Leben

Wer gerne stöbert und plauscht, ist hier richtig

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Die Röslers kennen die anderen, die, die jedes Wochenende herkommen, schon seit Jahren. Immer wieder begrüßen sie irgendwen, der ihren Stand passiert. „Ach hallo! Lange nicht gesehen!“ – „Wie war der Winter, haste ihn überlebt?“ Für das Ehepaar ist dieser Ort ein Treffpunkt. Natürlich bloß bei gutem Wetter, sagt Bärbel und lacht. Darin liegt wohl einer der großen Unterschiede zwischen Profi- und Gelegenheitströdlern.

Wer den ganzen Tag auf einem Markt stehe, treffe auf interessante Menschen, erzählt Detlef – sogar auf Prominente! „Wir haben schon Tom Hanks, Manfred Krug und Heike Makatsch bedient“, bestätigt Bärbel. Natürlich bilden sie sich nichts darauf ein, betonen beide. Highlights aber seien das ja schon gewesen. Auch als eine Karte aus Neuseeland kam, von einem Pärchen, das in Berlin zu Besuch war und Geschirr von ihnen kaufte, das sie an das der eigenen Eltern erinnerte. Die Erinnerung an Vergangenes, sie macht einen großen Reiz des Trödelns aus.

Es geht nicht nur ums Geld, sondern auch um den Erhalt der Dinge

Bereits als Kind hat Bärbel am Klausenerplatz in Charlottenburg ausrangierte Sachen verkauft. Ihre Oma wohnte dort, sie hatte die Sachen aussortiert. Bärbel erinnert sich gerne daran. Ihr geht es um den Erhalt von Dingen. „Die Sachen hier werden alle wiederverwertet, wir selbst tragen auch nur Second Hand, kaufen uns nie Neues.“ Irgendwer wird schon solche Weingläser brauchen, an denen sie sich längst satt gesehen haben. Der Gewinn ist für die Röslers zweitrangig, „bei uns geht viel mit Sympathie einher“.

Würde man eine Typologie von Verkäufern auf Flohmärkten aufstellen, gäbe es wohl fünf Typen: die Profis, die Idealisten, die Hobbyisten, die Gutmenschen und die Kommunikativen. Zur Definition: Profis verdienen ihren Unterhalt mit dem Trödeln. Idealisten leben den Urgedanken des Recyclings aus. Hobbyisten misten ihren Hausstand aus, um sich zu entlasten und nebenbei ein paar Euro zu verdienen. Gutmenschen verkaufen für einen guten Zweck. Kommunikative sehen den Ort als einen der Begegnung.

Es sind nicht nur die Älteren, die sich auf den Flohmärkten ausleben. Nachwuchs gibt es reichlich. An der Straße des 17. Juni sammelt sich dieser in der Mitte des Marktes.

Die Jungs, alle zwischen 16 und 20 Jahren, gruppieren sich an Tapeziertischen. Sie fischen gemeinsam Schmuck aus mehreren Säckchen. Fein säuberlich drapieren sie ihn auf samtenen Stoffbahnen. Alles funkelt. Es ist ein konträres Bild: die edel wirkenden Ketten, Armbänder und Ringe in den Händen dieser Jungs, die aussehen, als würden sie lieber auf Parkbänken Bier trinken und Rap hören. Trödeln sie häufig? Wenn das Wetter gut ist, ja. Und wieso? Um das Taschengeld aufzubessern. Und woher haben sie all das Zeug? Von anderen Trödlern abgekauft und bei Ebay ersteigert. Klingt nach Profis. So wie ihre Familienmitglieder, die hier seit 20, 30 Jahren stünden, erzählen sie. Tatsächlich ist der Mann am Eingang ein Onkel einer der Jungs.

Es macht Sinn, dass das Wissen weitergegeben wird. Und das Kaufen und Verkaufen schon früh einzuüben. Handeln will gelernt sein. Wer schon mal selbst auf einem Flohmarkt verkauft hat, weiß, dass es gar nicht so leicht ist, standhaft im Preis zu bleiben, dabei aber potenzielle Käufer nicht zu verprellen. Und doch sagt die jüngere Generation auch, dass der direkte Kontakt auf dem Markt einen großen Vorteil habe gegenüber dem Verscherbeln von Dingen übers Internet. „Man kann ganz anders überzeugen, auch weil die Interessenten alles anfassen können, anprobieren, weil man Scherze machen kann“, erklärt einer von ihnen, während er konzentriert zwei feingliedrige Silberketten auseinanderknotet. Digital funktioniert das natürlich nicht. Das Unmittelbare, das gibt es so nur auf Märkten. Den Blick in die Augen, das Verständnis füreinander, die Lust an den Dingen, am Stöbern, am Miteinander.

Ein anderer Jugendlicher fügt hinzu, dass die Familientradition mit in ihr Tun hineinspielt. „Unseren Eltern ist es wichtig, dass wir das Handeln lernen – bei uns in der Heimat, in der Türkei, gibt es überall Märkte und Basare, außer im Supermarkt handelt man dort eigentlich überall.“ Wenn du es im persönlichen Kontakt schaffst, schaffst du es überall, haben ihnen ihre erfahrenen Eltern als Glaubenssatz serviert. Die Jungs haben es sich zu Herzen genommen.

Der Begriff „Markt“ stammt aus dem Lateinischen. „Mercatus“ steht für „Handel“, „merx“ für „Ware“. Allgemeinsprachlich bezeichnet er das regelmäßige Zusammentreffen von Händlern an einem bestimmten Platz, um Waren – meist des täglichen Lebens – zu verkaufen. Jener Ort aber ist seit jeher auch ein zentraler Treffpunkt, an dem sich Menschen eines Dorfes oder einer Stadt versammeln. Es ist ein Ort des Sozialen.

Am deutlichsten zeigt sich dieser Aspekt wohl an den sogenannten Heiratsmärkten aus früheren Zeiten. Als die Mobilität in ländlichen Regionen noch eingeschränkt und die Bewohner eines Dorfes meist miteinander verwandt waren, wurde jährlich ein festlicher Heiratsmarkt veranstaltet, um Eheschließungen über Dorfgrenzen hinweg anzubahnen und Inzucht zu vermeiden.

Heute ist die Gesellschaft da natürlich deutlich mobiler und flexibler. Es gibt digitale Alternativen zum Heiratsmarkt in Form von Datingportalen und die sozialen Netzwerke. Und doch gibt es nach wie vor viele Plätze, an denen sich regelmäßig übers Jahr hinweg Menschen versammeln – sogar in Großstädten wie Berlin. Wo man sich Zeit nimmt, umherschlendert, zwischenmenschliche Begegnungen zulässt.

Dörflich, ja fast schon familiär fühlt sich, im Gegensatz zum Trödel an der Straße des 17. Juni, der Flohmarkt am Marheinekeplatz in Kreuzberg an. Unweit der Bergmannstraße findet er statt, zwischen Kirche und Markthalle. Kinder toben auf dem Spielplatz in der Mitte des Platzes oder an den Wasserfontänen am Springbrunnen daneben. Auf den Parkbänken lungern Bier trinkende Männer herum, in den Cafés rundherum genießen andere ihren Cappuccino in der Sonne. Junge, stylish gekleidete Pärchen schieben sich die Marktstände entlang, sie sind auf der Suche nach einer unerwarteten Besonderheit für wenig Geld. Ein Blazer aus den 1980er-Jahren vielleicht oder ein Stiftrock mit Nadelstreifen.

Auch hier gibt es die professionellen Trödler, diejenigen, die ganzjährig verkaufen. Die meisten von ihnen wohnen im Kiez, so wie die über 70-jährigen Herren Achim und Emil. Achim, der eigentlich Joachim heißt, riecht die Anfänger förmlich, sagt er. „Für Geschulte wie uns sind sie gefundenes Fressen, man kann ihnen die guten Dinge für wenig Geld abkaufen und teurer weiterverkaufen.“ Sein Tipp: Beim ersten Preisangebot niemals zögern. „Wer das tut, verrät sein Unwissen und lässt sich im Nu bis zum Minimum runterhandeln.“

Achim und Emil trödeln seit einigen Jahren fast jedes Wochenende zusammen am Marheinekeplatz. Man sieht sich, ohne sich verabreden zu müssen, an dem Ort, an dem man sich kennengelernt hat. Es muss ein gutes Gefühl sein, einmal in der Woche altbekannte Gesichter zu sehen, wenn man mag. Gewohnheit schafft Sicherheit, stillt den Durst nach einem Kollektiv. Wer Trödler auf einem Kiez-Markt ist, der findet sich irgendwann automatisch in solch einer Gemeinschaft wieder.

Für das Kreuzberger Gefüge sorgt auch Marktleiterin Martina Krüger. An diesem Vormittag erzählt sie, mit Sonnenbrille zufrieden an einen der Stände gelehnt, wie sie die Chefposition ganz überraschend vor sieben Jahren übernommen habe, nach dem Tod des früheren Marktleiters. Sie brennt für ihren Beruf, das merkt man sofort, sie fühlt eine Art familiären Zusammenhalt. „Gutes Klima!“, sagt sie. Damit lobt Martina Krüger die Händler, aber auch die Besucher. Sie schlendert zu Verkäuferin Jenny, von Beruf Erzieherin. Kurz mal Hallo sagen, das macht die Marktleiterin gerne, und hier und da einen kurzen Plausch abhalten.

Das Trödeln ist ihre Übung, um Nein sagen zu lernen

Jenny verkauft am Marheinekeplatz fast jedes Wochenende Klamotten von zwei Kleiderstangen. Es gehe ihr nicht ums Geld, sagt Jenny. Vielmehr ist das Verkaufen für sie eine ständige Übung, auch mal Nein zu sagen – dann nämlich, wenn ihr jemand einen zu niedrigen Preis bietet. Verneinen tut sie auch, als man fragt, ob sie Lust habe, noch etwas mehr über sich zu erzählen.

Direkt gegenüber steht Jörg Kienast, adrett gekleidet und redseliger als Jenny. Auch er verkauft fast jedes Wochenende auf dem Marheinekeplatz. Was überraschend ist: „Eigentlich hasse ich Flohmärkte“, sagt er. Er möge die visuelle Überfrachtung einfach nicht. Zu dieser Aussage passt das schlichte Design seiner Möbel. Seit zwölf Jahren hat er keinen Laden mehr, seinen Stand auf dem Platz betrachtet er als eine Art Ersatz-Showroom. Alle Stühle und Tische, die zu sehen sind, stellt er selbst her. Manchmal kaufen die Leute ihm direkt etwas ab, häufiger bekommt er Auftragsarbeiten. Zumindest aber könne er hier seine Visitenkarte verteilen, sagt Jörg Kienast. Und er verspüre ein gewisses Gefühl von Freiheit, so ganz ohne Laden.

Rentner Achim hat seinen Fokus auf Armbanduhren und Taschenuhren gelegt. Für ihn ist das Trödeln sein Hobby, ein Zeitvertreib auch. „Ich meine, sollte ich denn den ganzen Tag alleine zu Hause herumsitzen? Nö.“ Menschen wollen sich schließlich gebraucht fühlen, suchen sich immer wieder Aufgaben, die sie antreiben.

Zu den Dingen, die er verkauft, habe er keinen emotionalen Bezug, sagt er. Aber er wirkt sehr fachmännisch, während er eine Uhr putzt. Erklärt: „Quarzuhren sind meist billig in China hergestellt, da tickt der Sekundenzeiger nicht rund, er stockt – sehen Sie?“ Dass man einen Überraschungsfund macht, passiere eher auf einem Markt wie an der Straße des 17. Juni, gibt er zu. Da habe ein Bekannter mal eine Uhr für 400 Mark gekauft und zum Uhrmacher gegeben, um sie reinigen zu lassen. Der habe festgestellt, dass der Wert des Stücks bei rund 6000 Mark liege.

Haufenweise Kisten mit alten Fotos: Wer kauft so etwas?

Als laienhafter Käufer weiß man nur selten, ob das ans Tischbein gelehnte Etruskerschild tatsächlich wertvoll ist oder die übergroße Nachbildung der Osterinseln aus Beton überhaupt irgendeinen Wert hat. Da muss man dem jeweiligen Verkäufer Vertrauen schenken. Für sie, die Trödler, sei es deshalb oberstes Gebot, sich mit den Dingen, die sie anbieten, detailliert auseinanderzusetzen, findet Achim.

Zumindest wäre es gut, einen Teil der Geschichte zu kennen. Bei dem riesigen, gerahmten Porträt von Erich Honecker ist doch klar, dass die Frage kommt, wo das ursprünglich hing. In einem alten Haus, das geräumt wurde, erklärt der Verkäufer. Und wer bitte will so etwas kaufen? „Freaks“, sagt er und lacht. Sowieso stellt sich die Frage, wer sich freiwillig Fotos von fremden Verstorbenen aufhängt. Davon gibt es viele Kisten auf dem Marheinekeplatz, bis oben hin gefüllt. Ein lachendes Kleinkind mit Ringellocken strahlt einem entgegen. Das ist doch gruselig, oder nicht? Etwa so, als würde man Geister wiederbeleben, von denen man nicht weiß, wer sie zu Lebzeiten waren. „So etwas wird häufig als Requisite für Film, Fernsehen oder Theater gekauft“, erklärt der Anbieter.

Constancio, halb Argentinier, halb Russe, hat nichts aus solchen Haushaltsauflösungen an seinem Stand liegen. Er sei Sammler von Kuriositäten, sagt er über sich selbst. Eine Perlenkette aus Afrika, eine Art Voodoo-Stab, eine vergoldete Krone aus dem Fundus der Deutschen Oper, Objekte aus Tibet. Bei allen Stücken kann er Herkunft, Material, Zweck erklären. Und mindestens eine kurze Anekdote erzählen. Immerhin hat er diese Dinge ja selbst irgendwo erstanden.

Nicht jedes Wochenende steht er hier, nur dann, wenn er Lust hat. Was ihm besonders großen Spaß daran mache, sei der pädagogische Aspekt: „Ich recherchiere sehr gerne zu den einzelnen Dingen.“ Constancio hat schon in Thailand, Brasilien und Spanien gelebt, seit 20 Jahren ist er in Berlin. Und wie kommt es, dass er all diese Dinge aus seiner Vergangenheit einfach so verkaufen kann? „Natürlich gibt es emotionale Verbindungen zu den Objekten, aber irgendwann ist doch jede Beziehung mal zu Ende und man muss sich lösen.“ Er lacht, als er das sagt, weil es fast schon melodramatisch klingt.

Isabel und Anne vom Projekt „Blue Life“ wirken dagegen mehr wie Marktschreierinnen. Sie wollen unbedingt alles loswerden, was sie heute früh angeschleppt haben, und zwar ausnahmslos und egal zu welchem Preis. Denn jeder Euro hilft ihnen, besser: ihrem Projekt „Blue Life“. Das Geld, das sie mit Klamotten, Spielzeug, Küchengeräten und Krimskrams einnehmen, fließt nach Sumatra. Es soll zur Wiederherstellung und Erhaltung des Regenwaldes beitragen. Heute geht es es vor allem um den Schutz der Schildkröten. In mehreren Aktionen soll Müll aus dem Meer gefischt werden, damit die Tiere problemlos vom Wasser an Land und andersherum gelangen.

Alle sind sie da: die Gutmenschen, die Profis, die Idealisten, die Hobbyisten und die Kommunikativen. Der Kosmos Flohmarkt ist vielfältig, einer für sich. Vielleicht ist dieser Ort mehr oder weniger aber auch eine Art Querschnitt durch die Gesellschaft – im Kleinen. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass sich trotz aller sozialen und ökonomischen Entwicklungen im Kern nur wenig verändert hat. In seiner Ursprünglichkeit ist das Prinzip Markt unberührt geblieben und hat Jahrhunderte überdauert.

Am Ende eint die Typen von Trödlern wohl auch eine gewisse Form der Nostalgie. Eine Sehnsucht nach dem Unabhängigen, dem Einfachen im Leben.