Kiez & Internet

„Online-Präsenz ist die Chance, den Händler im Kiez zu finden“

Internet bietet die Möglichkeit, neue Geschäftsfelder und Kunden zu finden

Der regionale Berliner Einzelhandel hat sich auch 2016 als robust und überlebensfähig erwiesen. Nachdem sich die Händler in den Einkaufsstraßen und Kiezen in den vergangenen Jahren gegen die scheinbare Übermacht der Einkaufscenter durch individuelle Angebote, Service und Kundennähe behauptet haben, stehen sie nun zunehmend vor der neuen Herausforderung, dem Internethandel. Über die Chancen für den stationären Einzelhandel sprachen wir mit Mateusz Hartwich, dem Branchenkoordinator Handel bei der IHK Berlin.

Berliner Morgenpost: Herr Hartwich, ist der klassische regionale Einzelhandel in Zeiten der Globalisierung und des Internethandels ein Auslaufmodell?

Mateusz Hartwich: Grundsätzlich ist festzustellen, dass es um den Einzelhandel in Berlin nicht so schlecht steht, wie man vermuten mag. Nach dem jahrzehntelangen Boom der Shoppingmalls und Einkaufcenter in und um Berlin hat sich die Lage beruhigt, der Markt hat sich eingependelt. 2016 war in Berlin das erste Jahr seit langer Zeit ohne Neueröffnung eines Einkaufscenters. Offensichtlich ist bei dieser Art des Shoppings eine gewisse Sättigung erreicht. Selbst etablierte Einkaufscenter feilen an ihren Konzepten, um weiterhin attraktiv für Kunden zu sein. Aber es stimmt natürlich, dass es Einzelhandelsgeschäfte mit der Anmutung und dem Handelsgebaren des vorigen Jahrhunderts zunehmend schwer haben, auf die sich rasant verändernden Bedürfnisse der Kundschaft mit adäquaten Angeboten zu reagieren.

Meinen Sie damit, dass Kunden sich im Internet über Produkte informieren, die Preise vergleichen und die Ware dort ordern?

Das ist nur zum Teil so. Zwar hat sich der Internethandel in den vergangenen Jahren rasant entwickelt und seine Anteile im Gesamtumsatz in Branchen wie Mode, Unterhaltungselektronik oder bei Büchern seit 2010 vervielfacht. Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass der Anteil des Onlinehandels am gesamten Einzelhandel lediglich zehn Prozent beträgt. Also: die Leute gehen nach wie vor gerne im Geschäft einkaufen und lassen sich dort vom Angebot überraschen.

Trotz steigender Umsätze in den meisten Branchen des stationären Einzelhandels ist der Siegesszug des Internethandels nicht aufzuhalten. Wie können die Einzelhändler vom Medium Internet profitieren?

Die Chancen, sich in einem veränderten Marktumfeld zu behaupten sind für diejenigen gut, die sich die Vorteile des Internets bewusst zunutze machen. Handelsexperten gehen davon aus, dass heutzutage etwa 30 bis 40 Prozent der Kunden ihre Einkäufe online vorbereiten. Und oft genug wird dann auch nach einem ortsansässigen Anbieter des Produkts oder der Dienstleistung gesucht. Doch bislang sind nach Berechnungen des Bitkom 40 Prozent der kleinen Unternehmen bis zehn Mitarbeiter im Netz nicht auffindbar.

Wie können diese Defizite verringert werden?

Nicht alle Händler verfügen über die notwendigen Kenntnisse und Ressourcen, um sich des Internets zu bedienen. Vielfach besteht auch die Scheu, sich dort der Öffentlichkeit zu präsentieren, auch aus Gründen des Datenschutzes. Berlinweit gibt es etwa 100 Standortkooperationen, darunter viele von Händlern und Gewerbetreibenden einer bestimmten Gegend. In den meisten Fällen gibt es dort internetaffine Kaufleute oder Dienstleister, die bei den ersten Schritten ins Internet behilflich sind. Aber auch Internet-Handelsprofis wie Amazon, Ebay oder Zalando helfen interessierten Händlern beim Onlineshop-Aufbau und dem Handling des Vertriebs. Und nicht zuletzt ist auch die IHK ihren Mitgliedern dabei behilflich, den Zugang zum Internet und in die Welt der sozialen Medien erfolgreich zu meistern.