Leben

der Weltentdecker

Marian Grau (15) hat schon 31 Länder gesehen – immer mit einem Foto seines Bruders im Gepäck. Dieser starb 2012. Im Buch „Bruderherz“ erzählt Marian über ihn und über seine Reiselust

Es passiert in Kambodscha, auf der ersten großen Reise. Mit seiner Mutter sitzt Marian, damals elf Jahre alt, in Battambang bei einer einfachen Mahlzeit im Restaurant, als sich den beiden ein schmächtiger Junge nähert. Cheng heißt er und ist ebenfalls elf Jahre alt. Mutter und Sohn teilen mit ihm ihr Essen, spendieren seinen herbeieilenden acht Brüdern auch eine Mahlzeit. Sie erfahren, dass die Jungs keine Eltern mehr haben und auf der Straße leben. Es ist Heiligabend, man macht ein gemeinsames Foto, dann reisen die deutschen Touristen weiter. Und Marian denkt sich: Was habe ich nur für ein Glück gehabt!

Dabei sind es das eigene Leid, der eigene Schmerz, die Marian und seine Mutter überhaupt nach Kambodscha geführt haben. Im März 2012, gut eineinhalb Jahre zuvor, war Marians älterer Bruder Marlon verstorben. Er litt an einer unheilbaren Stoffwechselkrankheit und wurde zwölf Jahre alt. Für die Familie bricht mit Marlons Tod eine Welt zusammen. Eine Welt, die aus 24-Stunden-Pflege, zahllosen Krankenhausaufenthalten und Ferien im Hospiz besteht – und aus unglaublich viel Liebe, Zusammenhalt und dem Lebensmotto: Aufgeben? Gibt’s nicht!

Um seine Trauer zu überwinden und neue Perspektiven zu gewinnen, beginnt Marian zu reisen. In seiner Mutter, seinem Vater und seiner Tante findet er Verbündete, die mit ihm die Welt erobern. Hunderttausend Kilometer ist Marian in den vergangenen Jahren geflogen, hat 31 Länder auf drei Kontinenten besucht. Immer im Gepäck: ein Foto von Marlon. Ihm, sagt Marian, hätte er so gern die ganze Welt gezeigt.

„Ich hätte dir so gern die ganze Welt gezeigt“ ist auch der Untertitel seines Buchs „Bruderherz“. Darin erzählt der heute 15-jährige Marian Grau von seinem besonderen Familienleben mit Marlon und von dem, was ihn bei seinen Reisen antreibt und beeindruckt. Das Buch ist „ein aufregender Mix aus Reisen und Marlon, Wut und Freude, Leben und Tod, Schönem und Traurigem“ – so beschreibt es Marian selbst, und das trifft es sehr gut.

Was er durch den Bruder gelernt hat, trägt ihn heute durchs Leben

So lebendig und wortgewandt, wie Marian Grau schreibt, ist er auch im Gespräch. Häufig, so erzählt er uns, werde er nach seiner „schwierigen Kindheit“ gefragt – im Schatten des hilfsbedürftigen Bruders, dessen Krankheit den Aktionsradius der ganzen Familie beschränkte. „Dabei hatte ich eine tolle, nur eben besondere Kindheit“, sagt er. „Ich habe es ja auch gar nicht anders gekannt.“ Er wünscht sich, mit seinem Buch Berührungsängste gegenüber Krankheit, Behinderung und Tod abzubauen. „Ganz ehrlich: Für mich war das Kinderhospiz, in dem wir regelmäßig Urlaub gemacht haben, der schönste Ort der Welt!“ Genauso wichtig ist ihm zu erzählen, wie bereichernd das Leben mit Marlon war. Unter dem Titel „Fünf Dinge, die ich von meinem Bruder gelernt habe“ listet er im Buch auf: Empathie, Selbstständigkeit, den Moment genießen, zuhören – und erkennen, was wichtig ist.

Genau dieses Paket ist es, das auch Marians Reisen prägt und seine Berichte lesenswert macht. Ja, er liebt wie jeder Teenager das Gefühl der Freiheit beim Reisen. Er genießt es, sich auszuprobieren. Ihn faszinieren pulsierende Städte genauso wie überwältigende Naturschauspiele. Und doch sind es die menschlichen Begegnungen, die ihm am wertvollsten erscheinen: ob mit den Straßenkindern in Kambodscha oder mit einem Jungen, der im Rollstuhl sitzt, am Lagerfeuer in Deutschland. Seine Neugier und Begeisterung wirken ansteckend, weil er den Leser ungefiltert teilhaben lässt, wenn er sich wundert, lacht oder auch mal traurig ist. Das allerdings kommt immer seltener vor. „Das Reisen ist meine beste Therapie“, sagt Marian. „Und außerdem bin ich Optimist!“

Mit dem Schreiben ist der 15-Jährige schon länger vertraut: Eine große Fangemeinde folgt seinem Reise-Blog „GeoMarian“. Noch in diesem Jahr werden die Berichte von fünf Trips hinzukommen: nach Dubai, Thailand, New York, Taiwan und ins Baltikum. Marian Graus Buch „Bruderherz“ erscheint am Montag. Auf den folgenden Seiten lesen Sie einen exklusiven Vorabdruck. Fortsetzung auf den Seiten 2/3