Mode

Lust auf Textilien – Mode von einer anderen Seite betrachtet

Ingenieure der Bekleidungstechnik haben mit den Eigenschaften von Textilien zu tun. Und mit deren Produktion – auch im Ausland.

Claudia Heller hatte großes Interesse an Mode, jedoch keine Ambitionen für Design. Sie studierte Bekleidungstechnik an der HTW und promoviert derzeit.

Claudia Heller hatte großes Interesse an Mode, jedoch keine Ambitionen für Design. Sie studierte Bekleidungstechnik an der HTW und promoviert derzeit.

Foto: Sven Lambert

Berlin.  „Wir sind ein Ingenieur-Studiengang“, sagt Monika Fuchs, Professorin am Studiengang Bekleidungstechnik/Konfektion der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW). „Das Design, die Silhouette oder die Farben von Bekleidungsprodukten sind nicht unsere Aufgabe oder Kompetenz. Die technische Produkt- und Prozessentwicklung steht im Vordergrund des Studiums.“ Es geht nicht um den Entwurf, sondern um die Eigenschaften eines Kleidungsstückes und seine Funktionen.

Kontrolle der fertigen Produkte

Bekleidungsingenieure arbeiten zwar auch an einer Kollektion mit, an der Konstruktion der Schnitte, der Auswahl der Stoffe und der Zeitplanung. Sie haben dabei aber die technische Umsetzung von Design-Entwürfen, die industrielle Fertigung im Kopf. Sie planen die Produktion, überwachen Qualitätsanforderungen und Herstellungsprozesse, kontrollieren die fertigen Produkte, sind zuständig für das Supply-Chain-Management und übernehmen Aufgaben in der Produktentwicklung, im Marketing oder im Controlling. Nicht nur Damen-, Herren- und Kinderbekleidung, sondern auch funktionale Sport- und Arbeitskleidung, Schutzanzüge bis hin zu kugelsicheren Westen und Uniformen stehen im Fokus der Bekleidungsingenieure. Ebenso sind sie tätig in Firmen, die Maschinen für die Bekleidungs- und Textilindustrie entwickeln und bauen, oder in der Automobilindustrie und der Luftfahrt, dort in den Bereichen Interieur und technische Textilien.

Das Berufsfeld ist komplex

„Die ursprüngliche Unterscheidung zwischen Bekleidungseinzelhandel und Bekleidungsindustrie haben wir heute nicht mehr“, erklärt Fuchs das komplexe Berufsfeld. „Wir haben heute eine Bekleidungswirtschaft, bei der Handel und Industrie ineinandergreifen“, mit einer Vermischung von Prozessen, unterschiedlichen Konstellationen und Konstrukten aus Einzelhandels- und Industrieunternehmen, Importeuren und Agenturen.

„Die Komplexität ist viel größer, als man denkt“, bestätigt Denise Sabasch. Die 27-Jährige hat sich schon immer für Mode interessiert und gerne genäht. „Modedesign kam für mich nicht infrage, weil ich nicht auf Knopfdruck kreativ sein konnte“, erzählt sie. Bei einem Praktikum im Mode-Management lernte sie die Tätigkeiten von Bekleidungstechnikern kennen und fand diese „extrem spannend“. Während ihres Studiums der Bekleidungstechnik an der HTW arbeitete sie bei einem Textilimporteur als Werkstudentin.

Textilimporteure sind das Bindeglied zwischen Händlern, beispielsweise einer großen Modekette, und den Fertigungsfa­briken. Sie erfüllen je nach Kundenauftrag unterschiedliche Aufgaben: Das kann sich auf die Vermittlung und Kommunikation beschränken, aber auch das Design, die Schnitte, die Technik beinhalten. Gerade als Sabasch mit ihrer Mastarbeit fertig wurde, baute ihr Arbeitgeber den Bereich Corporate Social Responsibility (CSR) aus und stellte sie ein.

Textilimporteure prüfen auch die Fabriken

Sabasch ist nun verantwortlich für die Umsetzung der kundenspezifischen Anforderungen bezüglich Umwelt, Sicherheit und sozialer Aspekte. Sie kümmert sich um Produktzertifizierungen und die Einhaltung aller Standards. Zweimal pro Jahr besucht sie Produktionsstätten in Bangladesch, war schon in Polen, Rumänien, Bulgarien und der Türkei. Werden Sicherheitsvorgaben eingehalten? Ist der Brandschutz gewährleistet? Werden die Mindestlöhne gezahlt? Wie sieht es mit Diskriminierung und Kinderarbeit aus? Solche Fragen stellt sie bei den Audits und Kontrollen, die sie durchführt. „Außerdem überwachen wir in den Fabriken auch die Einhaltung von Umweltstandards“, erklärt Sabasch. „Alles, was mit Nachhaltigkeit zu tun hat, wird abgedeckt.“

Es geht um Nachhaltigkeit

Das Thema Nachhaltigkeit beschäftige viele ihrer Studierenden von Anfang an, sagt Monika Fuchs. „Die Antworten sind allerdings in dieser globalen Ausrichtung mit komplizierten Prozessen, mit enormen Mengen, mit weltweitem Einkauf und Vertrieb nicht so einfach, wie sich manche Erstsemester das vielleicht wünschen.“

Natalia Wisniewski war mit den Antworten nach ihrem Bachelor-Abschluss nicht zufrieden. „Ich wollte einen anderen Sinn hinter meiner Arbeit“, erzählt die 30-Jährige. So machte sie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht noch einen Master-Abschluss in Nachhaltigkeits- und Qualitätsmanagement und arbeitet jetzt beim Label „Auf Augenhoehe“, das Mode für kleinwüchsige Menschen entwickelt und verkauft.

Modeschneider-Ausbildung als Grundlage fürs Studium

Für das Berliner Start-up kümmert sie sich um die Entwicklung und Umsetzung der Business-Strategie und das generelle Management ebenso wie um das operative Geschäft. Dazu gehören Beschaffung, Produktion, Logistik. „Welche Materialien wollen wir einkaufen? Welche haben den richtigen Preis, die richtige Qualität? Welche Qualitätsmaßstäbe wollen wir überhaupt setzen? Wie produzieren wir? Wie schnell brauchen wir die Sachen“, dies alles sind Aspekte ihrer Arbeit.

Ihr Handwerk hat die Berlinerin von der Pike auf gelernt: Nach dem Abitur machte sie zuerst eine Modeschneider-Ausbildung am Oberstufenzentrum Bekleidung und Mode in Berlin-Kreuzberg. „Für das Studium war das auf jeden Fall hilfreich.“ Man müsse die Arbeitsprozesse verstehen, damit man sie nachher besser kontrollieren und steuern könne. Zwar lerne man das auch in den praktischen Teilen des Studiums. „Aber meine Schneider-Lehre hat mir das auf jeden Fall erleichtert.“

Großes Interesse an Mode, aber keine Ambitionen für Design – das war bei Claudia Heller die Basis für ihre Entscheidung, Bekleidungstechnik an der HTW zu studieren. „Die Kombination aus Technik und Bekleidung“ gefiel der 26-Jährigen, die in der Schule Physik-Leistungskurs hatte und gezielt nach Alternativen zu einem Modedesign-Studium suchte.

Von der Faser bis zur Vermarktung

„Die Mischung zwischen Praxis und Theorie fand ich immer besonders interessant“, erzählt Claudia Heller, die inzwischen an der HTW promoviert. Begeistert hat sie vor allem die Vielfalt: „Von der Faser bis zur Vermarktung ist alles Teil des Studiums.“ Entsprechend vielfältig interessiert sollte man sein, empfiehlt sie: „Man sollte nicht mit dem Gedanken beginnen, dass man sich nur mit einem speziellen Thema befasst. Das Studium ist wirklich sehr breit aufgestellt – was aber auch das Spannende ist.“ Und Monika Fuchs ergänzt: „Man muss schon die Komplexität aushalten, das ist nicht immer so leichtgängig.“

In ihrer Dissertation beschäftigt sich Heller damit, wie sich Bekleidung, Stoffe und Fasern durch das Waschen und Tragen verändern – und wie sich das vermeiden lässt. „Wir alle tragen jeden Tag Bekleidung, aber wir wissen nicht, was genau dahintersteckt“, erklärt die Doktorandin ihre Motivation. Eine weitere Forschungsfrage lautet: Wie könnten digitale Wäschekörbe und smarte Waschmaschinen dabei helfen, Wäschestücke korrekt zu sortieren, das richtige Waschprogramm und die exakte Waschmitteldosierung zu wählen? Auch das ist Bekleidungstechnik.

Wichtige Voraussetzung ist technisches Interesse

Technisches Interesse und Verständnis sind für das Ingenieur-Studium essenziell. Mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Inhalte bilden den Schwerpunkt, praktische Laborübungen kommen hinzu. Auch gute Englischkenntnisse sollte man mitbringen. Und die Bereitschaft, international zu arbeiten und dabei schwierige Situationen zu meistern: „Es ist eine große Herausforderung, sich als junge Frau durchzusetzen, bei Verhandlungen mit Fa­brikchefs beispielsweise, alleine, in Asien, in einer fremden Kultur“, gibt Fuchs zu bedenken.

Aber wie Stella Wiechers kann man in der Internationalität der Branche auch eine Chance sehen. Nach ihrer Schneider-Lehre am OSZ erkannte sie: „Man kann sich davon nicht finanzieren“, obwohl sie seit Jahren nebenbei freiberuflich als Stylist arbeitet. „Außerdem ist es körperlich sehr anstrengend, viele Stunden am Tag zu nähen, auch für die Augen“, so die 34-Jährige. Während ihres Bekleidungstechnik-Studiums an der HTW machte sie sechs Monate lang ein Praktikum in Indonesien und Vietnam. Nach ihrem Bachelor-Abschluss will sie ihren Master machen und dann nach Asien auswandern.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.