Leben

Engagement gegen Einsamkeit

Malteser Besuchsdienst wirbt bei der Berliner Freiwilligenbörseum Ehrenamtliche

Keiner spricht gern darüber, obwohl das Problem viele Menschen betrifft: Einsamkeit. Eine Studie der Psychologie-Professorin Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum ergab, dass sich in Deutschland jeder Fünfte über 85 einsam fühlt. Bei den 45- bis 65-Jährigen sei es jeder Siebte. Besonders betroffen seien laut Luhmann ältere, kranke Menschen, die kaum noch Außenkontakt haben. Es gibt verschiedene Studien, die nahelegen, dass Einsamkeit sogar krank machen kann. So fanden amerikanische Forscher in einer vierjährigen Studie mit 800 alten Menschen im Jahr 2007 heraus, dass das Risiko an Altersdemenz zu erkranken, bei einsamen Menschen doppelt so hoch ist. Das gilt allerdings nicht für die Alzheimer-Krankheit, die mit Demenz einhergeht. In England wurde eigens ein „Ministerium für Einsamkeit“ gegründet, um dem Problem zu begegnen. In Deutschland setzt man auf freiwilliges Engagement, um Menschen aus der Isolation zu holen.

Auf der Freiwilligenbörse am heutigen Sonnabend im Roten Rathaus stellen sich Organisationen vor, die sich um Menschen kümmern, „die aufgrund von Alter, Krankheit oder ihrer Familiensituation auf sich allein gestellt sind“, erklärt Carola Schaaf-Derichs von der Landesfreiwilligenagentur Berlin e.V. Auch der Malteser Besuchsdienst ist mit einem Stand vertreten, um Ehrenamtliche für einen Einsatz zu gewinnen. „Wir schauen immer sehr genau hin, wer zu wem passen könnte, die Chemie muss stimmen“, sagt Karin Haeuber, seit drei Jahren Koordinatorin des Besuchsdien­stes. So wie zwischen Giesela Steinle, Karin Haeuber und ihrer ehrenamtlichen Betreuerin: „Wir gehen zusammen spazieren, oder bei schlechtem Wetter Kaffee trinken. Es tut gut, zu erzählen und sich auszutauschen“, sagt die 89-jährige. Und sie hat viel zu erzählen: vom Vater, der als Signalwerkführer bei der Bahn in Hinterpommern sie und ihre vier Geschwister durchgebracht hat, von ihrem Beruf als Drogerieverkäuferin, der sie erfüllt hat und von ihrem geliebten Mann, der 1989 starb. „Das war ein harter Schlag. Ich wusste gar nicht, was ich nun machen sollte“ erinnert sich Giesela Steinle.

Damals hat ihre Schwester ihr neuen Lebensmut gegebn - durch eine Reise nach Polen. Auch die Schwester lebt nicht mehr und ihr Neffe hat wenig Zeit für sie. „Das verstehe ich auch. Ich weiß ja, wie das ist, wenn man voll berufstätig ist“, sagt die alte Dame. Nach mehreren Hüftoperationen kommt täglich der Pflegedienst für eine Stunde und mehrmals im Monat die ehrenamtliche Besucherin. Davor wurde sie von einem jungen Arzt besucht, der an seiner Doktorarbeit schrieb und sich abmeldete, als er selbst Vater wurde. „Ich bin froh, dass ich wieder jemanden gefunden habe“ sagt Koordinatorin Karin Haeuber und umarmt Giesela Steinle herzlich. Sie stellt den Kontakt her, so bald sie den oder die interessierten Ehrenamtlichen interviewt hat. Gesucht wird möglichst nach Wohnortnähe, noch wichtiger sei aber, dass der zwischenmenschliche Kontakt stimme. „Beide müssen sich dabei wohlfühlen“, betont die ehemalige Leiterin eines Seniorenheims, die die Aufgabe bei den Maltesern auf Minijob-Basis übernommen hat.

Wie oft und wann die Besuche stattfinden, machen die Besuchten und Besucher unter sich aus. Karin Haeuber fragt regelmäßig nach, ob alles in Ordnung ist und steht als Anprechpartner für beide Seiten zur Verfügung. 50 Betreute hat sie in ganz Berlin, 15 weitere würden gern Besuch bekommen. Die Ehrenamtlichen beim Malteser Besuchsdienst unterschreiben eine Vereinbarung, sind damit versichert und müssen die Besuche dokumentieren. Eine Bezahlung gibt es nicht, Fahrtkosten können abgerechnet werden. „Ganz wichtig: die Ehrenamtlichen sind keine Einkäufer und erst recht keine Putzen. Sie schenken ihre Zeit.“ betont Karin Haeuber. „Und das ist doch ganz wunderbar!“, meint Giesela Steinle. Wer sich für einsame Menschen engagieren möchte, findet auf der Freiwilligenbörse am heutigen Sonnabend im Roten Rathaus viele Angebote nicht nur für ältere Menschen, sondern auch für pflegebedürftige Frauen, zur Telefonseelsorge und für einsame Flüchtlinge. Ansprechpartner für ehrenamtliche Tätigkeit beim Malteser Besuchsdienst ist Karin Haeuber, ( 030-34800 3260

11. Berliner Freiwilligenbörse, 14. April, 11 bis 17 Uhr im Roten Rathaus, www.berliner-freiwilligenboerse.de