu zeigen. Die Symbolkraft dieses Platzes ist jetzt noch größer. Es wird überall in Europa mit Respekt und sogar Hochachtung gesehen, dass wir diesen Platz bespielen. Natürlich haben wir das Thema Anschlag im Hinterkopf. Wir werden im Rahmen der europäischen Meile der Opfer gedenken. Wir planen mit der Gedächtniskirche einen Gottesdienst. Wir werden einen Raum der Stille anbieten. Der Deutschlandfunk hat auf dem Platz eine Umfrage mit Passanten gemacht. Die überwiegende Mehrheit war dafür, dass wir dort hingehen.

Haben Sie nicht große Sicherheitsbedenken?

Wir haben mittlerweile Themen zur Sicherheit auf dem Tisch, wie wir sie in der Vergangenheit nicht gekannt haben. Sicherheit ist ein Schwerpunktthema für uns. Wir arbeiten mit den Behörden zusammen, die bestmöglichen Sicherheitspakete zu schnüren. Die Sicherheit ist ein allüberspannendes Thema dieser EM.

Zeitgleich mit der Leichtathletik-EM in Berlin finden in Glasgow die Europameisterschaften im Schwimmen, Turnen, Radfahren, Triathlon, Golf und Rudern statt. Gemeinsam treten Sie an als European Championships, eine Art Klein-Olympia. Wem hilft das? Nehmen Sie sich nicht Sponsoren und Fernsehzeiten weg?

Wie sagt man so schön: Vorher weiß man es nicht, und nachher weiß man es besser. Ich finde, es ist exakt der richtige Schritt, dass sich Sommersportarten zusammentun. Das Ziel ist, Mehrwerte zu schaffen. Wir haben dadurch eine Fernsehfläche von insgesamt zehn Tagen. Das heißt für uns konkret, dass auf unsere EM schon fünf Tage vorher hingewiesen wird. Das ist wie bei Olympischen Spielen. Ich erwarte mir davon sehr große Effekte. Dieses Format wird langfristig eingeführt, die nächste Austragung gibt es 2022. Ich glaube, es wird sehr kurzfristig einen Schub für uns geben.

2009 gab es in Berlin die sehr erfolgreiche Leichtathletik-WM in Berlin. Schwebt sie gewissermaßen über Ihnen, wie ein Gewicht, dass die EM genauso gut gelingen muss?

Wir sind neun Jahre später. Es hat sich so viel verändert, dass eine WM keine Blaupause sein kann für eine EM. Positiv ist, dass wir Synergien haben, unsere Wettkampforganisation deckt sich weitgehend mit der WM. Davon profitieren wir genauso wie von der nachhaltigen positiven Wirkung der WM, auch international. Alle Leute freuen sich auf Berlin, viele haben dabei die WM im Hinterkopf. Was sicher auf unseren Schultern lastet, ist der Erwartungsdruck wegen der WM 2009. Auch die EM 2002, die EM 1986, die WM 1993 waren immer sehr große Erfolge. Das ist also die Standarderwartung an uns. Zudem wollen wir aber unsere eigenen Impulse setzen, das wird man hoffentlich bei der EM spüren. Wir wollen den Menschen zeigen, allein durch die Gestaltung im Stadion, dass Leichtathletik eine moderne Sportart geworden ist. Wir wollen auch nachhaltiger als nach der WM 2009 in die Vereine hineinwirken, was die Mitgliederentwicklung angeht. Wir wollen die beste Europameisterschaft aller Zeiten ausrichten.

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