Jüdisches Museum

Facelifiting in Kreuzberg

Das Jüdische Museum erfindet sich gerade neu. Zusätzliche Attraktivität soll mehr Besucher aus der Region anziehen

Das Jüdische Museum an der Lindenstraße entstand nach Entwürfen von Daniel Libeskind

Das Jüdische Museum an der Lindenstraße entstand nach Entwürfen von Daniel Libeskind

Foto: Burkhard Katz

Das Jüdische Museum Berlin ist ein Ort, an dem die Vergangenheit auf die Gegenwart, Ohnmacht auf Versöhnung und der unbedingte Wille, etwas zu verändern, auf behutsames Abwägen trifft. Als der „Leuchtturm der Berliner Kulturszene“, wie Direktor Peter Schäfer sein Haus nennt, am 11. September 2001 eröffnet werden sollte, mussten die Feierlichkeiten wegen der terroristischen Anschläge in New York verschoben werden. Erst vier Tage später eröffnete das Museum, der klassizistische Altbau wie auch der Anbau des Stararchitekten Daniel Libeskind.

16 Jahre nach der Eröffnung ist das Museum noch immer ein Magnet – besonders für Touristen und Schulklassen. 700.000 Menschen besuchen jedes Jahr das Museum in Kreuzberg, etwa 2000 pro Tag. Im November 2015 wurde der zehnmillionste Besucher begrüßt. Doch kommen die Besucher aus der Region überhaupt noch? „Tatsächlich sehen wir, dass die Zahl der Besucher aus Berlin und Brandenburg sinkt“, sagt Schäfer, der 2014 die Leitung des Jüdischen Museums Berlin übernahm. „Ein Grund für den Besucherrückgang ist, dass die Berliner und Brandenburger inzwischen unsere Dauerausstellung kennen.“

Spannende Herausforderungen für die Zukunft

Auch deshalb wird sich das Angebot in absehbarer Zeit ändern, denn auch wenn Peter Schäfer das Haus in „einer sehr guten Situation“ vorfand, gab es mit der Amtsübernahme gleich neue Herausforderungen. Seit 2014 wird die Dauerausstellung neu konzipiert, ein Kindermuseum soll 2019 die einstige Blumenmarkthalle an der Lindenstraße neu beleben. Und es wird an einer Wechselausstellung über Jerusalem gearbeitet.

Doch als wären drei Mammutaufgaben nicht genug, denken Schäfer und sein Team schon weiter: „Perspektivisch wollen wir Alt- und Libeskindbau auf der einen Seite und Kindermuseum und Akademie auf der anderen Seite klammern.“ Dadurch würde eine Art Plaza entstehen, die umgeben von zumeist Wohnungsneubauten aus dem sterilen Kiez eine lebenswerte Oase macht. Facelifiting in Kreuzberg.

Nicht nur Verfolgungsgeschichte

Auch inhaltlich wird nachjustiert. „Das Museum hatte ja nie die Aufgabe, ausschließlich Lokalgeschichte zu betrachten, noch wurde es als Holocaust-Gedenkstätte konzipiert“, konstatiert Schäfer. „Klar ist, dass die Zeit nach 1945 bis in die Gegenwart künftig stärker gewichtet werden muss. Daneben soll die jüdische Religion mit ihren vielfältigen Facetten präsentiert werden. Das Zusammenleben von Juden und Christen muss intensiver und differenzierter analysiert werden. Denn dieses ist nicht primär als Verfolgungsgeschichte zu lesen. Es gab immer wieder Perioden des fruchtbaren Zusammenlebens, der Interaktion, des Austauschs und der gegenseitigen Beeinflussung.“

Daneben spielt die zunehmende Digitalisierung eine wichtige Rolle. „Vor 16 Jahren haben wir Maßstäbe gesetzt“, sagt Schäfer. „Heute wirkt die Dauerausstellung überholt.“ Das Musterbeispiel der musealen Digitalisierung der Gegenwart ist das Jüdische Museum Warschau. „Aber ganz so fokussiert wollen wir dann doch nicht werden. Uns ist wichtig, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen klassischen Ausstellungsstücken und multimedialer Präsentation zu finden.“

www.jmberlin.de