Leben

Gefeiert wird die Liebe und das Leben

Fortsetzung von Seite 1

Wenn Svenja Schirk die Wünsche ihrer Kunden auflistet, kann man im Geist schon die dazugehörigen Bilder auf Instagram sehen, hoch aufgelöst und mit Photoshop bearbeitet. Heiraten, das ist mehr als das Ja-Wort, das sich zwei Menschen geben. Man feiert sich, die Liebe und das Leben. Und weil man das im besten Fall nur einmal im Leben macht, darf es keine Party von der Stange sein. Wer will schon im eigenen VW Sharan zum Traualtar brettern, wenn er sich eine Stretch-Limousine mit Chauffeur leisten kann?

Das Heiratsalter ist in Deutschland gestiegen – und damit auch das Budget, das Paare für die Hochzeit ausgeben können. Die Männer sind heute durchschnittlich 34 und die Frauen 31,5 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal die Ringe tauschen, fast zehn Jahre älter als ihre Eltern in den 1970er- Jahren. Sie haben ihren Platz im Berufsleben gefunden und müssen nicht mehr jeden Euro umdrehen. Das eröffnet Wedding Plannern Möglichkeiten.

Promis machen vor, wie man heute heiratet

Seit 2013 steigt die Zahl der Hochzeiten in Deutschland wieder an. 2016 waren es 410.426 Paare, die den Bund fürs Leben schlossen. Etwa fünf Prozent von ihnen, schätzen Wedding Planner, engagieren für die Organisation der Party einen Profi.

Die Messlatte für eine Traumhochzeit hängt hoch. Das sieht man, wenn man sich durch Blogs wie Hochzeitswahn oder Foreverly scrollt, wenn man Klatschmagazine durchblättert oder den Fernseher einschaltet.

2,5 Millionen Zuschauer waren am 4. Juni 2016 dabei, als RTL II die Hochzeit von Daniela Katzenberger und Lucas Cordalis übertrug – nicht aus der Kneipe von Deutschlands bekanntester Berufsblondine auf Mallorca, sondern vom Bonner Petersberg. 102 Minuten Live-Berichterstattung, dieses Privileg genossen bisher nur europäische Königshäuser. Dass das Fernsehen eine Ikone des Trash TV samt ihrer noch unbekannteren Hälfte adelte, zeigt, dass der Traum von der Märchenhochzeit lebendiger ist denn je. RTL II-Zuschauer konnten ohne Unterbrechungen durch Werbepausen verfolgen, wie die Braut in einem elf Kilo schweren Prinzessinnenkleid eine nicht enden wollende Showtreppe heruntertippelte, um mit dem Gatten die Ringe zu wechseln. Die Hochzeit als PR-Instrument, als Seifenoper und aufwendig inszeniertes Event.

Den Bonner Petersberg hat Svenja Schirk noch nicht gemietet. Und glaubt man dem enfant terrible unter den Wedding Plannern, dann stand so eine Location bislang auch noch nicht auf der Wunschliste ihrer Kunden. Die sind zwischen 25 und 50 Jahre alt und berufstätig. Ihr Job lässt ihnen keine Zeit, den großen Tag selbst zu organisieren, von A wie Auto mieten bis Z wie Zylinder kaufen. Und Svenja Schirk sagt: „Meine Kunden orientieren sich nicht an Promi-Hochzeiten.“

Sie selbst, daraus macht sie keinen Hehl, sitzt gebannt vor dem Fernseher, wenn sich der Hochadel das Ja-Wort gibt. Die Hochzeit des britischen Prinzen Harry mit Schauspielerin Meghan Markle am 19. Mail ist so ein Pflichttermin. 2000 Gäste. Geschätzte Kosten: 36 Millionen Euro. Wer weiß, was man den Royals in der St. George’s Kapelle auf Schloss Windsor noch abgucken kann?

Die Wahl der Location ist der wichtigste Punkt auf der To-Do-Liste. Mit dem Ort steht und fällt so ein Fest. Beliebte Orte sind ein Jahr im Voraus ausgebucht, weshalb Svenja Schirk ihren Kunden empfiehlt, nicht auf den letzten Drücker zu planen. In ihrer Kartei hat sie 500 Locations in Berlin und Brandenburg, eine der beliebtesten ist das Soho House in Mitte, dort, wo schon George Clooney und Madonna übernachtet haben. 30.000 Euro bezahlte eines ihrer Paare dort für seine Party im Berlin-Style. Der, so sagen Wedding Planner, sei urban. Er lebe vom Kontrast zwischen alt und modern, zwischen rau und schick, zwischen zerbröckelt und saniert.

Es ist dieser Stil, der Berlin zu einem der beliebtesten Orte zum Heiraten macht, nicht nur in Deutschland, weltweit. Hier gibt es reichlich leere Fabrikhallen oder stilvoll verwitterte Villen mit romantisch zugewucherten Gärten, die den Geist der Geschichte atmen. Besonders Amerikaner fasziniert das. Es gibt einige Paare, die aus den USA anreisen. Manche haben hier studiert, andere sind hier ins Nachtleben eingetaucht.

Daniela Höcker gehört weder zur ersten noch zur zweiten Gruppe. Sie ist Münchnerin, ihr Mann Thomas kommt aus Thüringen. Bis zur Hochzeit führten sie eine Fernbeziehung. Daniela Höcker sagt, auf Berlin seien sie beim Googeln nach einem Wedding Planner gestoßen. Was es da nicht alles im Internet gab. Hochzeiten im Heißluftballon, im Flugzeug, auf dem Schiff, am Strand und unter Wasser.

Die Chemie zwischen Brautpaar und Wedding Planner muss stimmen

Dagegen wirkt ihre Location fast unspektakulär. Das ehemalige Kesselhaus einer Brauerei in Mitte, der Club Roadrunner’s Paradise. Unverputzte Wände, eine Bar mit Theke, eine Bühne, eine Tanzfläche. Eine Rock’n’Roll Hochzeit sollte es sein, eine, die spanische Lebensfreude mit der Musik verbindet, nach der sie beide verrückt sind. Schließlich, sagt die Spanien-Liebhaberin, hatten sie sich vor fünf Jahren bei einem Rockkonzert kennengelernt. Logisch, dass da eine eigene Rock’n’Roll-Band nicht fehlen durfte. So landeten sie bei Svenja Schirk. Sie hat früher Rock’n’Roll- Turniere getanzt. Sie spricht Spanisch. Sie hat schon über 100 Hochzeiten organisiert, seit sie sich 2010 mit ihrer Agentur selbstständig gemacht hat. Ihr Netzwerk ist groß genug, um auch ausgefallene Wünsche wie den nach der Ausstattung einer mexikanischen Totenfeier zu erfüllen. Und die Chemie, die stimmte auch.

Das ist wichtig. Denn der Markt für Wedding Planner ist hart umkämpft. Allein in Berlin und Brandenburg gibt es mehr als zwei Dutzend Anbieter. Und alle versprechen sie eine Traumhochzeit. Wie sollen Paare da den richtigen Anbieter für sich finden? Und woran erkennen sie, ob eine Agentur seriös ist?

Wedding Planner ist noch kein Ausbildungsberuf. Jeder kann sich so nennen. Die Anbieter kommen aus der Werbung, der Hotellerie oder – wie Svenja Schirk – aus der Veranstaltungsplanung von Firmen-Events. Sieben von ihnen haben 2007 einen Verein gegründet, den Bund Deutscher Hochzeitsplaner. Heute hat der Verband 20 Mitglieder. Es sind alles Frauen. Sie wollen das Bild korrigieren, das einige von ihrer Branche haben. Dass nämlich Wedding Planner die Ausgaben für eine Hochzeit nach oben treiben, indem sie versteckte Provisionen für andere Dienstleister wie Fotografen oder Caterer kassieren und nicht transparent mit Kosten umgehen. Tatsächlich werden die meisten Hochzeitsplaner nach Stunden bezahlt. Svenja Schirk betont, dass sie ihren Kunden immer mehrere Angebote zur Auswahl vorlegt. Sie ist das Aushängeschild des Verbands. Sie macht die Pressearbeit. Sie ist eine Frau, die schnell spricht und gern lacht. Sie versteht es, andere für sich einzunehmen. Als Freundin der Braut, so sieht sie sich selbst. Sie sagt, es seien doch die Frauen, denen an einer Traumhochzeit gelegen sei.

Bei den Kunden von Antje Küster (53) ist es genau umgekehrt. „Engel 07“ nennt sich die Hochzeitsplanerin. Sie sagt, es seien in erster Lidie Männer, die sie einschalteten. Antje Küster ist das Gegenteil von Svenja Schirk. Blond, schmal, schnörkellos. Ihre Kunden mögen es eher klassisch. Das zeigt auch der Blick auf ihre Homepage. Festlich gedeckte Tafeln. Bräute in Weiß. Schlösser mit Parks und Gärten.

Dass bei ihrer Kundschaft die Bräutigame die treibende Kraft sind, ist ihr recht. „Ich plane gern mit Männern. Die sind nicht so detailverliebt.“ Von denen käme keiner auf die Idee, dass das Lied zum Einzug in die Kapelle so getimed werden muss, dass das Wort „Love“ genau vor dem Traualtar erklingt.

Antje Küster ist pragmatisch. Von 5000 bis 60.000 Euro: Ihre Feiern bewegen sich in ganz verschiedenen Preisklassen. Sie sagt, es gehe immer ums Geld. „Ich habe noch nie ein Paar erlebt, das gesagt hat, es spielt keine Rolle.“ Aber ob die Hochzeit der schönste Tag im Leben werde, hänge nicht von der Höhe des Budgets ab. Neulich hatte sie Kunden, die sich ein Limit von 5000 Euro für eine Party mit 35 Gästen gesetzt hatten. Die, so sagt sie, hätten eben Abstriche machen müssen. Fotograf? Kommt nur für zwei Stunden. Blumen? Müssen nicht unbedingt sein.

Doch was passiert, wenn auf so einer Feier etwas schiefgeht? Svenja Schirk erinnert sich an jenen Tag, an dem sie um acht Uhr morgens einen Anruf bekam. Der Fotograf sagte kurzfristig eine Trauung ab. Er musste ins Krankenhaus. Blinddarmdurchbruch.

Was hat sie nicht schon alles erlebt. Paare am Rande des Nervenzusammenbruchs. Trauzeugen, die in Panik ausbrechen. Sie lächelt. In diesen Momenten schlägt ihre Stunde. Jetzt können sie nur noch ihre Kontakte retten. Ihr Ruf ist nur so gut wie der Ruf der Dienstleister, mit denen sie vernetzt ist. Sie sagt: „Ich arbeite nur mit Kollegen zusammen, die ich schon lange kenne.“

Das hat sich offenbar bewährt. Für den kurzfristig erkrankten Fotografen sprang ein anderer Kollege ein. Gab es noch andere Pannen? Falls doch, dann fallen ihr keine ein. Es gebe nur eine Sache, gegen die auch sie machtlos sei: Bei Trauungen liefen ihr regelmäßig Tränen übers Gesicht. Sie sagt: „Auf alles kann man sich vorbereiten, aber nicht auf Emotionen.“

Ihr Alltag, er ist eben doch ein bisschen anders als der von Jennifer Lopez als Mary in der US-Filmkomödie The Wedding Planner. Ob sie auch mit High Heels und Headset von Party zu Party eile, wird sie oft gefragt. Svenja Schirk muss dann schmunzeln. High Heels, das ist ein brisantes Thema. Sehen toll aus, sie trägt sie aber nur noch während des offiziellen Teils einer Hochzeit. Sie ist schließlich die erste, die morgens kommt und die letzte, die abends geht. Wie viele Blasen an den Füßen hat sie sich früher geholt. Heute schlüpft sie nach der Zeremonie in bequemere Schuhe. Nein, mit der Wedding Plannerin aus dem Kinofilm habe sie nichts gemein, sagt sie. „Die heiratet am Ende noch den Bräutigam. Das ist mir auch noch nicht passiert.“

Uli Knieknecht kennt solche Probleme nicht. Er ist 37 Jahre alt, quirlig, eloquent. Einer der wenigen Männer in der Branche. Eine Haartolle hängt ihm in die Stirn. „Jasager“ heißt seine Agentur. Das Logo seiner Firma zeigt zwei Flamingos, die sich küssen. Ihre gebogenen Hälse bilden ein Herz. Es ist ein Wink in Richtung der Klientel, die die Jasager gezielt umgarnen, seit der Bundestag 2017 die Ehe für alle freigegeben hat. Flamingos sind dafür bekannt, dass sie offen für Homosexualität sind. Und zehn bis 20 Prozent seiner Kunden, sagt Uli Knieknecht, sind schwule Paare. Er ist selbst mit einem Mann verheiratet und Vater zweier Pflegekinder. Er sagt, schwule Hochzeiten seien eigentlich genauso wie alle anderen – mit einem kleinen Unterschied: Party hard. „Die Gäste sind noch geübter im Ausgehen.“

Knieknechts Klientel ist international. Gerade hat er mit einem Paar aus Australien geskypt. Für die sucht er eine Location für das Jahr 2020. Er sagt, etwas Besonderes müsse es sein, entweder eine Kathedrale oder eine Fabrikhalle. Aber das kennt er ja schon. Gäste, die nur für ein Wochenende von weither anreisen. Mit der Organisation der Hochzeit ist es da nicht getan. Ein Barbecue als Get together am Vorabend, ein bisschen Sightseeing am Tag danach, das gehört zum Gesamtpaket. Und vielleicht ist das ein weiterer Punkt, warum Kosmopoliten so gern in Berlin heiraten, lieber noch als in Prag oder in Budapest, wo die Preise deutlich günstiger sind. Uli Knieknecht sagt, Berlin sei zentral gelegen, und jeder Zweite spreche hier Englisch. Dabei laufe das Sightseeing meistens auf eine Spreefahrt hinaus.

Eine Hochzeitsparty nicht überfrachten, das ist sein Credo. „Man braucht gar nicht 1000 Programmpunkte, ein Leitfaden reicht.“ Wenn man den gelernten PR-Mann so reden hört, klingt er ein bisschen wie ein Feldwebel: „Erst die Zeremonie, dann ein Sektempfang, anschließend ein Gruppenfoto, um 19 Uhr Abendessen, danach vielleicht ein Feuerwerk und spätestens ab 22.30 Uhr Party.“ Ein straffes Timing ist wichtig. Es gebe doch nichts Schlimmeres als Gäste, die schlechte Laune bekämen, weil das Essen zu spät serviert werde, sagt Uli Knieknecht. Neckische Spiele wie den Stuhltanz oder Reden über das Brautpaar, die länger als fünf Minuten dauern, redet er den Trauzeugen aus. Er sagt: „So was hat noch keine Hochzeit schöner gemacht.“

Aber braucht man dafür tatsächlich einen Veranstaltungsprofi? Anruf bei Maria Buhl (27) und ihrem Ehemann David (31). Der Tag, an dem sie sich das Ja-Wort gaben, liegt zwar mittlerweile drei Wochen zurück, aber sie sind beide immer noch geflasht. Geheiratet wurde am 14. April, eine romantische Scheunenhochzeit vor den Toren Berlins mit 60 Gästen. Dabei, sagen sie, haben sie sich um alles selbst gekümmert. Um den Ort, den Fahrdienst, das Catering, den Dekorateur, den DJ, die Fotografin, ihre Outfits und die Ringe. „Made for ...“ ist in seinem eingraviert, „... loving you“ in ihrem. Eine Zeile aus einem bekannten Song ihrer Lieblingsband Kiss.

Wer privat plant, braucht dafür häufig ein halbes Jahr

Maria seufzt, wenn sie zusammenrechnet, wieviel Zeit sie die Vorbereitung gekostet hat. Länger als ein halbes Jahr haben sie gebraucht, bis alles stand.

Geheiratet haben die beiden dann in einer Scheune vor den Toren Berlins. Ein Zufallstreffer bei Facebook – und ein Schnäppchen, verglichen mit den Preisen in der Hauptstadt. Über die, sagt David, hätten sie sich erschrocken. „Die Fabrik in Wedding, die wir cool fanden, hätte 9000 Euro gekostet – nur die Miete.“

Sich einen Wedding Planner zu nehmen, auf die Idee wären sie nie gekommen. Warum auch? Die ganze Familie hat mitgeholfen, damit sie ihren Tag genießen konnten. Und das Lesen der Bewertungen, das Vergleichen der Angebote, die Treffen mit den verschiedenen Dienstleistern: Das haben sie auch noch nach ihrer Arbeit in einem Labor geschafft. Dass sie ihr Budget von 12.000 Euro am Ende um 3000 Euro überzogen haben, war ihnen irgendwann egal.

David sagt, es gebe drei Phasen bei so einer Hochzeit. „Vorher denkst du, o Gott, wann ist es endlich vorbei? Am Tag der Hochzeit bist du völlig entspannt. Und danach denkst du: Wie, schon vorbei?“ Es sei ein Kraftakt gewesen, sagt Maria. Doch dass sie ihn gemeinsam gestemmt haben, mache sie stolz. Ein Start in die Ehe, wie er besser kaum sein könnte.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.