Leben

Studenten betreuen Obdachlose in Moabit

In die Notunterkunft in Moabit dürfen Wohnungslose jeden Abend zurückkehren.

Alexander Lampater (l.) und Pawel Slodczyk bereiten das Abendessen für 40 Obdachlose vor.

Alexander Lampater (l.) und Pawel Slodczyk bereiten das Abendessen für 40 Obdachlose vor.

Foto: Amin Akhtar

Alexander Lampater rührt in dem großen Topf auf der kleinen Herdplatte: „Kartoffelsuppe mit Kichererbsen und Würstchen, sieht doch lecker aus“, stellt er zufrieden fest. Der Student gehört zu einem Team von etwa 30 Ehrenamtlichen, die abwechselnd in der Notunterkunft in Moabit den Nachtdienst übernehmen. Neben ihm schleppt Pawel eine große Schüssel voll Obstsalat: „Heute gibt’s Vitamine, das ist doch mal was“, meint der 30-Jährige. Er ist Koordinator der Kältehilfe bei der Neuen Chance gGmbH. Die gemeinnützige Gesellschaft ist Träger der Notunterkunft an der Rathenower Straße in Moabit.

Eröffnet wurde sie im Rahmen der Kältehilfe der Stadt am 1. Oktober vergangenen Jahres. „Und seit Mitte Oktober sind wir jeden Abend voll“, sagt Pawel Slodczyk. Mit 40 Betten ist es eine eher kleine Einrichtung, insgesamt stehen in diesem Winter 1200 Notübernachtungsplätze zur Verfügung, zurzeit bleiben etwa 200 pro Nacht frei. „Viele Obdachlose können nicht mit so vielen Menschen zusammen sein oder haben Angst um ihre Sachen“, sagt Slodczyk.

Das Bett wird bis 20 Uhr reserviert

Im Gegensatz zu den großen Notunterkünften, die den Schlafplatz meistens nur für eine oder höchstens drei Nächte hintereinander bieten, dürfen die Obdachlosen in die Moabiter Unterkunft zurückkehren. „Wer möchte, kann jeden Abend wiederkommen. Um 19 Uhr ist Einlass, wir reservieren das Bett bis 20 Uhr“, sagt Pawel Slodczyk. Am Einlass steht neben dem ehrenamtlichen Helfer auch ein Security-Mann, Ärger gäbe es eher selten und wenn dann meist, weil zu viel Alkohol oder Drogen im Spiel seien. Beides ist in der Notunterkunft nicht erlaubt, genauso wenig wie Waffen. Wer eingelassen werden will, wird kontrolliert.

Die Schlafräume für die Männer liegen im ersten Stock, neben jedem der jeweils vier Doppelstockbetten sind sorgfältig Tüten, Taschen und Kleidung gestapelt. „Nur die Wertsachen und Papiere müssen mitgenommen werden. Wer will, kann seine Sachen hierlassen“, sagt Alex. Der 31-jährige Osteuropa-Student ist in Russland geboren und im Alter von zwölf Jahren nach Deutschland gekommen. Seine Sprachkenntnisse sind hilfreich für die Arbeit in der Notunterkunft, er kann Dokumente übersetzen und bei Problemen helfen.

Ein Bäcker aus der Nachbarschaft spendiert das Brot

Die Studenten sind jede Nacht zu dritt im Einsatz. An diesem Abend sind noch Hannah und Steffen im Dienst. Sie bereiten das Essen vor – die Lebensmittel kommen von der Tafel, ein Bäcker aus der Nachbarschaft spendiert Brot und Brötchen. Auch der Moscheeverein im gleichen Gebäude wie die Notunterkunft bringt ab und zu Essen. „Wenn die eine Feier haben, gibt es immer reichlich“, meint Slodczyk.

Nach dem Einlass wird gegessen, manche sitzen anschließend noch im Ess- und Aufenthaltsraum zusammen, in dem auch geraucht werden darf. Ab 22 Uhr ist in der Regel Ruhe. „Wenn doch mal einer zu laut wird, schick ich ihn einfach ins Bett“, grinst Alex. Im Erdgeschoss liegt auch der Schlafraum für acht Frauen, zu dem ein eigenes Badezimmer gehört.

Für Studentin Hannah (25) ist es der erste Einsatz in der Kältehilfe, aber auch sie hatte bisher keine Probleme im Nachtdienst. Für die ehrenamtlichen Helfer, die eine Aufwandsentschädigung erhalten, bietet die Neue Chance gGmbH ein Deeskalationstraining an. „Das ist hilfreich“, meint Steffen (34), der vor drei Jahren durch eine Freundin zu dem Job in der Notunterkunft gekommen ist. Er studiert Medien-Informatik und wird in diesem Jahr fertig.

Beratungsstunde im Aufenthaltsraum

Die Nachtschicht endet mit Aufräumen, Wischen und Müll rausbringen nach dem Frühstück am nächsten Morgen. Dann müssen alle Nachtgäste die Unterkunft verlassen. „Aber sie können am Abend wiederkommen, wenn sie wollen von Oktober bis April“, sagt Pawel Slodczyk. Jeden Dienstagmorgen kommt ein Sozialarbeiter zur Beratungsstunde in die Notunterkunft. Damit dem einen oder anderen vielleicht doch die Rückkehr in eine eigene Wohnung gelingt.

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