Leben

Vom Ziergarten bis zur grünen Stadt: Wie Gärtner die Welt verändern

Fünf Geschichten über Gartenkunst und bahnbrechende Erfindungen

Wussten Sie, dass ein findiger Gärtner den Stahlbeton erfunden hat? Wie Archäologen Hinweise aus Pflanzen ziehen? Und was gerade Berlin einem Gartenkünstler zu verdanken hat? Hier erfahren Sie mehr.

Wie Gärtner die Umwelt prägen Ob man im Frühling durch ein Tal mit Märzenbechern wandert oder sich auf einer Lichtung über Blaustern und Maiglöckchen freut – eines haben diese Blümchen gemeinsam: Ohne Gärtner würde es sie nicht geben. Denn sie gehören zu den Stinsenpflanzen und sind Kulturrelikte, ursprünglich von Menschen gepflanzt und später verwildert.

„Stinse“ ist friesisch und bedeutet Steinhaus. Aus Steinen wurden nur Schlösser, Kirchen, Klöster und die Häuser wohlhabender Menschen gebaut, nur sie konnten sich den Luxus eines Ziergartens leisten. Mancherorts verfielen ihre Häuser, die Blumen aber blieben.

Die meisten Stinsenpflanzen stammen aus mittelalterlichen Gärten, es gibt aber auch römische Relikte. Aus dem Kleinen Immergrün flochten die Römer Kränze für kultische Zwecke. Deshalb sind Immergrün-Standorte auch für Archäologen interessant. Übrigens: Stinsenpflanzen sind ideal für den faulen Gärtner. Denn am liebsten mögen sie es, in Ruhe gelassen zu werden. So kommen sie jedes Jahr wieder.

Gärtnermachen Politik Manchmal greifen Menschen bewusst in die Natur ein und pflanzen oder säen absichtlich außerhalb ihres Gartens. „Guerilla Gardening“ heißt eine ursprünglich politische Bewegung, die Samenbomben einsetzt, um gegen Globalisierung zu kämpfen und das urbane Grün zurückzuerobern.

Wenn es sich dabei um Pflanzen handelt, die nicht zur heimischen Flora gehören, nennen das die Botaniker Ansalbung. So hat man im 19. Jahrhundert das alpine Edelweiß auch im Mittelgebirge verbreitet. Der Berliner Schriftsteller und Ingenieur Reinhard Seidel (von ihm stammt auch der Spruch „Dem Ingenieur ist nichts zu schwer“) rühmte sich, das Zimbelkraut in Berlin angesalbt zu haben. Und er kokettierte damit, dass nach seinem Tod wenigstens ein lila Blümchen an ihn erinnern würde.

Heute ist das Ausbringen ortsfremder Arten strengstens verboten, zumal es Pflanzen gibt, die am neuen Standort große Probleme bereiten können. So geben die Berliner Forste viel Geld und Mühe dafür aus, die Amerikanische Traubenkirsche zu roden, die man einst gepflanzt hatte, weil man sich gutes Holz von ihr erhofft hatte. Auch der Riesenbärenklau gilt heute als Plagepflanze. Bei Kontakt verursacht er phototoxische Verätzungen, die oft schwer abheilen. Auch er wurde im 19. Jahrhundert bewusst angesalbt. Imkern galt er als Bienenweide und Förster erhofften sich Deckung für das Wild.

Gärtner können auch Architektur Der Kristallpalast in London, 1936 durch einen Brand zerstört, war ein gigantischer Palast aus Glas und Stahl und bei seiner Einweihung das größte Gebäude der Welt, viermal größer als der Petersdom in Rom. Und wer hat es gebaut? Ein Gärtner. Aber der Reihe nach.

1851 sollte im Londoner Hyde Park anlässlich der Weltausstellung ein Ausstellungsgebäude errichtet werden, das schnell aufzubauen und anschließend wieder schnell abzubauen sein sollte. Der Haken: die enormen Ausmaße und die Einbeziehung der Bäume des Parks. Alle Architekten des Landes scheiterten, entweder waren die Kosten zu hoch oder die Bauzeit zu lang. In der Not wandte man sich an den Gärtner und Glashausbauer Joseph Paxton. Er kam aus einfachen Verhältnissen, arbeitete für adlige Pflanzenliebhaber und hatte ein Tragsystem entwickelt, um Glashäuser für exotische Pflanzen zu bauen. Auf die Idee der Versteifung mit Eisenträgern sollen ihn die Rippen eines Seerosenblattes gebracht haben, auf das er seine Tochter setzte, um die Statik zu prüfen.

Auch sein Entwurf wurde zunächst abgelehnt. Erst als ein Zeitungsartikel die Öffentlichkeit auf seine Seite brachte, lenkte die Baukommission ein. Der Bau war eine Weltsensation, ein Weltwunder aus Eisen, Holz und Glas und ein Meilenstein in der Architektur- und Technikgeschichte.

Stahlbeton, die Erfindung eines Gärtners Joseph Monier war Gärtner in den Tuilerien in Paris beim Louvre. In der Orangerie standen viele Pflanztöpfe aus Holz herum, mit denen er unzufrieden war. Denn das Holz wurde schnell morsch und faulte. So suchte er nach besseren Materialien – und kam auf Zement.

Leider überdauerten die neuen Töpfe den ersten Winter nicht. Durch den Frost hatten sie Sprünge bekommen und waren zerbrochen. Aber der findige Gärtner gab nicht auf. Er stützte die Zementgefäße mit einer Einlage aus Drahtgeflecht. Damit machte er den Zement elastisch und für den Frost unempfindlich. Das Prinzip eignete sich auch für große Wassertanks.

Warum nicht eine Brücke bauen, dachte sich ein Auftraggeber. So schuf der Gärtner Joseph Monier 1875 die erste Eisenbetonbrücke der Welt. Seine Erfindung veränderte die Welt. Moderne Hochhäuser und Wolkenkratzer sind ohne Stahlbeton undenkbar. Und was Monier damals schon wusste: Der Einsatz von Stahlbeton kann Häuser erdbebensicher machen.

Gärtnern als Kunst Wie würde Berlin aussehen ohne den Gartenkünstler Peter Joseph Lenné? Er gestaltete nicht nur den Tiergarten und Zoologischen Garten, sondern auch zahlreiche Erholungsanlagen, Uferzonen, Alleen und Plätze der Stadt. Und rundherum in Potsdam und Brandenburg über 120 Schlossanlagen. Heute steht man fassungslos und demütig vor seinem Werk: Was ein Menschenleben alles hervorbringen kann!

Was war das Geheimnis seines Erfolgs und seiner Schaffenskraft? Auf jeden Fall war er selbstbewusst, selbst dem König gegenüber, dem er vorwarf, er würde das Geniale seiner Ideen nicht begreifen. Das Geniale war sein Weitblick. In seinen späteren Jahren beschäftigte sich Lenné viel mit Stadtplanung. Er setzte sich dafür ein, dass das ursprüngliche Jagdrevier der Hohenzollern, der Tiergarten, zum Volksgarten umgestaltet wurde. Er mahnte die Wichtigkeit von öffentlichem Grün an in einer Stadt mit vielen Menschen auf engem Raum. Er plante ein System an Ringstraßenalleen, Kanälen und grünen Plätzen.

Einiges wurde umgesetzt: Landwehrkanal, Mariannenplatz, Michaelkirchplatz in Kreuzberg etwa. Einiges wurde später zugeschüttet wie der Luisenstädtische Kanal, von dem nur das Engelbecken übrig geblieben ist. Einiges entstand nur in Teilen. Doch fest steht: Lennés Traum einer grünen Stadt ist bis heute lebendig.