Sich durch nichts aufhalten lassen

Die blinde Pamela Pabst arbeitet in ihrem Traumberuf. Birgit Wedell ist trotz Multipler Sklerose dort, wo sie hinwollte

Zwei Frauen um die 30 in Berlin. Was sie verbindet: Eine Behinderung, aber auch der Willen und die Kraft, sich durch diese nicht behindern zu lassen. Pamela Pabst ist die erste von Geburt an blinde Rechtsanwältin für Strafrecht in Deutschland. Mit elf Jahren begleitete sie ihre Mutter wegen eines privaten Problems zu einem Anwalt. "Ich war fasziniert von seiner Art, sich auszudrücken, das wollte ich auch." "Dann studiere doch Jura", meinte die Mutter. In den folgenden Jahren ging die Schülerin immer wieder zu Gerichtsverhandlungen, machte mit 16 ein Betriebspraktikum bei einem Anwalt. Ihr Berufswunsch war unumstößlich. Was sie besonders faszinierte, waren die geregelten Abläufe im Gericht, der respektvolle Umgang miteinander: "Ich zog die Schlussfolgerung, dort werde ich gut behandelt."

Pamela Pabst kann grobe Umrisse erkennen. In der Grundschule arbeitete sie mit Blindenschrift. Im Gymnasium bekam sie zusätzlich Nachhilfeunterricht, um die Sehschwäche auszugleichen und in der Oberstufe stellte ihr das Integrationsamt einen Computer mit Brailleschrift und Sprachfunktion zur Verfügung. Als Härtefall erhielt sie nach dem Abitur sofort einen Studienplatz an der FU. Zudem gab es Vorlesegeld, mit dem sie Kommilitonen engagieren konnte, die für sie Gesetzestexte auf Kassette sprachen. Aufgrund ihrer guten Leistungen erhielt sie ein Stipendium.

Der Verdacht auf MS bestätigte sich erst nicht

Für Birgit Wedell verlief die Kindheit sorglos und ohne Krankheiten. Sie wuchs in Düsseldorf gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester auf. Nach der Schule begann sie ein BWL-Studium in Bielefeld, wechselte dann an die FU, um Publizistik- und Kommunikationswissenschaft zu studieren. Anschließend arbeitete sie als Mediaberaterin bei einem Radiosender, dann als Mediaplanerin in einem Möbelhaus. 2005 konnte sie urplötzlich auf dem linken Auge nur noch undeutlich sehen. Die Ärzte erkannten nicht, dass es sich um eine Entzündung des Sehnervs handelte und schickten sie nach Hause. Im Jahr darauf wiederholte sich das Problem – nur extremer. Birgit Wedell bekam Cortison gegen die Entzündung, wurde auf die Neurologie verlegt und auf Multiple Sklerose (MS) untersucht. Doch der Verdacht wurde nicht bestätigt. Erst nach zwei Jahren, als Birgit Wedell unter einem totalen Erschöpfungssyndrom litt, sie es kaum noch in ihre Wohnung im vierten Stock schaffte, brachte ein MRT den eindeutigen Beweis: Birgit Wedell litt doch an MS. Sie war eineinhalb Jahre krankgeschrieben und ließ sich schließlich berenten. "Schweren Herzens. Ich war mir sicher, ich könnte wieder arbeiten, wenigstens zu 50 Prozent", sagt Birgit Wedell. Doch die Mitarbeiter für Berufsunfähigkeitsrenten machten ihr klar, dass sie nur noch einen 450-Euro-Minijob schaffen würde: "Das war bitter." Medikamente verträgt Birgit Wedell nicht. Lange Zeit geht es ihr gut ohne sichtbare Beeinträchtigungen. Doch wenn die Schübe kommen, kämpft sie mit Konzentrationsschwierigkeiten und Müdigkeit: "Dann spricht mein Körper für mich und zeigt mir meine Grenzen."

Schließlich gründete Pamela Pabst ihre eigene Kanzlei

Nach dem Referendariat wollte Pamela Pabst als Richterin oder Staatsanwältin arbeiten. Doch sie wurde nicht übernommen. Auch Anwalts-Kollegen wollten sie nicht einstellen. "Sie konnten sich allenfalls eine Schreibtischtätigkeit für mich vorstellen, aber keinen Einsatz im Gericht." Die junge Juristin hatte diese Zweifel nie. "Ich hatte mir schon Tricks überlegt, zum Beispiel durch Assistenz einer sehenden Begleitung." Sie entschied sich schließlich für die Selbstständigkeit. "Einen Weg, den ich anderen Behinderten nur empfehlen kann", sagt die 34-Jährige. Allerdings sollte man darauf achten, dass man kein großes finanzielles Risiko eingeht. Enterability, eine Existenzgründungsstelle für Menschen mit Behinderung, unterstützte sie. Seit 2007 betreibt Pabst eine Rechtsanwaltskanzlei mit Spezialisierung auf Familien-, Zivil- und Strafrecht. "Mit Mandaten hatte ich nie Probleme", berichtet die Anwältin. Im Gegenteil. Sie bekommt viel positives Feedback. "Es heißt immer wieder: Wenn Sie das alles geschafft haben als Blinde, müssen Sie doch gut sein." Unterstützung bekommt Pabst von ihren Eltern, in deren Haus sie ihre Kanzlei hat, und die ihrem einzigen Kind z.B. Telefondienst und Post abnehmen. "Sie haben mir stets vermittelt, dass ich ein normales Kind und nicht minderwertig bin. Dadurch konnte ich früh Selbstvertrauen aufbauen." Seit 2011 arbeitet ihr Lebenspartner mit in der Kanzlei.

Wenn es zuviel wird, ruht sich Birgit Wedell aus

Mit der MS-Diagnose begann für Birgit Wedell eine Zeit der Neuorientierung. In dem LIFE-Projekt "Mit Kraft und Perspektive" lernte sie, wo ihr Können und ihre Kompetenzen liegen. Im Februar 2011 wurde sie für ein neues Projekt für Frauen mit Behinderung eingestellt. 28 Stunden im Monat, die sie im Büro, aber auch zu Hause absolvieren kann. "Wenn es mir zu viel wird, lege mich einfach hin, ruhe aus", sagt die 38-Jährige. Unterstützt wird sie von ihrem Lebensgefährten, der sich trotz der Erkrankung für sie entschieden hat und seither viel Verständnis zeigt. Ihre engste Vertraute war und ist die Zwillingsschwester, die nicht erkrankt ist. Warum ich und nicht sie? So hat Birgit Wedell nie gedacht. "Im Gegenteil, ich habe mich gefreut, dass sie nicht betroffen ist." Die Schwester hingegen hatte lange Zeit ein schlechtes Gewissen, dass sie gesund ist.

Nicht sehen können ist Teil ihrer Identität

Mit ihrer Behinderung hat Pamela Pabst nie gehadert. Auch wenn sie damit rechnen muss, ihre Rest-Sehkraft zu verlieren. "Ich kenne es ja nicht anders. Das Nicht-sehen-Können gehört zu mir, ist Teil meiner persönlichen Identität." Sie glaubt, Blinde und Körperbehinderte hätten es in unserer Gesellschaft, die so auf Kommunikation ausgerichtet ist, leichter als Hör- und Sprachbehinderte. Die positive Einstellung hat ihr geholfen und auch der frühzeitige Wunsch, Juristin zu werden. "Es war mein Glück, dass ich meinen Traumberuf als Blinde ausüben kann. Pilotin wäre schwierig geworden." Birgit Wedell findet, die Krankheit hätte ihr eine zweite Chance gegeben, sich zu besinnen und ihr Leben neu zu überdenken. Sie sei heute genau dort, wo sie immer hinwollte. Erstmals in ihrem Leben mache sie etwas, das für sie sinnerfüllend und befriedigend sei.

Was Pamela Pabst anderen Frauen mit Handicap rät: Rechtzeitig Hilfe in Anspruch nehmen. Man muss sich als Behinderter nicht beweisen. Sonst macht man sich kaputt. Und auch Birgit Wedell meint: Ruhezeiten nehmen ist wichtig. Vor allem aber sollte sich nicht alles im Leben um die Behinderung drehen. Aufgaben, seien sie noch so klein, sollte man annehmen, Dinge tun, die einen erfüllen. Das sei unendlich wichtig für das Selbstwertgefühl.

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