Harting-Brüder

Robert: "Es ist Christophs Pflicht, mich zu schlagen"

Olympiasieger Robert Harting im Interview über das Duell mit seinem Bruder Christoph, neue Leichtathletik-Stars und die WM in London.

In London wurde Robert Harting WM-Sechster. Beim Berliner Istaf will er von Weltmeister Andrius Gudzius Revanche

In London wurde Robert Harting WM-Sechster. Beim Berliner Istaf will er von Weltmeister Andrius Gudzius Revanche

Foto: Bernd Thissen / dpa

Berlin.  Der dreimalige Diskusweltmeister Robert Harting (32) will 2018 mit dem Leistungssport aufhören. Auch wenn der Berliner sich vornimmt, nicht mehr alles so verbissen zu sehen, hat er von seiner Angriffslust wenig eingebüßt. Ein Gespräch mit dem Olympiasieger von 2012 über neue Gesichter in der Leichtathletik, das Istaf an diesem Sonntag (Vorprogramm ab 14.30 Uhr, 15 Entscheidungen ab 16 Uhr) im Berliner Olympiastadion und das Duell mit seinem Bruder Christoph.

Herr Harting, sehen wir Sie an diesem Sonntag zum letzten Mal beim Istaf?

Robert Harting: Nein. Nach der Europameisterschaft nächstes Jahr in Berlin will ich auch noch dabei sein. Ich habe ja nie gesagt, dass ich mit der EM aufhöre. Das Tolle ist im Moment: Ich fühle mich körperlich nicht so, dass ich jetzt besser aufhören sollte. Ich bin nicht kaputt, kann mich gut bewegen, ich quäle mich nicht über die Ziellinie.

Sind Sie vor dem Istaf noch aufgeregt?

Ein bisschen schon. Ich freue mich auf den Wettkampf, es ist immer eine besondere Situation. Man ist hier zu Hause, die Leute kennen einen. Sie wollen, dass man gewinnt. Deshalb gebe ich mir da auch immer besonders Mühe. Es wäre cool, wenn mir noch mal so ein Wurf gelingen würde wie vor Kurzem in Warschau über 66 Meter. Ich bin auch gespannt auf den Tunnel auf der Bahn. Für eine Sekunde weiß man nicht, wer Erster ist. Dass Zuschauerinseln gebildet werden, um die Fans näher heranzuführen, finde ich gut. Der große Raum bei der Leichtathletik lässt das ja zu.

Haben Sie besondere Erinnerungen ans Istaf? Zum Beispiel, wie es anfing?

Beim ersten Mal, als ich eingeladen wurde, konnte ich nicht mitmachen – da hatte ich Pfeiffersches Drüsenfieber. Das war 2004. Ich glaube, bis ich dann wirklich das erste Mal gestartet bin, war 2008, da bin ich Dritter geworden.

Dann kam 2009, ihr erster WM-Titel, in Berlin. Und danach das Istaf.

Ja, da haben wir dann allerdings von der anderen Seite im Stadion geworfen, das ist eine ganz andere Welt, weil du nicht den gleichen Ring hast. Trotzdem war das nach der WM natürlich ein spezielles Istaf. Nicht nur von der Emotion her. Man ist auch nicht mehr derselbe, wenn man Medaillen gewonnen hat. Manches wird leichter, man hat gezeigt, man kann was, und die Karriere hat sich gelohnt. Aber manches wird auch schwerer, man spürt so viele neue Dinge. Man steckt in diesem Konflikt, beweisen zu wollen, dass die Medaille kein Zufall war, dass man sie auch verdient hat. Das war bei mir schon nach der ersten WM-Medaille 2007 in Osaka so.

London im August war ihre letzte WM, und Sie waren schon am zweiten Wettkampftag dran. Was haben Sie den Rest der Woche getan?

Ich war der Superfan, habe mir alles angeguckt, fünf oder sechs Entscheidungen am Abend, man hatte dreieinhalb Stunden Zeit. Alles wurde gut erklärt, ich wusste auch viel über die deutsche Mannschaft Bescheid, hab mitdiskutiert über Sprint und alles. Ich habe das genossen.

Es waren Leichtathletik-Festtage in London. Kann die EM in Berlin im nächsten Jahr eine ähnliche Werbung werden?

Ich glaube an das neue Format, weil das ja die Woche der Europameisterschaften wird, unter anderem mit Schwimmen, Turnen, Radfahren zur gleichen Zeit in Glasgow. Gerade vor dem Fernseher wird das hochinteressant. Das finde ich großartig. In Berlin wird sicher auch ein paar Tage eine tolle Stimmung herrschen. Aber dass es mit London mithalten kann, glaube ich nicht. Für mich war diese WM Leichtathletik auf neuem Niveau.

Wer von den Deutschen hat Ihnen besonders gefallen?

Wie gesagt, ich war der Superfan, mir hat fast alles gut gefallen. Der Sprint, die Speerwerfer. Ich finde Mateusz Przybylko besonders interessant.

Den deutschen Hochspringer, der WM-Fünfter geworden ist.

Ich suche ja immer so Typen, die du das erste Mal ansprichst und wo du gleich merkst, der sticht aus der Masse raus, weil er nicht das Gleiche erzählt wie alle anderen. Er ist sehr ehrgeizig, aber trotzdem locker drauf. Der misst sich nicht nur daran, dass er 2,30 Meter übersprungen hat. Aus dem Jungen kann etwas Besonderes werden.

Aus Gina Lückenkemper auch?

Sie ist auch sportlich super und eine lockere Persönlichkeit. Ich bin gespannt, wie lange das so weitergeht, denke aber, sie wird ihre Lockerheit behalten. Dazu kommt: Diese junge Generation ist total unabhängig. Die brauchen die Leichtathletik nicht zum Leben, die haben schon alles. Die machen das aus Freude, das ist eine ganz andere Motivation. Um so wichtiger, dass Gina jetzt die 100 Meter in 10,95 Sekunden gesprintet ist. Ich glaube, das wird viele junge Frauen darin bestärken: Hey, das ist möglich mit gar nicht so viel übernatürlichem Aufwand. Andere werden ihr folgen.

Sie hören nächstes Jahr auf, Usain Bolt hat sich schon verabschiedet. Wer wird sein Nachfolger?

Puh, das ist schwer zu sagen. Es gab in der Historie noch keinen Sprinter, der über vier Jahre hinaus so erfolgreich war wie er. Usain Bolt allerdings war nicht nur vier, sondern sogar acht Jahre so erfolgreich. Insofern müsste da irgendeiner aus dem Nichts auftauchen, ein Talent, das sich nach oben kämpft. Keine Ahnung wann, aber es wird schon mal wieder so etwas geben. Anomalien, das wissen wir seit den Matrix-Filmen, scheinen sich ja zu wiederholen (lacht). Rein sportlich kann der Südafrikaner van Niekerk mit seinen krassen Leistungen sich ganz gut darstellen.

Zu Ihrer Disziplin, zu Ihrem Wettkampf: Ist die WM abgehakt?

Ja. Ich erinnere mich gern zurück an das volle Stadion.

Wahrscheinlich weniger an die jungen Konkurrenten, die Ihnen da gleich die Butter vom Brot genommen haben. War das nur deprimierend oder gleich wieder Motivation für die EM nächstes Jahr?

Eher letzteres. Im ersten Moment war ich enttäuscht. Aber mit dem geringen Aufwand, den ich dieses Jahr betrieben habe, war das im Rahmen. Ich hab nach meiner Knieoperation erst im April richtig angefangen zu trainieren. Mein Leistungsniveau war nicht sehr hoch. Dazu hatte ich noch einen schlechten Tag. 2012 bei meinem Olympiasieg hatte ich auch einen schlechten Tag, aber damals war mein Leistungsniveau so hoch, dass die 68,27 Meter zum Sieg gereicht haben.

Sind der neue Weltmeister Andrius Gudzius und der Schwede Daniel Stahl in der Lage, Sie nicht nur sportlich, sondern auch als bekanntes Gesicht des Diskuswerfens zu beerben?

Daniel Stahl kann das vielleicht, der ist so ein Sonnyboy von 140 Kilo, freut sich, uns alle zu treffen, ist immer gut gelaunt. Der kann ein guter Entertainer sein. Andrius Gudzius ist auch cool, aber nicht sehr redselig, man kommt nicht so an ihn ran, schade. Der ist superprofessionell, redet im Wettkampf mit keinem. Der kommt, um alle niederzumachen und gut ist. Ich glaube, die nächsten Jahre werden von diesen Beiden dominiert.

Was ist mit Ihrem Bruder Christoph?

Ich glaube, Christoph hat dieses Jahr dadurch, dass er die WM-Norm nicht geworfen hat, auch erkannt, wie der Leistungssport gibt und nimmt. Ich weiß nicht, ob er durch seinen Olympiasieg schon so befreit ist, dass er neben dem Diskuswerfen eine zweite Ebene für die Zuschauer aufbauen kann.

Alle freuen sich auf Ihr Duell mit Ihrem Bruder – Sie auch?

Ich bin da völlig entspannt. Auf lange Sicht ist es Christophs Pflicht, mich zu schlagen. Er ist der Jüngere, er ist der amtierende Olympiasieger, ich habe nichts zu verlieren bei der Sache.

Was fehlt der Leichtathletik, um einen weiteren Schritt vorwärts zu kommen?

Wie wir die Leichtathletik kommunizieren, sind wir noch auf dem Stand vor 20 Jahren. Früher hätte man die 94,44 Meter von Johannes Vetter...

... dem Speerwurf-Weltmeister...

... genau, damit hätten die Leute etwas anfangen können. Fragen Sie heute einen Jugendlichen danach. Der hat keine Ahnung, kann überhaupt nicht einordnen, was 94,44 Meter bedeuten. 30-Jährige werden auch kaum Ahnung haben. Je älter die Leute aber werden, desto mehr können sie etwas damit anfangen. Was ich sagen will: Es wird weniger über die Leichtathletik berichtet als früher und wenn, dann auch noch so wie vor 20 Jahren. Man muss die Sportart den Leuten wieder beibringen, sie geradezu anlernen. Bei unserer Fernseh-Monokultur mit dem dauernden Fußball wird das sonst nichts. Da ist auch die Leichtathletik gefordert. Was vor 30 Jahren funktioniert hat, muss ja heute nicht auch so funktionieren.

In London konnte man eine Entwicklung sehen. Da gab es viele Elemente, die man vom Istaf kennt, mit Feuer und Entertainment.

Stimmt, die WM-Organisatoren haben sich ein bisschen was rausgesucht, das war eine gute Mischung. Ich hab mich totgelacht auf der Tribüne über das Maskottchen, den Igel, der war total lustig. Aber auch, wie da mit dem Stadionsprecher interagiert wurde. Eigentlich brauchen wir Frank Buschmann bei der EM. Im Ziel, die ganze Woche lang.

Den emotionalen Fußball- und Basketball-Kommentator. Kennen Sie ihn?

Klar. Sind wir hier fertig? Ich rufe den gleich mal an.