Leben

Kleine Scherze sorgen für große Wirkung

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Im Anschluss mimen Gabriele Olschewski und ich zwei Löwen, die sich angreifen und dabei in Gelächter ausbrechen. „Und jetzt kommt eine Übung, die heißt ,Beschweren auf Gibberish’“, sagt sie. Ich soll mich in einer Fantasiesprache im Dialog mit der Lachyoga-Lehrerin über alles auslassen, was mich im Leben gerade nervt. Olschewski ist Profi: Ihre Standpauke in Gaga klingt überzeugend. Ich bringe nur Varianten des Lautes ,Bah’ hervor. Anfängerin eben. „Ist schwer, oder?“, sagt die Trainerin und erlöst mich.

Nun, heißt es, komme das Wichtigste. Und spätestens jetzt dächten viele „falscher Film“. Denn häufig melde sich an dieser Stelle der innere Kritiker zu Wort, die Stimme also, die es einem schwer mache, an sich und an das Gute im Leben zu glauben. Mit gekreuzten Armen greifen wir uns an das rechte und das linke Ohrläppchen, grätschen die Beine, rufen „Bäh!“ und strecken dabei die Zunge heraus. Erstaunlich infantil, dieses Lachyoga, denke ich. Oder ist das mein innerer Kritiker? „Du kannst ihn ganz wegschicken, in Rente zum Beispiel“, sagt die Lehrerin, als würde sie ahnen, dass ich mich innerlich über die Situation lustig mache. Mein nächstes „Bäh“ kommt mit mehr Gusto. Weg mit dem Kritiker! Nervt ja auch wirklich.

Wir liegen wie Käfer auf dem Rücken, Beine und Arme in der Luft

Diese Form der angeleiteten Albernheit mag merkwürdig klingen, macht aber überraschend viel Spaß. Gabriele Olschewski hat eine angenehme Ausstrahlung und lebt das, was sie unterrichtet. Sie hat wirklich Humor. Am Ende liegen wir beide Kopf an Kopf, die Beine und Arme in der Luft, wie zwei Käfer, die auf den Rücken gefallen sind. „Und nun das Schluss-Lachen“, fordert die Lehrerin. Dabei gelte die Maxime: „Fake it till you make it.“ Zu Deutsch: Ich solle einfach so tun, als würde ich wirklich lachen, dann käme das echte Lachen von alleine. Tatsächlich: Jetzt, endlich, lache ich aus tiefstem Herzen, vielleicht auch über die Absurdität der Situation. Am Ende der Stunde bin ich gut gelaunt und irgendwie befreit.

Dass Humor frei macht und Nähe durch Distanz schafft, sagt auch der Künstler Klaus Staeck, den Wolfgang Krüger in seinem Buch zitiert. „Humor bietet die Chance, sich selbst nur als winzigen Teil des Nabels der Welt zu sehen, nicht einem Fundamentalismus gleich welcher Spielart zu verfallen“, so Staeck.

Gabriele Olschewski war vor ihrem Berufswechsel zur Lachyoga-Lehrerin ebenfalls Künstlerin. Und auch sie hat sich frei gemacht – von den Erwartungen anderer. „Heute muss jeder etwas sein, beruflichen Erfolg haben, etwas leisten“, sagt sie. „Aber dass gar nicht jeder diese Art von Leben führen möchte, vergessen wir oft.“

Die gebürtige Hamburgerin arbeitete über zwei Jahrzehnte als bildende Künstlerin. Sie studierte an der Universität der Künste, kaufte im Rahmen eines Projekts Schülern in Neukölln für fünf Euro ihre Vorurteile ab oder fütterte Hühner mit französischen Sätzen, die sie aus Weizenkörnern gelegt hatte. Deren Eier briet sie dann in Frankreich. „Da war auch Humor im Spiel“, sagt sie. Doch ihre Kunst war vielen zu skurril, sich damit über Wasser zu halten fiel schwer. Sie durchlebte eine Existenzkrise. Heute buchen große Firmen, Krankenhäuser und Reha-Zentren ihre Seminare, sie unterrichtet bundesweit.

Dass Lachen gesund ist: mittlerweile ein Allgemeinplatz. Dieses Wissen geht auch auf den amerikanischen Psychiater William F. Fry zurück, der an der Stanford University die Humorforschung begründete, im Fachjargon Gelotologie. In Studien fand er in den 1960er-Jahren heraus, dass beim Lachen Glückshormone ausgeschüttet werden, vor allem Dopamin. Über 50 Jahre später ist das angeleitete Lachen kein obskures Hobby mehr, sondern ein anerkanntes Therapie-Instrument bei Depressionen und Krebserkrankungen. Aber auch Menschen, die unter Stress im Büro leiden, blühen beim Lachyoga auf.

Ehe ich mich aufmache, stelle ich der Lehrerin noch die eine Frage, die in dieser Woche jeder beantworten muss. Was ist Humor? „Humor ist wichtig, weil er das Leben festlich macht, und im Lachen zeigt sich, dass man das Leben schätzt, dass man dankbar dafür ist, am Leben zu sein.“

Lachyoga, findet Experte Wolfgang Krüger, sei zwar ein guter Einstieg für alle, die ihren Humor erkunden und die Lust am Lachen finden wollen. „Aber für die Art von Humor, der auch in Lebenskrisen hilft, braucht man eine starke Persönlichkeit und ein inneres Fundament. Dafür gibt es keine einfachen Rezepte.“ Diese Art von Humor sei zum Beispiel nötig, wenn man schwer erkranke. Mein nächster Termin führt mich an einen Ort, wo Menschen leben, denen es so geht: zur Clownsvisite auf der Station 2 in der Seniorenstiftung Gürtelstraße 32a in Weißensee.

Hier leben 38 Patienten mit Demenz-Erkrankungen. Die Art von Krankheit, vor der sich wirklich jeder fürchtet. Wie bringt man Menschen zum Lachen, die keine Aussicht auf Heilung mehr haben? Können Clowns dabei wirklich helfen? Diese Fragen gehen mir durch den Kopf, wohl auch, weil ich Clowns eher gruselig finde. Für meine Skepsis werde ich mich in einer Stunde schämen. Zu Recht.

Die Clowns, die hier wöchentlich Visite machen, heißen bürgerlich Sybille Ugé und Matthew Burton. Es ist Mittwoch, 15.30 Uhr. Die beiden warten im Treppenhaus auf uns, sie sind schon in ihren Rollen. Aus Sybille Ugé ist die „flotte Lotte“ geworden, der Australier Burton trägt ein rot-weiß kariertes Jackett und heißt bis 17 Uhr bemoll. Beide arbeiten für den Verein Rote Nasen, der seit 1994 Clowns in Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen schickt.

Was genau passiert bei einer solchen Visite? Vielleicht lässt es sich so beschreiben: Sybille Ugé, diplomierte Balletttänzerin, läuft mit völlig überzeichneten Bewegungen auf die erste Bewohnerin zu, die ihr im Gang begegnet. Es ist eine zierliche, kleine Frau mit kurzen grauen Haaren. Aus Rücksicht auf ihre Privatsphäre bleibt sie hier namenlos. Die 85-Jährige kann noch laufen. Nicht alle, die hier leben, können das noch. Als sie die Clowns sieht, beginnt sie zu lächeln. Aber dieses simple Verb wird der tiefgreifenden Veränderung ihrer Mimik nicht wirklich gerecht. Aus der verloren wirkenden Greisin, die mit herunterhängenden Mundwinkeln bis eben noch traurig und abwesend erschien, wird plötzlich dem Anschein nach ein kleines Mädchen. Das Ganze geschieht im Bruchteil einer Sekunde. Sybille Ugé singt für die Dame „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“ und lässt sich dabei von ihr berühren, streichelt zurück, hält Blickkontakt. „Ach, es ist so schön“, ruft die Frau immer wieder. „Ihr seid so nett.“ Sie will die beiden gar nicht ziehen lassen.

„Sie hat immer sehr gerne getanzt und mag das immer noch“, sagt Pflegedienstleiterin Sigrun Sahmland. Seit 14 Jahren besuchen Mitarbeiter des Vereins hier schon die Demenzkranken. „Sie sind einfühlsam und bauen eine Beziehung zu den Bewohnern auf“, so Sigrun Sahmland.

Die Clowns arbeiten sich weiter durch den Gang und kommen dabei nicht wahnsinnig schnell voran. Zu groß ist die Begeisterung der Bewohner: über die Musik, die Tanzerei, den Slapstick-Humor. Die Albernheit hat einen hehren Zweck: „Einmal in der Woche, mindestens, können die Bewohner ihr Elend vergessen“, sagt Sybille Ugé später im Interview. Nach nicht einmal 30 Minuten Programm schunkeln auf den drei Klinikstühlen im Gang zwei Bewohnerinnen und eine Angestellte hin und her wie im Bierzelt. Vier weitere Bewohner tanzen mit den Clowns. Im Gemeinschaftsraum liegt ein älterer Herr in einer Liegeschale, den Blick ins Leere geheftet. Neben ihm eine Patientin im Rollstuhl, auch auf ihrem Gesicht zeigt sich keine Reaktion. Doch um die beiden herum gibt es einige, die neugierig aufblicken und die Clowns auf dem Gang registrieren. Dort sagt Matthew Burton zu einer der tanzenden Damen, die sich aufrichtet, als sie von ihm besungen wird: „Du wächst wie eine Bohne.“ Sie antwortet: „Ich bin eine Bohne!“ So schön absurd sind Dialoge im Alltag selten.

Warum bereiten die Visiten den Demenzkranken so viel Freude? „Wir Clowns sind ja Scheiterer vor dem Herrn. Genau das funktioniert hier sehr gut“, erklärt Sybille Ugé. Die Tänzerin arbeitet vor allem mit dem Körper, macht ulkige Bewegungen, tut so, als würde sie stolpern. „Wir dürfen die Bewohner nicht überfordern. Dazu gehört, sich kleiner zu machen, ihnen Fragen zu stellen, die sie beantworten können, ihr Selbstbewusstsein zu stärken.“ Sie unterscheidet zwischen Lachen und Humor. „Humor geht tiefer als Lachen. Wahrer Humor bedeutet, dass man nicht auf Kosten anderer lacht, sondern sich nicht so ernst nimmt und von Situationen distanziert, die man als schwer empfindet.“

Sybille Ugé weiß, dass viele ihrer Arbeit gegenüber skeptisch sind und Clowns schrecklich finden. „Ich finde das nicht weiter schlimm, jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Wir lassen die Zeit für uns arbeiten“, sagt sie und grinst. Ich bin nachdenklich geworden. Und dankbar, deutlich dankbarer als zu Beginn der Woche, als mich das kaputte Fahrrad wirklich ziemlich ärgerte. Das hole ich tags darauf und bilde mir ein, ich hätte schon ziemlich viel über Humor gelernt.

Der dritte Termin in dieser Woche bringt mich allerdings auf den Boden der Tatsachen zurück. Ja, das mit dem Humor ist wirklich ein lebenslanges Projekt. Das merke ich beim Improvisations-Theater, einer Sache, die allen im Publikum große Freude zu bereiten scheint – außer mir. Dabei bin ich bester Dinge, als ich am Sonnabend durch den Görlitzer Park in das Ratibor Theater in der Kreuzberger Cuvrystraße fahre.

In der Nachmittagsvorstellung des Improvisations-Ensembles Die Gorillas sind alle Sitze belegt. Ich setze mich an den Rand der ersten Reihe. Nicht mein Humor, das merke ich leider gleich zu Beginn. Einer der Schauspieler, kostümiert mit weißem Jackett, Brille und schwarzer Perücke, erklärt das Konzept. Die Sketche sollen mit dem Ruf „Banane“ (gut) oder „Gurke“ (schlecht) bewertet werden. Die meisten rufen in den nächsten 90 Minuten „Banane“. Ich bleibe still. Es ist natürlich einfach, etwas zu kritisieren, was man so gar nicht selber könnte, aber es wird auch nach der Pause nicht besser. Ein Sketch macht mich sogar wütend. Darin wird ein fiktiver Star aus Lettland vorgestellt, der das Lied „Elche in der Prärie“ zum Besten gibt. Im Publikum lachen sie schon, als klar wird, dass der Sänger ausgerechnet aus Lettland kommt, haha. Klar, man kennt Musik aus dem Baltikum und Osteuropa von völlig irrsinnigen Performances beim Eurovision Song Contest.

Ich gestehe: Eine bestimmte Art von Witzen lehne ich einfach ab

Der Lette im Sketch heißt Ivarz, sein Dolmetscher Pavel kommt aus der Hauptstadt Riga und spricht eine Fantasiesprache, die einer der Schauspieler versehentlich als litauisch, nicht lettisch bezeichnet. Alle lachen, nur ich sitze da und finde es maximal billig. Ich finde, Witze über Ausländer dürfen nur Ausländer machen. Regt sich da etwa so etwas wie Ostblock-Stolz in mir? Bin ich, Kind tschechoslowakischer Einwanderer, zu empfindlich? Liegt es an meiner Kindheit, als solche wie ich nicht fein ausgedrückt „Migrationshintergrund“ hatten, sondern einfach „Ausländerkinder“ genannt wurden?

Während ich da so sitze, denke ich an meine Familie. An meine Tante, die bei einer Hochzeit das Gefälle zwischen slawischer und deutscher Tanzlust der Gäste mit den Worten „Die haben Geld und reden darüber, wir haben keines, deswegen müssen wir tanzen“ kommentierte. Dass das viel eher mein Humor ist. Ich denke an den „Langlaufunterricht“, den meine Mutter mir auf der Wiese vor dem Hochhaus erteilte, in dem ich aufgewachsen bin. Es lagen zwei Zentimeter Schnee. Das musste genutzt werden. Kinder aus der Parallelklasse beobachteten uns, zeigten mit dem Finger auf mich und lachten mich aus. Heute finde ich das komisch. Ich weiß: Tschechische Kinder werden quasi mit Langlaufskiern an den Füßen geboren. Damals, als manche der Eltern meiner deutschen Mitschüler nicht wollten, dass wir mit ihren Kindern spielen, fand ich das nicht so witzig.

Ich denke auch an die deutschen Geschichtsstudenten, die sich im Bus nach Prag eine Sitzreihe vor mir über ihr Urlaubsprogramm in der Heimat meiner Eltern unterhielten („saufen, Casino und dann eine billige Prostituierte finden“). Das ist acht Jahre her. Meine Recherche geht endlich an den Kern, denke ich schließlich. Ich weiß jetzt nämlich, welche Art von Witzen ich wirklich entschieden ablehne.

Nach der Vorstellung spreche ich einen der Schauspieler, Björn Harras, auf den Letten-Sketch an und beschreibe, was dieser in mir ausgelöst hat. Harras sieht das anders. „In Lettland gibt es ja gar keine Prärie“, sagt er. Er sehe sich außerdem als Antifaschisten und Antirassisten und das Theater liege im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, einem weltoffenen Bezirk. Ich beiße mir auf die Zunge, für mich klingt das nach dem nächsten Klischee. Wir werden uns dann doch einig, zumindest darin, was wir nicht komisch finden: die Auftritte von Mario Barth. Dass ausgerechnet die Ablehnung eines Mainstream-Komikers am Ende der Woche für Konsens sorgt, finde ich ziemlich komisch.

Zuhause wartet eine weitere Pointe auf mich. Björn Harras kam mir seltsam bekannt vor, aber ich hatte mich bis dahin nicht wirklich mit seiner schauspielerischen Tätigkeit befasst. Ich lese den Wikipedia-Eintrag zu seiner Person: Er hatte unter anderem mal eine Rolle in der RTL-Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, und, was an dieser Stelle wichtiger ist: Er engagiert sich für die Amadeu Antonio Stiftung und den Opferfonds Cura, Organisationen also, die etwas gegen Fremdenhass tun. Das mit dem Antirassismus war also kein Lippenbekenntnis. Dass ich das jetzt feststelle, ist: genau mein Humor.