Leben

Rückhalt in der Ausbildung

Ihre Lehrjahre durchzuhalten, fällt vielen jungen Menschen schwer. Mentoren helfen – häufig mit Erfolg

In diesen Tagen endet das zweite Lehrjahr für Semra Metin. Die 37-Jährige macht eine Ausbildung zur Altenpflegerin an der meco-Akademie in Wedding. Sie hat gelernt, Spritzen zu geben, kennt Krankheitsursachen und weiß, wie Patienten mit einer Sonde ernährt werden. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das kann“, sagt Semra Metin. Ihr Noten-Durchschnitt ist 1,5.

Die junge Frau stammt aus der Türkei. Als Kind kam sie nach Berlin und wuchs bei Pflegeeltern auf. Sie hatte Probleme im Privatleben, wurde schnell aggressiv und griff zu Drogen. Eine Therapie folgte. Sie begann eine Lehre und hörte wieder auf. Auch in der Altenpflegeausbildung lief es zunächst nicht gut. Das erste Jahr musste sie wegen schlechter Leistungen wiederholen. Beinahe hätte Semra Metin die Lehre erneut abgebrochen.

Dass sie heute mit Erfolg ihren Weg geht, hat viel mit ihrer Mentorin Josephine Brunner (30) zu tun. Beide kennen sich seit Mai 2017. Die Mentorin hat sie zunächst bei Behördengängen begleitet. Sie half, als Formulare für die Krankenkasse auszufüllen waren und Ratenzahlungen mit dem Mobilfunkanbieter vereinbart werden mussten.

In der „Ausbildungsbrücke“ werden derzeit 85 Azubis von Ehrenamtlichen betreut

Semra Metin sagt von sich, dass sie nicht so schnell Vertrauen zu jemandem fasst. Ihre Probleme hat sie lange Zeit allein mit sich herumgetragen. Doch gegenüber Josephine Brunner war es vom ersten Tag an anders. Ihr erzählt sie von sich. „Sie hilft mir, wenn ich Sorgen habe, mit denen ich nicht alleine fertig werde.“ Auch bei Bewerbungen unterstützt sie die Mentorin. Beide kommunizieren über Whats-
app. „Ich frage sie, und sie antwortet.“ Ab und an treffen sich die beiden Frauen auch in einer Bibliothek und setzen sich an einen Computer-Arbeitsplatz. Seit sie sich kennen, läuft es in der Ausbildung gut für Semra Metin. Sie schreibt ihrer Mentorin, wenn sie gute Noten bekommen hat. Und Josephine Brunner freut sich über den Leistungssprung ihres Schützlings. „Das ist echt faszinierend“, sagt sie.

Semra Metin hat ihre Mentorin durch das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz kennengelernt. „Ausbildungsbrücke“ heißt das Projekt. Eine Lehrerin sagte zu ihr: „Das wäre was für dich.“ Semra Metin ist kein Einzelfall. Im Verlauf der Ausbildung kommen viele junge Leute in Schwierigkeiten. Manche wollen aufgeben. Das Diakonische Werk bringt diese Azubis mit Ehrenamtlichen zusammen, die ihnen helfen.

Die „Ausbildungsbrücke“ gibt es seit 2013. Anlass war eine Studie aus dem Jahr 2012. Aus ihr ging hervor, dass in Berlin fast 30 Prozent aller Ausbildungen nicht abgeschlossen werden – mehr als in anderen Bundesländern. Daraufhin legte der Senat das Programm „Mentoring“ auf. Mehrere freie Träger bieten dieses Mentoring für unterschiedliche Ausbildungsbereiche an. Das Projekt des Diakonischen Werks ist auf Gesundheit und Dienstleistungen spezialisiert. Derzeit werden 85 Auszubildende betreut.

Eine der beiden Projektkoordinatorinnen ist Lina Antje Gühne. „Manchmal geht es nur darum, jemanden für eine Prüfung fit zu machen“, sagt sie. Oft jedoch läuft die Unterstützung über mehrere Jahre. Die meisten Azubis, die betreut werden, sind zwischen 21 und 25 Jahre alt. Flüchtlinge, die eine Lehre beginnen, und Menschen, die eine zweite Ausbildung machen, sind meist älter als 30 Jahre. Schwierigkeiten können schon im ersten Jahr auftreten. Wenn jemand den theoretischen Stoff nicht bewältigt, Zweifel an seiner Berufswahl hat oder nicht mit seinem Ausbildungsbetrieb zurechtkommt. Manchem fehlt die Unterstützung aus dem Elternhaus. Flüchtlinge brauchen vor allem Hilfe in der deutschen Sprache, weil sie die Fachausdrücke nicht kennen.

„Wir stellen unser Projekt in den Oberstufenzentren vor“, sagt Lisa Antje Gühne. Auch Mitarbeiter in den Ausbildungsbetrieben weisen auf das Mentorenprojekt hin.

Die Ehrenamtlichen kommen aus den unterschiedlich-sten Berufen. „Es sind Menschen, die in Ämtern arbeiten oder im kaufmännischen Bereich, pensionierte Lehrer und Krankenschwestern.“ Junge und Ältere wollen in ihrer Freizeit helfen. Sie wenden sich an Freiwilligenagenturen oder direkt an das Diakonische Werk. Dort werden die Möglichkeiten und der zeitliche Rahmen besprochen. Dort lernen sich auch Mentor und Azubi kennen. Wenn beide meinen, dass sie gut miteinander auskommen, beginnt die Zusammenarbeit.

Josephine Brunner und Semra Metin sind ein gutes Team. „Mein Vorteil ist, dass ich nicht sehr emotional bin“, sagt die Mentorin, Sie sei eher der praktische Typ. „Bei Problemen schaue ich nach vorne und sage: Was können wir jetzt daraus machen?“ Sie schlägt etwas vor und fragt, was Semra Metin dazu meint und ob es okay für sie ist. „Ich muss ihre Probleme nicht lösen“, sagt Josephine Brunner. „Das kann sie selbst tun. Ich bin nur da, um ihr Rückhalt zu geben und zu sagen: Du schaffst das.“ Das habe toll funktioniert.

Semra Metin gewinnt allmählich Selbstvertrauen. „Ich dachte, ich habe nicht so viel Talent, nicht so viel Mut und Kraft“, sagt sie. „Doch in den vergangenen Monaten habe ich mich selbst besser kennengelernt.“ Im April wird sie ein zweimonatiges Praktikum im Krankenhaus beginnen. Ihr langfristiges Ziel ist es, Krankenschwester zu werden. Wenn sie den Abschluss als Altenpflegerin hat, will sie deshalb ein weiteres Ausbildungsjahr dranhängen.

Ihre Mentorin Josephine Brunner arbeitet als Beraterin in der IT-Branche und hat eine Ausbildung als Coach. Sie schätzt das Vertrauen, das ihr Semra Metin entgegenbringt, und dass die Auszubildende ihre Hilfe annimmt. Das Mentoring nimmt etwa eine oder zwei Stunden in der Woche in Anspruch. „Es macht Spaß“, sagt Josephine Brunner. „Deshalb merke ich nicht, wieviel Zeit es kostet.“

Mehr Infos zum Projekt: www.ausbildungsbruecke.de