Porträtkunst

"Familienfotos sind auch eine Form der Idealisierung"

Prof. Dr. Susanne Kähler über die Entstehung des Familienbildnisses und seine geheime Botschaften

Prof. Dr. Susanne Kähler ist Professorin für Museumskunde an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW)

Prof. Dr. Susanne Kähler ist Professorin für Museumskunde an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW)

Foto: privat / BM

Wie entstand das Familienbildnis? Was sagt es über die Rolle der Familie in der Gesellschaft aus, was verrät es über die Familie selbst? Darüber sprachen wir mit Prof. Dr. Susanne Kähler. Sie ist Professorin für Museumskunde an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW). Zu ihren Fachgebieten gehören die Fotografiegeschichte und Verfahren der Bildanalyse.

Frau Prof. Dr. Kähler, wie lange gibt es überhaupt schon die Tradition, dass sich Familien abbilden lassen?

Susanne Kähler: Die Porträtkunst gibt es seit der Antike. Vor allem die Renaissance war dann aber ganz wichtig für die Entwicklung. Nicht mehr nur Fürsten und Adelige ließen sich abbilden, sondern auch das Bürgertum wollte sich verewigen lassen, bald mit der ganzen Familie, denn sie galt als Keimzelle des Bürgertums. Aber auch das bürgerliche Familienbild hatte zunächst häufig einen dynastischen Anspruch. Auf manchen Bildern waren auch nur die Kinder zu sehen, das war eine ganz neue Entwicklung. Die Aufgabe des Porträtierens übernahmen Maler. Die Fotografie wurde ja erst 1839 erfunden und das Porträt gehörte zu deren frühen Aufgaben.

Was stand hinter dem Wunsch, sich porträtieren zu lassen?

Das zentrale Motiv war wohl schon immer, etwas Bleibendes für die Nachwelt zu schaffen. Und die Sehnsucht, gesehen zu werden – und zwar so, wie man gesehen werden möchte. Es ist die Selbstbestimmung über das, woran man sich erinnern soll. Daher waren die frühen Familienporträts perfekt inszeniert. Der Patriarch war auf dem Bild herausgehoben, entweder indem er stehend über den Rest der Familie hinausragte oder in einem Sessel im Zentrum des Bildes saß. Die Mutter hatte die Kinderschar um sich. Das Familienbild zeigte also nicht nur die Personen, sondern auch Bezüge und die Hierarchie sowie die Rollenverteilung innerhalb der Familie.

War es die Fotografie, durch die sich dieses starre Konzept gelockert hat?

Schon im Barock wurde es lebendiger. Niederländische Maler wie Rubens stellten dar, wie Familienmitglieder interagieren, sich einander zuwenden. Die Fotografie war anfangs dagegen durch die Technik begrenzt. Man konnte aufgrund der aufwändigen chemischen Prozesse, die unmittelbar vor und nach der Aufnahme passieren mussten, nur schwerlich außerhalb des Ateliers arbeiten. Zudem war man von langen Belichtungszeiten abhängig. Das bedeutete, dass die Porträtierten lange in einer Position stillhalten mussten.

...was zu den typischen statischen Schwarz-Weiß-Inszenierungen führte, die jeder gleich vor Augen hat...

Ja. Man nahm aber auch absichtlich die Strukturen der Malerei auf und ihre Techniken der Inszenierung. Der Fotograf hatte in seinem Atelier verschiedene bemalte Leinwände als Kulissen vorrätig, etwa eine Landschaft oder ein Interieur. Davor wurden die Familien positioniert. Auch eine Auswahl an Requisiten stand zur Auswahl. Weil es aber auch schon früh das Bestreben gab, mit dem Fotoapparat raus in die Natur zu gehen, suchte man nach neuen technischen Möglichkeiten. In den 1930er-Jahren war es dann soweit, dass die Fotografie nicht mehr so teuer und exklusiv war, sondern auch immer mehr Laien eine Kamera bedienen konnten und besaßen. Dank Agfa oder Kodak entstanden jede Menge "Knipserfotos", auf denen die Inszenierung, wenn auch nicht gänzlich aufgehoben, so zumindest reduziert wurde.

Waren diese Fotos Ausdruck auch eines gewandelten Lebensgefühls?

Genau. Alles wurde freier. Das zeigt sich auch auf Familienfotos. Wir sehen darauf immer mehr Individualität und persönliche Zuwendung. Deshalb sind Familienporträts ja auch für die Forschung so interessant, denn sie sagen eine Menge über die Gesellschaft aus.

Heute ist alles möglich. Familien lassen sich im Fotostudio inszenieren oder zu Hause im Alltag begleiten. Gestellte Fotos existieren neben ungekünstelten Schnappschüssen. Welche Rückschlüsse lassen sich daraus auf die Gesellschaft und die Rolle der Familie in ihr schließen?

Offenheit ist ein hoher Wert. Man will zum Beispiel zeigen, dass man nicht in der klassischen Mutter-Vater-Rolle verhaftet ist. Das kann man durch bestimmte Posen tun, etwa, indem sich alle Familienmitglieder gleichberechtigt auf den Boden legen. Außerdem geht es heute darum, sich von anderen abzuheben und auf den Porträts selbstbestimmte, individuelle Menschen zu zeigen.

Wie viel auf einem solchen Bildnis ist Realität und wie viel die Darstellung eines Ideals?

Natürlich bildet auch eine Fotografie nicht die Natur 1:1 ab. Sie ist immer ein Ausschnitt, nie die Wiedergabe von Realität. Das haben Kritiker schon gleich nach der Erfindung der Fotografie festgestellt, dass die Fotografie wie die Malerei vom menschlichen Zutun und seiner Interpretation abhängig ist. Wenn ein Familienfoto also heute selbstbestimmte Menschen zeigt, ist das eine Form von Idealisierung. Ein besonderer Reiz besteht darin, genau danach zu suchen, was ein Familienfoto nicht zeigt. Dafür muss man genauer hinschauen. Ein Beispiel: Wenn der Fotograf eine Familie aufstellt, wird er versuchen zu vermeiden, dass es irgendwo eine Lücke gibt oder Personen sich voneinander abwenden. Aber manchmal ist es eben doch zu sehen, und das sind spannende Informationen. Das gemalte Familienbild im 20. Jahrhundert hat bewusst solche Dinge gezeigt, die nicht offensichtlich sind, etwa Lücken oder abgewandte Blicke und andere Unstimmigkeiten.

Was macht die Faszination aus, dass man sich mit der ganzen Familie vor eine Linse begibt?

Es ist nach wie vor eine Möglichkeit sich darzustellen. Doch nicht nur das Produkt ist wertvoll, sondern auch das Ritual an sich. Sich porträtieren zu lassen ist ein Ereignis.

Wird es die Tradition der Porträtfotografie also immer geben, trotz der Flut an Handybildern?

Tatsächlich hat der Gang zum Fotografen abgenommen. Deshalb müssen sich Fotografen etwas Besonderes, Einzigartiges einfallen lassen. Familienfotografie heute spiegelt dieses Angebot wieder, genauso wie sich an ihr die Diversität der modernen Familienstrukturen ablesen lässt.

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