Champions-Serie

Hürdenläuferin Wender ist ein Ausnahmetalent

Wo andere nervös werden, zeigt sie ihre besten Leistungen. Nur für die EM in Berlin ist sie noch zu jung.

Hürdenläuferin Gisèle Wender träumt davon, einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen

Hürdenläuferin Gisèle Wender träumt davon, einmal an Olympischen Spielen teilzunehmen

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Berlin.  Gisèle Wender wusste erst gar nicht, warum ihr auf einmal jeder gratulieren wollte. So gut war das Rennen doch gar nicht gewesen, dachte sie noch, denn sie war an der achten Hürde beinahe gestürzt und hatte sich nur mit Mühe ins Ziel gerettet. Dann aber offenbarte ihr Willi Mathiszik, der Landestrainer des Berliner Leichtathletik-Verbands, dass sie über 400 Meter Hürden soeben die Norm für die U18-Weltmeisterschaften gelaufen war. „Das hat mich völlig überrumpelt“, sagt sie.

Eigentlich sollte sie sich nur austoben

Mit der Möglichkeit eines internationalen Starts hatte sich die 16-Jährige bis dahin nicht befasst. Schließlich hatte sie als Dreijährige nur deshalb beim SV Bau-Union mit der Leichtathletik angefangen, weil ihre Eltern wollten, dass sie sich austobt. Zu Hause wusste sie nicht, wohin mit ihrer Energie. Zwar war sie schon als Schülerin deutsche Meisterin gewesen, schon damals mit Trainerin Christina Scheibe, die sie seit nun 13 Jahren betreut. Doch erst mit der Qualifikation für die U18-WM in Kenia dämmerte ihr im Sommer 2017, dass Sport für sie mehr sein kann als bloß ein Ventil für überschüssige Energie. „Seitdem habe ich erst richtig Blut geleckt“, sagt sie.

Ihre Erwartungen wurden bei der WM sogar noch übertroffen. Im Stadion von Nairobi wurden die Sportler von über 50.000 Zuschauern frenetisch gefeiert. Eine beeindruckende Kulisse, die allerdings auch so manchem jungen Athleten das Herz in die Hose rutschen ließ. Gisèle Wender ließ sich von der Atmosphäre nicht beeindrucken. „Ich habe die ganze Anspannung in positive Energie umgewandelt“, erzählt sie. Als Einzige lief sie im Finale eine persönliche Bestzeit von 59,17 Sekunden und holte damit die Bronzemedaille, was in dieser Disziplin zuvor erst einmal einer Deutschen gelungen war.

Vor WM erst drei Rennen über 400 Meter absolviert

Dabei hatte die Berlinerin vorher gerade einmal vier Rennen über 400 Meter Hürden absolviert. Im Schülerbereich werden noch 300 Meter Hürden gelaufen. Wieder einmal zeigte sich, dass sie im Wettkampf über sich hinauswachsen kann. „Sie kommt einfach sehr cool daher und kann sich bei wichtigen Wettkämpfen auf den Punkt fokussieren“, lobt Landestrainer Willi Mathiszik. Wender selbst meint: „Ich brauche die große Bühne, um meine beste Leistung abrufen zu können.“

In diesem Jahr steht diese Bühne in Berlin. Im August finden im Olympiastadion die Europameisterschaften statt. Für Gisèle Wender kommt dieses Ereignis allerdings noch zu früh. Selbst für eine Tätigkeit als Volunteer ist sie noch zu jung, denn auch dafür muss man mindestens 18 Jahre alt sein. Langfristig peilt die Sportlerin aus Karlshorst jedoch die Teilnahme an den Olympischen Spielen an. „Wir haben den Anspruch, das Bestmögliche zu erreichen“, sagt Mathiszik.

Disziplin ist sehr anspruchsvoll

Zugutekommen könnte ihr dabei, dass die 400 Meter Hürden nicht gerade eine deutsche Paradestrecke sind und Talente deshalb schnell in die Spitze vordringen können. „Auf dieser Strecke kann man schon in jungen Jahren viel erreichen“, sagt Wender. Gleichzeitig gelten die Langhürden als eine der anspruchsvollsten Disziplinen der Leichtathletik. Gisèle Wender hat sich trotzdem ganz bewusst dafür entschieden.

„Ich habe eine gute Ausdauer und eine gute Hürdentechnik, da lag das nah“, sagt sie. Mathiszik meint sogar: „Es gibt wenige Athleten, die beidbeinig so gut Hürdenlaufen können.“ 2018 möchte Wender zur U18-EM nach Ungarn und bei den Deutschen Jugendmeisterschaften ihren Titel aus dem Vorjahr verteidigen. Daran hat die Muskelverletzung nichts geändert, wegen der sie derzeit nur eingeschränkt trainiert. Schließlich hat sie ja schon bewiesen, dass sie sämtliche Hindernisse mit Leichtigkeit überwindet.