Leichtathletik

Als hätte Lückenkemper den Schuss nicht gehört

Sie ist Deutschlands schnellste Sprinterin, wenn sie mal in Fahrt ist. Doch sie hat Startprobleme.

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Berlin.  Gina Lückenkemper spricht schnell. Vor allem rennt sie schnell. Nur aus der Ruhe bringen lässt sie sich nicht gern so auf die Schnelle. Jedenfalls nicht, wenn sie auf ihre schlechten Starts beim Istaf Indoor in Berlin angesprochen wird und daraus eine Karrierebremse konstruiert werden soll. „Erstens“, kontert die 21-Jährige Westfälin, „bin ich vor einer Woche beim Meeting in Dortmund doch sehr gut aus den Blöcken gekommen. Ich kann es also besser, mir fehlt nur die Konstanz. Zweitens: Dafür ist es Sport, ich stehe noch am Anfang und werde es lernen. Berlin war ein Wettkampf, um zu lernen.“

Tatjana Pinto ist beim Start die beste Deutsche

Ihr fünfter Platz über 60 Meter hat ihr andererseits schon deutlich gemacht, woran sie weiter arbeiten muss. Direkt nach ihren beiden Rennen war sie wütend auf sich selbst. „Ich bin nicht schlecht gelaufen, nur vorn habe ich zu viele Fehler gemacht. Ich muss das üben, üben, üben.“ Wie es besser läuft, zeigte ihr im Vorlauf die neben ihr startende Tatjana Pinto, die auch das Finale gewann und in 7,08 Sekunden eine Weltjahresbestzeit aufstellte.

„Tatjana habe ich erst im Ziel wiedergesehen“, scherzte Lückenkemper, „so schnell war sie weg. Reagieren und loslaufen ist bei ihr eins.“ Pinto ist wegen dieser Qualität auch Startläuferin im deutschen 4x100-Meter-Quartett, das vergangenes Jahr bei den Staffelweltmeisterschaften auf den Bahamas den Titel holte und diesen unerwarteten Erfolg über 4x200 Meter gleich noch versilberte.

Sie reagiert langsamer auf Geräusche von hinten

Bei Gina Lückenkemper sahen die Starts in Berlin fast so aus, als hätte sie den Schuss nicht gehört. Sie arbeitet schon seit Längerem an ihrer Schwäche, zuletzt verstärkt mit dem Sportwissenschaftler und Neuroathletiktrainer Lars Lienhard. Der hatte bald herausgefunden, dass es ihre Reaktionszeit ist, die ein schnelleres Loslaufen verhindert, nicht ihre Technik. „Ich bin ein Mensch, der leider extrem viel denkt im Block“, sagt die Athletin von Bayer 04 Leverkusen, „und zwar an das Unnötigste der Welt. Etwa so: Gleich kommt der Schuss!“ Sie muss selbst über sich lachen und ergänzt: „Das ist sowas von dämlich. Bescheuerter geht’s nicht.“

Gemeinsam haben sie und ihr Trainer auch erkannt, dass sie langsamer auf Geräusche reagiert, die von hinten kommen. Unglücklicherweise ertönt das Startsignal nun mal aus einer Box hinter den Läuferinnen. Also wurde geübt, dass sie nach links oder rechts schaut, wenn ihr Trainer hinter ihr in die Hände klatscht. Derselbe Lienhard war es auch gewesen, der die Idee hatte, sie solle vor jedem Wettkampf eine Neun-Volt-Batterie ablecken, um dadurch eine schnellere Verknüpfung von Gehör und Muskelimpuls zu erreichen. Bisher nicht mit durchschlagendem Erfolg. „Man kann das nicht einfach so umsetzen“, sagt Gina Lückenkemper und schnipst erklärend mit den Fingern. Gleich darauf lacht sie schon wieder: „Ich habe da offenbar eine lange Leitung. Teilweise funktioniert es. Nur nicht oft genug.“ Beim Istaf hatte sie in beiden Läufen die schwächste Startzeit – mit Abstand.

Erst einmal wegen eines Fehlstarts disqualifiziert

Nun war Lückenkemper noch nie eine gute Starterin. Erst einmal in ihrer Karriere hat sie einen Fehlstart fabriziert, „bei der U23-DM in Wesel“, kommt es wie aus der Pistole geschossen, „ich wurde disqualifiziert“. Trotzdem ist sie spätestens nach den 10,95 Sekunden über 100 Meter bei der WM in London im vergangenen Jahr im übertragenen Sinn einer der Renner der deutschen Leichtathletik, eine der Athletinnen, die diesem Sport gut tun.

Deshalb wird von ihr auch bei den Europameisterschaften vom 7. bis 12. August in Berlin einiges gewartet. Schon bei der EM 2016 in Amsterdam gewann sie schließlich Bronze über 200 Meter. Ihre Fans kann sie beruhigen: „Ich kenne es doch nicht anders, ich bin ja quasi mein ganzes Leben lang hinterhergerannt.“ Trotzdem hat sie Erfolg. Start hin oder her, „ich mache mir keine Gedanken. Das hat zu klappen. Ich bin sicher, dass es im Sommer geht.“