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Bahnreise nach Prag

Ein literarischer Streifzug beginnt im Kaffeehaus

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Prag die Literaturhauptstadt Europas. Vor allem in der Altstadt kreuzt man immer wieder auf ihre Spuren.

Im Haus U Minuty lebte Kafka mit seiner Familie

Im Haus U Minuty lebte Kafka mit seiner Familie

Foto: iStock

Schriftsteller, die auf sich hielten, besuchten das Kaffeehaus – und das gerne mehrmals am Tag. „Im Kaffeehaus spielen sich Familienszenen ab, im Kaffeehaus wird geweint und über das Leben und auf das Leben geschimpft. So manch einem diente es gar als Postadresse. Im Kaffeehaus isst man auf Pump, im Kaffeehaus wird gelebt, gefaulenzt, die Zeit totgeschlagen“, sagte einst die Kafka-Gefährtin Milena Jesenská. Daher ist es naheliegend, sich mit einer Tasse Kaffee zu stärken, bevor Sie sich auf die Spuren der Prager Dichter begibt.

Die Bohéme trifft sich im Café Louvre

Das berühmteste von ihnen war das Café Arco in der Neustadt. Das befand sich dort, wo sich die Straßen Havlickova und die Hybernská kreuzen. Ab 1908 trafen sich hier der Gymnasiast Franz Werfel mit seinen Freunden Willy Haas, Ernst Polak oder Paul Kornfeld. Später kamen bekannte Schriftsteller wie Max Brod, Anton Kuh, Else Lasker-Schüler, Kurt Tucholsky und Ernst Weiß dazu. Heute ist das Café Arco saniert, mit dem Etablissement von früher hat es nichts mehr gemein. Wer den Duft der alten Prager Bohéme schnuppern möchte, der sollte lieber in eines der zahlreichen anderen Kaffeehäuser gehen, in das Café Louvre zum Beispiel (Národní 22, Altstadt). Auch heute noch zählt es mit seiner Jugendstil-Einrichtung zu einem der schönsten Kaffeehäuser der Stadt.

Kafka las im Hotel Erzherzog Stephan

Kaum einen Schriftsteller bringt heute so mit Prag in Verbindung wie Franz Kafka. Dabei wurde er dort erst lange nach seinem Tod als solcher wahrgenommen. Das ist wohl vor allem seinem Freund und Verleger Max Brod zu verdanken, der viele von Kafkas Werken – wenn auch gegen dessen Willen – posthum verlegt hat. Im Spiegelsaal des ehemaligen Hotels Erzherzog Stephan, dem heutigen Grand Hotel Europa soll Kafka im Dezember 1912 übrigens seine erste und einzige Lesung in Prag veranstaltet haben. Unweit vom Wenzelsplatz, Ecke Jindrisska, wo heute eine H&M-Filiale untergebracht ist, befand sich einmal die Versicherungsanstalt, für die Franz Kafka 1907/08 gearbeitet hat.

Immer wieder Kafka

In Prag wird man immer wieder auf Kafkas Spuren treffen, er hat schließlich an vielen Orten gewohnt. Sein Geburtshaus befand sich am Franz-Kafka-Platz (Namesty Franze Kafky), der seit dem Jahr 2000 diesen Namen trägt. Es brannte 1897 jedoch ab. Lediglich das Portal und die darüber liegende Balkonbrüstung wurden wieder verwendet, man erkennt es an der Gedenktafel. Zwischen 1889 und 1896 lebte er mit seinen Eltern am Altstädter Ring im Dum U Minuty (Haus zur Minute), das mit seiner bemalten Fassade als beispielhaft für die städtische Renaissance-Architektur in Tschechien gilt. Im Sommer 1916 hat Kafka einige Monate im Goldenen Gässchen 22 am Prager Schloss gelebt und gearbeitet. Das Haus kann heute besichtigt werden. Ein winziger Buchladen führt Kafka-Ausgaben nicht nur in tschechischer Sprache.

Rilkes späte Würdigung

Der zweite große, deutschsprachige Dichter böhmischer Herkunft war Rainer Maria Rilke. Der 1875 geborene Lyriker verließ Prag als 20-Jähriger, viel Zeit hat er also nicht an der Moldau verbracht. Dennoch widmete seine Geburtsstadt ihm eine Gedenktafel samt Büste in der Nachbarschaft seiner früheren Schule, am Prager Graben 19. Rilke hat seine Kindheit in einer kleinen Wohnung in der Jindrisska ulice, im Umfeld des Wenzelplatzes verbracht. Seine ersten Schuljahre verbrachte Rilke in der Panská Straße, wo eine Gedenktafel an ihn erinnert. Max Brod, der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch und Franz Werfel haben diese deutsche Volksschule des Piaristen-Ordens ebenfalls besucht. Als Student der Deutschen Carl-Ferdinands-Universität in Prag besuchte Rilke häufig das Café Slavia (Národní 1, Altstadt), wo er sich mit anderen Künstlern austauschte. So stellen wir uns einmal vor, wie der junge Rilke am Fenster gesessen und den Blick auf die Moldau genossen hat.

Apachentanz im Café Montmarte

Das Café Montmarte (Řetězová 7, Altstadt) war ein berüchtigtes Unterhaltungscafé – und quasi rund um die Uhr geöffnet. Gegründet hat das Etablissement 1911 der Prager Kabarettist Josef Waltner. Begeistert vom Pariser Nachtleben wollte er auch für Prag eine Adresse für die Bohéme etablieren. Rund um die Uhr war dort Betrieb, es gab Kabarett und Lesungen. Deutsche, tschechische und jüdische Intellektuelle tranken gemeinsam an einem Tisch. Der Reporter Egon Erwin Kisch soll im Montmartre übrigens den Apachentanz eingeführt haben. Wobei der Name nichts mit dem nordamerikanischen Indianerstamm gemein hat. „Apachen“ nannten sich die Nachtschwärmer der Pariser Unterwelt.

Ein treuer Stammgast

Ein besonders treuer Stammgast war der Journalist und Satiriker Jaroslav Hašek, der immer erst spät aufkreuzte und gerne mal ein Glas zuviel über den Durst trank. Er nutzte das Montmartre gelegentlich als sein Zuhause. Waltner hatte ein Herz und ließ ihn in einem Nebenzimmer übernachten. Heute geht es hier nicht mehr so wild zu, ein würdiger Abschluss des literarischen Rundgangs ist das Café Montmarte allemal.

Schon in den 1920er-Jahren ließ die Popularität des Cafés nach, Waltner trieb sich derweil an neuen Orten herum, 1929 wurde es geschlossen. Nach der Wende erlebte das Montmartre jedoch eine Renaissance. Auch die Bohéme kam zurück. Berühmtester Gast war der Dramatiker, Essayist und Politiker Václav Havel.

Info: Mit der Bahn nach Prag


Prag ist das perfekte Ziel für ein Wochenende zu zweit. In modernen EC-Zügen und in Kooperation mit der Tschechischen Bahn (CD) fährt die Deutsche Bahn (DB) sechsmal täglich in vier Stunden von Berlin nach Prag, mit dem Sparpreis Europa ab 29,90 Euro. Für Vielreisende lohnt sich das 10er-Ticket für 199 Euro in der 2. und 399 Euro in der 1. Klasse. Die Fahrten sind innerhalb von sechs Monaten zu buchen. Informationen unter bahn.de/prag.

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