Leben

„Es ist wichtig, Normalität und Routine in den Familienalltag zu bringen“

Jessy Herrmann über die Bedürfnisse von Geschwistern kranker Kinder

Was bedeutet es für Kinder, mit einem chronisch kranken oder behinderten Geschwisterkind aufzuwachsen? Die Soziologin und Erlebnispädagogin Jessy Herrmann hat solche Kinder jahrelang für den Verein „Elternhilfe für krebskranke Kinder Leipzig e.V.“ begleitet. An der Uni Leipzig erforscht sie, wie die Kinder im Erwachsenenalter auf ihre Kindheit zurückblicken.

Frau Herrmann, in Deutschland wachsen zwei Millionen Kinder mit krankem Bruder oder kranker Schwester auf. Jedes dritte Kind gilt als belastet. Was quält die Betroffenen?

Jessy Herrmann: Das Schwierige für die Kinder ist gar nicht die Krankheit an sich, sondern die Veränderung in der Familie. Stellen Sie sich vor, ein Kind erkrankt plötzlich an Krebs. Noch im Schockzustand müssen die Eltern ihr Leben um das erkrankte Kind herum organisieren. Manche Familien zerreißt das förmlich. Ein Elternteil ist bei dem erkrankten Kind, der andere muss das Geld verdienen. Es kann passieren, dass die Geschwister dann zu wenig Aufmerksamkeit bekommen.

Was macht es mit Kindern, wenn sich das ganze Leben nur um den kranken Bruder oder die kranke Schwester dreht?

Geschwister erleben ihre Eltern jetzt häufig in Angst und Sorge. Auch werden ihre Bedürfnisse möglicherweise weniger beachtet. Es kommt vor, dass ein Geschwisterkind in der Folge Schulprobleme entwickelt, einnässt oder sich zurückzieht. Ursache dafür können Schuldgefühle sein.

Warum Schuldgefühle?

Es kann sein, dass Geschwister die Veränderungen in der Familie nicht auf die Krankheit beziehen. Sie fragen sich, ob sie selber daran Schuld sind, dass die Eltern so wenig Zeit für sie haben.

Werden Kinder gar nicht aggressiv?

Doch, das kommt auch vor, aber eher selten, und es betrifft häufiger Jungen. Generell neigen Geschwister dazu, ihre Bedürfnisse nicht zu äußern, um die Eltern und das kranke Kind nicht noch zusätzlich zu belasten.

Richtet sich die Aggression auch gegen den kranken Bruder oder die kranke Schwester ?

Eher selten. Die Geschwisterbeziehung ist per se ambivalent, weil Geschwister sich auch als Rivalen sehen. Wenn ein Kind schwer krank ist, wird diese Rivalität aber oft aus Rücksichtnahme auf das erkrankte Kind nicht ausgetragen.

Behindert sie das nicht bei ihrer Entfaltung?

Es hängt davon ab, welche Bewältigungsstrategien die Eltern vorleben und wie sie mit der Krankheit umgehen. Wird diese zum Beispiel thematisiert oder tabuisiert?

Was raten Sie?

Es ist auf jeden Fall sinnvoll, über die Erkrankung und ihre Behandlung zu sprechen. Die Kinder haben für Emotionen Antennen. Sie spüren, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Und dann ist es besser, wenn Eltern ihre eigenen Gefühle ansprechen. Wichtig ist es, den Kindern das Wissen über die Krankheit altersgerecht zu vermitteln. Für krebskranke Kinder gibt es didaktische Materialien wie den „Chemokasper“. Der erzählt, warum dem Geschwisterkind die Haare ausfallen und wie man die Krankheit behandelt.

Wie weit darf man da gehen? Darf man Kindern schon sagen, dass das kranke Geschwisterkind womöglich sterben könnte?

Eine palliative Prognose sollte Geschwisterkindern nicht verschwiegen werden, damit diese altersgerecht und durch erfahrene Psychologen auf das Versterben von Bruder oder Schwester vorbereitet werden können.

Was können Eltern tun, um zu verhindern, dass sich die gesunden Geschwister aufs Abstellgleis gestellt fühlen?

Wenn es möglich ist, können Eltern Zeiten einrichten, in denen sie sich – wenn auch nur kurz – ganz dem Geschwisterkind widmen. Langfristig ist es wichtig, Normalität und Routine in den Familienalltag zu bringen.

Solche Familien geraten leicht in die Isolation. Wie soll das also gehen?

Viele Familien schaffen das aus eigener Kraft. Es gibt aber auch viele Hilfsangebote. Wie wichtig die sind, ist mir bewusst geworden, als ich erwachsene Geschwister von Kindern mit Behinderung für unser Forschungsprojekt nach ihrer Kindheit befragt habe. Viele haben gesagt: Die Behinderung der Geschwister hat mich gar nicht so groß tangiert. Das lag auch daran, dass sich die Familien intensiv mit andern Betroffenen ausgetauscht haben.

Welche Hilfsangebote gibt es noch für Familien?

Die Stiftung Familienbande bietet bundesweit viele Veranstaltungen für Geschwister an wie zum Beispiel Geschwister-Olympiaden oder Schatzsuchen. Und was noch wichtiger ist: Sie hat den GeschwisterCLUB gegründet, das sind Programme, die Geschwister darin bestärken, mit schwierigen Lebenssituationen umzugehen.

Dann hat die Psychologie die Probleme der gesunden Geschwisterkinder gut im Blick?

Was kleine Kinder und Jugendliche betrifft, ist die psychosoziale Betreuung schon weit. Was die erwachsenen Geschwister betrifft, stehen wir noch am Anfang. Was ist, wenn die Eltern irgendwann so alt sind, dass sie das Kind mit Behinderung nicht mehr selber betreuen können? Dann stellt sich die Frage, ob nicht Geschwister die gesetzliche Betreuung übernehmen können. Das empfinden viele als Dilemma. Sie haben jetzt selber Kinder und ihr eigenes Leben.

Was lernen die Kinder aus dem Umgang mit den kranken Geschwistern fürs Leben?

Die meisten Menschen, die ich für unser Forschungsprojekt befragt habe, haben ein positives Verhältnis zu ihren erkrankten Geschwistern. Sie wissen, dass die Krankheit auch ihr Leben geprägt hat. Zum Beispiel überlegen sich viele sehr genau, ob sie nach der Schule für ein Jahr ins Ausland gehen, weil sie wissen, dass ihrem Bruder oder ihrer Schwester etwas zustoßen könnte.

Von kranken Geschwistern lernen heißt Empathie lernen?

Könnte man so sagen. Nicht selten landen viele Geschwister in sozialen Berufen. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Kinder womöglich sehr leidvolle Erfahrungen gemacht haben, zum Beispiel den Tod eines Geschwisterkindes.

Die Uni Leipzig entwickelt Angebote für erwachsene Geschwister von Behinderten und sucht Teilnehmer für ein Pilotprojekt. Interessenten melden sich bei Jessy.Herrmann@medizin.uni-leipzig.de.