Menschen mit Handicap unterwegs in Berlin – eine Bestandsaufnahme

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Tobias von Heymann

Foto: PA/DPA/GERO BRELOER

Die Betroffenen loben die Fortschritte, die beim Umbau der Hauptstadt gemacht werden. Sie kritisieren aber auch die Defizite

Erst im Dezember 2012 hat Berlin als Stadt für seine umfassenden Projekte zur Barrierefreiheit den europäischen Preis „Access City Award“ von der Europäischen Kommission und dem Europäischen Behindertenforum erhalten und sich damit gegen 99 mitbewerbende Städte durchgesetzt. Besonders hob die Jury dabei die Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr hervor.

Doch wie behindertenfreundlich und barrierefrei ist die Stadt wirklich? Fachleute und Behindertenverbände zeichnen hier ein differenzierteres Bild. Denn wie sich zeigt, liegen trotz zahlreicher Fortschritte noch viele Dinge im Argen und auch Rückschritte lassen sich beobachten. „Der Preis ist ein wichtiger Ansporn und ein Zeichen von Respekt und Anerkennung für den bislang erreichten Zwischenstand auf diesem Gebiet“, sagt Jürgen Schneider, Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung. „Doch das ist kein Grund, sich jetzt zurückzulehnen.“

Sachverständige für barrierefreies Bauen

So sei in der Stadt noch viel zu tun, um ein noch höheres Maß an Barrierefreiheit zu erreichen. Denn schätzungsweise leben in Berlin über 580.000 Menschen mit leichten bis schwersten Handicaps, darunter etwa 50.000 Rollstuhlfahrer und 150.000 Nutzer von Rollatoren. „Seit 1997 ist der soziale Wohnungsbau praktisch auf Null zurückgefahren worden, damit wurden kaum noch bezahlbare Wohnungen für Menschen mit Behinderung in Berlin gebaut“, sagt Schneider. „Dieses Thema wollen wir daher im September im Landesbeirat für Menschen mit Behinderung zur Sprache bringen.“

Gerade aufgrund des demografischen Wandels mit immer mehr hochaltrigen Menschen stehe Barrierefreiheit als politische Aufgabe der Daseinsvorsorge ganz oben auf der Agenda. „Genau wie beim Brandschutz oder für Statik brauchen wir mehr Sachverständige für barrierefreies Bauen, die ins bauordnungsrechtliche Verfahren regulär mit einbezogen werden. Dieses Thema muss fest im Bauordnungsrecht verankert werden“, fordert Schneider. So seien in Berlin bislang nur neun Prozent aller Schulen rollstuhlgerecht ausgestattet. „Da stehen wir noch ganz am Anfang“, sagt Schneider.

Bärbel Reichelt ist Rollstuhlfahrerin und gleichzeitig Vorsitzende des Berliner Behindertenverbandes (BBV). Daher erlebt sie täglich selbst, wo Fortschritte sichtbar sind und wo nicht. „Leider haben wir in Berlin keine wirklich brauchbare Informationsplattform, wo sich Behinderte über frei werdende oder verfügbare Wohnungen erkundigen können, die zum Beispiel für Rollstuhlfahrer geeignet sind“, sagt sie. „Auch eine zentrale Vergabestelle gibt es nicht.“ Auch seien zwar an vielen Hauptstraßen die Bordsteinkanten mittlerweile Rollstuhl-freundlich abgesenkt – doch in den Seitenstraßen vieler Quartiere sei hier noch nichts geschehen. „Auch verfügen viele Kulturstätten wie der Friedrichstadtpalast, das Theater des Westens oder die Staatsoper in der Bismarckstraße nur über vier Plätze für Rollstuhlfahrer“, sagt sie. „Gut gelöst ist das hingegen in der O2-Arena, wo ich einmal über 20 Rollstuhlfahrer gesehen habe.“ Auch seien manche Supermärkte für Rollstuhlfahrer kaum zugänglich, weil Drehkreuze für einen Zugang immer erst herausgehebelt werden müssen. Auch bei Museen stehe der Denkmalschutz oft dem Einbau barrierefreier Zugangsmöglichkeiten im Wege. „Das Problem ist, dass man als Behinderter sehr oft den zusätzlichen Aufwand hat, sich vor dem Besuch bestimmter Gebäude über die Eingangssituation informieren zu müssen“, sagt Reichelt. „Die USA sind hier viel weiter. Während eines siebenmonatigen Aufenthalts hatte ich zum Beispiel nie Schwierigkeiten, barrierefreie Hotels zu finden.“

Alle Ampeln mit akustischen Signalen ausstatten

Vor ganz anderen Problemen stehen in Berlin die schätzungsweise rund 6000 Blinden und etwa 20.000 Sehbehinderten. „Nur etwa die Hälfte aller Ampeln in Berlin ist mit akustischen Auffindesignalen für Blinde ausgestattet“, sagt Paloma Rändel, Sprecherin des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin (ABSV). „Uns ist auch kein Plan bekannt, bis wann alle Ampeln damit ausgestattet sind. Wenn das bisherige Tempo beibehalten wird, dauert das noch Jahrzehnte.“

Fortschritte sieht sie allerdings beim öffentlichen Nahverkehr. „In den U- und S-Bahnen wird mittlerweile der Stationsname durchgesagt. „Das ermöglicht Blinden und Sehbehinderten ein selbständiges Orientieren im öffentlichen Raum“, sagt Rändel. „Bei Bussen und der Straßenbahn wird Ähnliches aber leider nicht umgesetzt. Dabei wären auch hier gerade an Haltestellen Lautsprecherdurchsagen wichtig, damit Sehbehinderte erfahren, welcher Bus oder welche Tram gerade kommt und wohin sie fahren.“ Aus eigener Erfahrung als Blinder kennt Manfred Scharbach, Geschäftsführer des ABSV, noch weitere Probleme im Alltag von Sehbehinderten. „Die Aufrufesysteme in Bezirksämtern haben zwar einen Gong, aber wir Blinden können ja die Zahl nicht sehen, die gerade angezeigt wird. Hier sollte über Lautsprecher zusätzlich gesagt werden, welche Nummer nun an die Reihe kommt.“

BVG: Kneeling-System bei Bussen wird neu überprüft

Bei den Behindertenverbänden besonders in der Kritik stehen aber die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) im Zusammenhang mit dem so genannten Kneeling-System der Busse. Dabei können sich die Busse an Haltestellen auf ein niedriges Straßenniveau absenken, damit Rollstuhlfahrer, aber auch Menschen mit schweren Koffern oder Mütter mit Kinderwagen leichteren Zugang ins Innere haben. Allerdings hat die BVG einen Teil ihrer Busflotte auf ein bedarfsgerechtes Kneeling umgestellt, wodurch diese Funktion nur noch nach Drücken eines Knopfes erfolgt. „Für Behinderte ist dieser Knopf oft nur schwer erreichbar. Außerdem muss der Fahrer nach Drücken des Knopfes das Kneeling erst noch selbst auslösen. Das tun unserer Erfahrung nach nicht immer alle“, sagt Bärbel Reichelt. „Für Blinde und Sehbehinderte ist dieser Knopf von vornherein wenig sinnvoll, da sie ihn ja gar nicht sehen können“, sagt Manfred Scharbach.

Die Verbände wie auch der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung fordern daher, das Kneeling wieder als normalen Standard einzuführen. Dazu sagt BVG-Sprecher Klaus Wazlak: „Wir kennen die Argumente, haben das Thema in die Unterweisungsstunden für Busfahrer aufgenommen und kontrollieren, ob die Fahrer auch wirklich bei Knopfdruck absenken.“ Außerdem musste die BVG die Testphase für das Bedarfs-Kneeling verlängern, um noch mehr Daten dazu zu sammeln. „Zum Jahresende soll diese Frage dann noch einmal neu geprüft werden“, sagt Wazlak. Dann entscheidet das Abgeordnetenhaus in dieser Sache.