Leben

Nestflüchter oder Stubenhocker? So sieht es in anderen Ländern aus

| Lesedauer: 5 Minuten
Susanne Leinemann

Das „Hotel Mama“ ist vor allem in Spanien äußerst beliebt

Klammernde Eltern, nesthockende Kinder: Wie sieht es eigentlich rund um den Globus aus mit den Abnabelungsversuchen zwischen den Generationen? Wer zieht schnell aus, wer bleibt lange zuhause? Ein Überblick.

In Japan hat das Phänomen der Nesthocker, die auch erwachsen nicht zuhause ausziehen wollen, einen eigenen Begriff: Hikikomori. Das sind junge Menschen – meist Männer – die sich völlig von der Gesellschaft zurückziehen, kaum oder keine Sozialkontakte haben und sich komplett bei den Eltern eingenistet haben. Die Zahlen über diese Stubenhocker variieren stark: Während ein Wissenschaftler 1998 behauptete, es seien rund eine Million im Land, spricht das japanische Gesundheitsministerium aktuell von 50.000. Ein Fernsehsender sprach 2013 von 1,6 Millionen Betroffenen. Hintergrund ist wohl der hohe gesellschaftliche Erwartungsdruck in Japan. Aus Angst, dem Druck nicht standhalten zu können, ziehen sich die jungen Männer komplett zurück. Zum Leidwesen der Eltern, die dann oft noch 30-jährige Söhne bei sich wohnen haben.

Erstaunlicherweise gibt es ein zweites Land, das sich diesem Phänomen stark angenommen hat: unser Nachbarland Österreich. Hier hat man sich an der Universität Linz intensiv mit dem NEET-Phänomen auseinandergesetzt. NEET steht für „Not in Education, Employment or Training“. Gemeint sind Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren, die ziellos und ohne Berufsperspektive durch das Leben wandern und sehr häufig bei ihren Eltern dahinvegetieren. In Österreich sind das rund 8,3 Prozent der Jugendlichen (2013). Die Jugendlichen, die dieses Phänomen betrifft, haben häufig Migrationshintergrund, stammen aus einfachen Verhältnissen, haben keinen Schulabschluss und sehen für sich keine Perspektive in der Gesellschaft. Es sind in diesem Fall aber – anders als in Japan – überwiegend Frauen.

In den USA dagegen läuft die Abnabelung relativ problemlos. Das hat einen einfachen Grund: das College. Rund 63 Prozent der Amerikaner besuchen es nach dem High-School-Abschluss. Im College wird die Grundlage für das Studium gelegt. Für viele Institute verlassen die Kids ihr Elternhaus, um vor Ort auf dem Campus zu leben. Damit zieht man als junger Erwachsener zwar zuhause aus, lebt danach aber immer noch in einem relativ geschützten Raum, der College-Welt und den Dormitorys (Studentenwohnheimen). Nach College und Universität soll dann eigentlich das eigene Leben losgehen: Beruf und Familie. Allerdings steigt auch in den USA die Prozentzahl der jungen Erwachsenen, die zuhause wohnen bleiben. Ein aktuelle Studie besagt, dass mehr junge Amerikaner weiterhin mit ihren Eltern in einem Haushalt leben als in einem eigenen mit (Ehe-)Partner, wie es früher im Land Tradition war. Während 31 Prozent allein Leben, wohnen 32 Prozent noch bei den Eltern. Denn viele kehren inzwischen nach College und Universität wieder nach Hause zurück. Grund sind sinkende Löhne in den USA. Und auch das Problem, eine Liebe fürs Leben und zum Heiraten zu finden. Singles im Hotel Mama halt.

Ähnlich hoch wie in Japan ist die Zahl männlicher Nesthocker in Italien. Auch dort hat man ein eigenes Wort für die jungen Kerle gefunden, die ihr Kinderzimmer nicht verlassen wollen: „Mammoni“, übersetzt Müttersöhnchen. Alternativ nennt man sie „Bamboccioni“ (Riesenbabys). Tatsächlich lebt die Hälfte der 18- bis 39-Jährigen noch bei Mutti zuhause und genießt dort die gute Pasta-Küche. Zwischen 20 und 30 Jahren sind es sogar 70 Prozent. Die Probleme liegen hier ähnlich wie in den USA: Das Einkommen der Männer ist oft zu gering, um sich eine eigene Wohnung geschweige denn eine eigene Familie leisten zu können. Und in Großstädten wie Rom sind Mieten kaum bezahlbar.

Die höchste Rate an Nesthockern in Europa haben aber die Spanier. Fast 80 Prozent der jungen Erwachsenen unter 30 Jahren wohnen noch zuhause. Aber hier hat die Wirtschaftskrise auch besonders hart zugeschlagen, die Jugendarbeitslosigkeit liegt aktuell immer noch bei 42 Prozent. Viele Heranwachsende haben also schlicht keine Möglichkeit auszuziehen – es fehlt das Geld. Und wer einen Job ergattert, kriegt ihn oft nur unter schlechten Bedingungen: befristete Verträge, geringes Einkommen. In Europa folgen übrigens in der Rangliste der Nesthocker – nach Spanien und Italien – Irland (hier sind es viele alleinerziehende Mütter mit Kind) und Griechenland (dort liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei fast 46 Prozent). Grundsätzlich gilt für Europa: Im protestantischen Norden löst sich der Nachwuchs traditionell früher als im nesthockenden katholischen Süden.

Davon abgesehen gibt es auch das umgekehrte Phänomen: Eltern, die ihre Kinder nur schwer loslassen können. Beispielsweise in China. Zu Beginn jedes Semesters begleiten viele Eltern ihr oft einziges Kind an die Uni und campieren noch tagelang vor oder in der Universität, bis sie sich endlich ein Herz fassen und den Nachwuchs zurücklassen. Einige Universitäten öffnen sogar die Turnhallen für die Eltern, damit sie dort auf dem Boden Schlafsack und Bambusmatte ausbreiten können. Diese Kurzzeitunterkünfte tragen den malerischen Namen „Zelte der Liebe“. Grund für diese hochemotionale Abnabelung ist auch die chinesische Ein-Kind-Politik. Ist das Kind erstmal ausgezogen, ist danach das Nest leer. Für immer.