Geschichte der Charité

Charité – 300 Jahre Medizin für Berlin

Als 1709 die „Große Pest" in Europa viele Opfer fordert und sich Richtung Berlin ausbreitet, reagiert der preußische König Friedrich I. sofort. Er lässt vor den Toren der Stadt ein Pesthaus errichten, in dem die Kranken isoliert werden sollen.

Nach einjähriger Bauzeit ist das Gebäude 1710 bezugsfertig. Glücklicherweise bleibt Berlin von der Pest verschont und so nutzt man das Haus als Hospiz für mittellose Alte, als Arbeitshaus für Bettler und als Entbindungseinrichtung für ledige Schwangere.

1727 gibt der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. der Einrichtung, die inzwischen auch als Garnisons- und Bürger-Lazarett genutzt wird, ihren Namen. „Es soll das haus die charité heißen“, notiert der König handschriftlich auf einem Dokument. Zum Gedanken der Fürsorge und Barmherzigkeit gesellt sich militärisches Kalkül. An den zahlreichen Patientenkönnen Krankheitsverläufe beobachtetund Behandlungsschritte erlernt werden - gute Voraussetzungen für ein militärärztliches Ausbildungsinstitut.Seit 1727 erhalten an der Charité Armeechirurgenihre praktisch-klinische Ausbildung. Rechtliche Grundlage dafür ist die 1725 überarbeitete preußische Medizinalordnung, die die Ausbildung für Heilberufe regelt.

Um 1800 wird in Berlin das medizinische Ausbildungswesenreformiert. Zunächst erhält die Militärmedizin eine eigene Schule, in der die Schüler unter streng militärischem Drill einen straff organisierten vierjährigen Unterricht durchlaufen. Ab 1810 verfügt Berlin dann auch über eine eigene Universität mit Medizinischer Fakultät. An der universitären Ausbildung ziviler Ärzte hat die Charité aber zunächst keinen Anteil. Dennoch beginnt damit die Akademisierung der Charité und die Verankerung naturwissenschaftlichen Denkens in der gesamten Medizin. Die medizinische Diagnostik hält Einzug. Detaillierte Befunddokumentationen, das Abhören der Patienten und das Messen der Körpertemperatur mit dem Fieberthermometer markieren die neuen Leitlinien eines nüchternen „klinischen Blicks“.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die deutsche Medizin in und um die Charité herum ihr absolutes Zentrum. Die Kliniken entwickeln und profilieren sich, zahlreiche Fächer formieren sich neu. Aber die räumlichen, hygienischen und personellen Verhältnisse erscheinen desaströs. Schließlich entscheidet sich die preußische Regierung für den zweiten kompletten Um- und Neubau in der Geschichte des Krankenhauses. Zwischen 1896 und 1917 werden die Gebäude sukzessive abgerissen und durch jenes Backsteinensemble ersetzt, das noch heute auf dem historischen Campus in Mitte zu sehen ist. Forschung, Lehre, Krankenversorgung und repräsentativer Auftritt des Klinikums können nun auf gleichermaßen hohem Niveau geboten werden. Die Charité wird zu einem Magnet fürStudenten, Ärzte und Forscher.

Das Jahr 1933 markiert dann einen radikalen Bruch. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten lässt sich die deutsche Medizinauch an der Charité in den Dienst der neuen Ideologie nehmen. Es folgt ein fataler Exodus zahlreicher jüdischer und politisch unerwünschter Mitarbeiter. Eine Reihe verantwortlicher Medizinerder Charité wirken als Gutachter oder vereinzelt gar in entscheidenden Funktionen an offiziellen und verdeckten Euthanasiemaßnahmen mit.

Der Zweite Weltkriegbringt den regulären Krankenhausbetrieb fast gänzlich zum Erliegen. 90 Prozent der Bausubstanz sind bei Kriegsende beschädigt, 20 Prozent total zerstört. Allerdings beginnen die Aufräumarbeiten unter der sowjetischen Militäradministration sofort. Schon Ende 1945 sind an der Charité wieder 1500 Krankenbetten belegt. Anfang 1946 beginntder Lehrbetrieb erneut, die medizinische Forschung wird wieder aufgenommen. Zwei Jahre nach Gründung der DDR ist die Charité 1951 endgültig wieder da. Im Zusammenschluss mit allen klinischen Einrichtungen der Humboldt-Universität erhält sie auch auf Verwaltungsebene den Status eines vollgültigen Universitätsklinikums der Ost-Berliner Hochschule. Die Charité wird zur medizinischen Vorzeigeinstitution der DDR. Nach Abschluss der Rekonstruktionsmaßnahmen und dem Bau neuer Klinikgebäude setzt die DDR mit dem Bau des Bettenhochhauses den bis heute sichtbarsten Akzent. Das „Chirurgisch-orientierte Zentrum“, das alle operativen Fächer unter einem Dach vereint, wird 1982 eröffnet.

Die politische Wende und die deutsche Wiedervereinigung bringen für die Charité erneut grundlegende strukturelle und personelle Veränderungen. Zwischenzeitlich steht der Fortbestand der Charité sogar insgesamt zur Disposition, was glücklicherweise verhindert werden kann. Es beginnt in den 1990er Jahren ein Fusionsprozess, dessen Rahmenbedingungen sich sukzessive verschärfen. Die Vereinigung der Charité mit dem Rudolf-Virchow-Klinikum zur Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität wird 1997/98 vollzogen. Durch die Fusion mit dem Universitätsklinikum Benjamin Franklin der Freien Universität entsteht dann die größte Universitätsklinik Europas: die „Charité – Universitätsmedizin Berlin“.

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