Leichtathletik

Im Herzen der Leichtathletik-EM

Seit 2015 arbeitet ein Team daran, dass die größte Sportveranstaltung des Jahres in Deutschland ein Erfolg wird.

38 Männer und Frauen bilden das Organisationsteam der Leichtathletik-EM. Sie alle sehnen den 7. August herbei. Dann werden die ersten Medaillen vergeben.

38 Männer und Frauen bilden das Organisationsteam der Leichtathletik-EM. Sie alle sehnen den 7. August herbei. Dann werden die ersten Medaillen vergeben.

Foto: Massimo Rodari

Berlin.  Gleich beim Eintreten bekommt der Gast in zugespitzter Form vermittelt, worum es geht. Im Flur steht ein Banner mit dem speerwerfenden Olympiasieger Thomas Röhler. An den Wänden hängen Plakate aller europäischen Leichtathletik-Titelkämpfe seit Brüssel 1950. An einer Tafel werden die Tage gezählt, bis die große Show in Berlin beginnt, 220 sind es noch. Direkt daneben wird jeden Morgen die Zahl der verkauften Tickets per Hand eingestellt. Mit 60.000 wurde zu diesem Zeitpunkt gerechnet, nun sind es schon rund 100.000. Damit es weiter so gut läuft, arbeiten hier im Olympiapark in der Organisationszentrale der Leichtathletik-Europameisterschaften vom 7. bis 12. August in Berlin 38 Frauen und Männer.

Mit 47 Jahren schon eine Oma in der Eventbranche

Alle sind Spezialisten auf ihrem Gebiet. „Ich bin total happy, was wir hier an Fähigkeiten bündeln konnten“, sagt Frank Kowalski, der Geschäftsführer der im Februar 2015 gegründeten Berlin Leichtathletik-EM 2018 GmbH. Obwohl alle Jobs zeitlich befristet sind. Auf Rentenverträge scheinen seine Mitarbeiter es allerdings auch gar nicht abgesehen zu haben. Die meisten sind mittleren Alters, suchen neue Herausforderungen, wollen etwas mit Sport machen. Teil dieser EM sein, der größten Sportveranstaltung des Jahres in Deutschland. Sie soll etwas Besonderes werden. Kowalski sagt: „Unser Ziel ist es, die beste EM aller Zeiten auf die Beine zu stellen.“

Sabine Trützschler war die erste, die hier Quartier bezogen hat, noch vor ihrem Chef. Sie hat das Büro eröffnet, Telefonanlagen geordert, Schreibtische. „Der Deutsche Leichtathletik-Verband hat mich eingestellt.“ Nicht zufällig. Sie hat den gleichen Job schon bei der WM 2009 in Berlin gemacht, offenbar sehr gut. Sabine Trützschler kümmert sich um Unterbringung, Akkreditierung, Catering, Transport und Sicherheit. Director Services nennt sich ihre Position auf Neudeutsch. Die beste freie Übersetzung wäre wohl: Mammutaufgabe. „Ich hab ja schon die WM mitgemacht, das hilft“, sagt sie lässig. Mitgebracht hat sie viele Erinnerungen, „und die Festplatte von damals“. Mit ihren 47 Jahren sei sie ziemlich alt für die Eventbranche – „wie eine Oma“. Trützschler lacht.

150 Reisebusse kutschieren die Athleten durch Berlin

Die Berlinerin kam über die Hilfe bei Marathons zu höheren Aufgaben, etwa dem Volvo Ocean Race der Segler. „Als die EM kam, war klar: Ich bin dabei.“ Heute überrascht sie nichts mehr so leicht. „Ich kann die jungen Kollegen beruhigen. Früher wurde ich beruhigt.“ Und sie kennt die Kleinigkeiten, die groß werden, wenn man sie übersieht. In allen Teamhotels zum Beispiel muss es Twinbetten geben, trennbare Betten mit zwei Decken. Das erwartet der Dachverband European Athletics (EA). Überall muss es das gleiche Essen geben, ein einheitliches Menü: „Das klären die Köche der Hotels untereinander.“ 150 Reisebusse wurden bestellt für den Transport der rund 1600 Athleten. Noch nicht sicher ist, in welcher Automarke die Ehrengäste kutschiert werden. 200 Fahrer für die hundert Autos wurden aber schon ausgewählt.

Christoph Schulz gehört zur Abteilung Sporttechnik. „Wettkampforganisation trifft es besser“, findet er. Fünf Jahre lang hat der 33-Jährige Motorsportveranstaltungen im Freestyle und Cross auf der ganzen Welt organisiert. Jetzt liegt sein Areal zwischen dem Olympiastadion und den sechs Straßenrennen (zweimal Marathon, vier Mal Gehen) durch die Stadt. Dazu kümmert er sich um die medizinische Versorgung für Athleten und Fans sowie die rund 550 Dopingproben während der EM.

Alle schrien durcheinander: Das geht nicht

Noch im Ohr hat Schulz die erste große Runde Anfang 2017, als er mit Vertretern von BVG, Verkehrslenkung, Polizei, Feuerwehr, Taxi-Innung, Stadtrundfahrten, Senat und Rettungsdiensten zusammensaß, um die Pläne für die Straßenrennen zu besprechen. „Alle haben geschrien: Das geht nicht!“ 30.000 Menschen steigen am Bahnhof Zoo stündlich ein, aus oder um. Löschzüge brauchen 5,50 Meter, um im Notfall ans Bikinihaus heranzukommen. Und die EM-Organisatoren planen am Breitscheidplatz nicht nur Start und Ziel ihrer Rennen, sondern auch noch das kulturelle Zentrum der Veranstaltung.

Heute kann er melden: „Die Streckenführung steht.“ Es gibt beim Marathon vier Runden à zehn Kilometer mit den Attraktionen Siegessäule, Brandenburger Tor und Potsdamer Platz zurück zur Gedächtniskirche plus eine kleine Schleife. Den Konsens erklärt Schulz so: „Wir haben von Anfang an klargemacht, dass wir alle Bedenken ernst nehmen. Dann haben wir uns peu à peu angenähert. Jetzt läuft es.“

Starfotograf Jim Rakete nahm Porträtstrecke auf

Die EM populär machen: Daran arbeitet die Abteilung Medien und Kommunikation. Ob WM in London, Istaf oder Ball des Sports – überall warb und wirbt sie für die EM. „Alles hilft uns, was Aufmerksamkeit erregt“, sagt Clemens Hühmer, der früher Unternehmen wie Gazprom oder Unicredit als Hauptsponsoren der Uefa-Champions-League beraten hat. Jetzt ist er mit Helge Schwarzer, 2009 im Hürdensprint Halbfinalist bei der WM in Berlin, unter anderem dafür zuständig, die Social-Media-Kanäle mit Informationen und Filmchen zu füttern. Bei Facebook folgen ihnen mehr als 40.000 Fans.

Neues gibt es immer. Etwa dass Ex-Hammerwurf-Weltmeisterin Betty Heidler als einer von 2000 Volunteers bei der EM hilft, Weitsprung-Olympiasiegerin Heike Drechsler als Kampfrichterin an der Sprunggrube steht. Dass am 19. Januar ein 130 Seiten starkes EM-Magazin erscheint mit außergewöhnlichen privaten Aufnahmen von den Sprinterinnen Gina Lückenkemper (beim Reiten) und Rebekka Haase (mit Querflöte im roten Kleid) sowie Speerwerfer Röhler (beim Fliegenfischen im Tümpel). Dazu hat Starfotograf Jim Rakete eine Porträt-Strecke mit Athleten für das Heft fotografiert. „Es ist unsere Aufgabe, die Sportler mehr in den Fokus zu rücken, sie auch mal außerhalb von Sport und Training zu zeigen“, sagt Hans-Georg Felder. Von 1998 bis 2009 war er gleich nebenan Pressesprecher von Hertha BSC. Der größte Unterschied? Felder lacht: „Nach Fußball ist die Nachfrage immer groß. Leichtathletik muss man mehr anbieten.“

Breitscheidplatz wird zum Broadway der Leichtathletik

Viel Aufmerksamkeit wird die EM-Meile am Breitscheidplatz erregen. Simon Schneider, der als gelernter Schreiner in Potsdam Kulturarbeit studierte, sich seit 15 Jahren ausschließlich mit Sport-Kulturprojekten beschäftigt, ist für das Sport- und Entertainmentprogramm im Herzen der City West zuständig. Er hat 2014 den Fußball-Kulturpreis gewonnen für ein Hörspiel über den ermordeten Profi Andres Escobar. Jetzt schwärmt er von seinem Broadway der Leichtathletik. „Wir infizieren den Platz sieben Tage lang mit der Sportart“, verspricht er. Sein Plan: „Eine 400 Meter lange, blaue Bahn um die Gedächtniskirche herum führt in eine Europarena für knapp 3000 Besucher. Hier findet die Qualifikation für das Kugelstoßen statt, außerdem in Nachmittag- und Abendsessions die Siegerehrungen.“ Schneider hofft, durch Showacts, Interviews mit Siegern und Medaillengewinnern Menschen für die Leichtathletik zu begeistern, die bisher kaum Berührungspunkte hatten. Wie viel sich umsetzen lässt, entscheidet sich in den nächsten Wochen. „Wir sind in der Genehmigungsphase“, erklärt Schneider.

Über diese Phase hinaus ist in vielen Punkten Alexandra Knoke. Sie koordiniert die ersten European Championships (EC), die parallel stattfindenden Europameisterschaften in Leichtathletik (Berlin), Radsport, Schwimmen, Golf, Turnen, Triathlon und Rudern (alle Glasgow). Die Idee dahinter: mehr Bedeutung und TV-Zeiten durch eine Bündelung olympischer Kerndisziplinen. Weil diese Titelkämpfe wie ein Produkt vermarktet werden, soll es wenige Überschneidungen bei den Finals geben, aber sie sollen als gemeinsame Veranstaltung erkennbar sein. Das geht von den Bannern in den Stadien und einem gemeinsamen Kristall-Logo über die Fotografenleibchen, ein einheitliches Bild bei den Medaillen bis hin zu den Siegerehrungen.

Vorher sieben Jahre bei der Fifa das Weltbild produziert

Und der Eröffnungssequenz bei den Fernsehübertragungen. Dreißig Sekunden lang ist der Clip und besteht zu je 50 Prozent aus Berliner und Glasgower Bildern. Sechs Verbände waren anfangs nicht einverstanden, weil damit die Leichtathletik ja deutlich höher bewertet ist als alle anderen. Knoke hat sich durchgesetzt. Immer wieder neue Absprachen zu den verschiedenen Themen waren nötig. Einmal die Woche ist sie nach Glasgow geflogen, fast täglich gab es Skype-Konferenzen. „Es hat gedauert, aber diese Championships sind ja auch eine Premiere“, sagt sie.

Die 40-Jährige ist gut vernetzt, war zunächst beim Leichtathletik-Weltverband IAAF zuständig für TV-Produktionen, für das Weltbild, das an alle Stationen verkauft wird. Bevor sie in Berlin ihre Arbeit begann, hat sie diesen Job auch sieben Jahre für den Fußball-Weltverband Fifa gemacht. Mittlerweile ist das Fernsehen so von der Idee der EC angetan, dass darüber nachgedacht wird, ähnliche Bündelungen auch bei Deutschen Meisterschaften an einem Ort zu probieren. Berlin ist daran interessiert, erster Schauplatz zu sein.

Um den Job schon beworben, bevor er ausgeschrieben war

Knokes Vertrag endet im September 2018; wie die meisten ihrer 37 Kollegen muss sie sich dann einen neuen Job suchen. Etwas länger bleiben werden Stephanie Lemke und Heiko Wagner, die auf die Finanzen achten. Personal, Steuern, Versicherungen – alles muss bis auf den letzten Cent abgerechnet werden. Wagner war früher Leiter der Finanzabteilung eines IT-Unternehmens, Lemke in einem Krankenhaus für Drittmittelbewirtschaftung zuständig. Beide wollten den Wechsel unbedingt, Wagner hatte sich sogar schon beworben, ehe die Stelle ausgeschrieben war. „So ein Zeitjob hat sein Für und Wider“, sagt Lemke, „man lernt viel und gewinnt Einblicke in ganz andere Sachen.“ Vom Spaß, Teil einer EM zu sein, einmal abgesehen. Über ihrem Schreibtisch hängt ein Kalender, der am 1. Januar 2017 beginnt und am 12. August 2018 endet, am letzten Tag der Leichtathletik-EM in Berlin. Im Monat April steht: Endspurt.